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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 48 (1885) · p. Seite 190

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
48 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 190 (sequence 4)
Language
German
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— 190 — Die Juden, denen er noch kurz zuvor Lobhymnen gesungen, Ware» ihm verhaßt; sie erschienen ihm wieder in dem Lichte, in dem er sie vor 30 Jahren geschaut. In ihm lebte die Ueberzeugung, daß seine zweite Gattin, die, ob schon sie sich zum Christenthum bekannte, die jüdische Abstammung nicht verleugnen konnte, an seinem Unglück, seinem finanziellen und moralischen Verfall Schuld sei, daß er von unserer Seite gegen Fug und Recht einer Freundschaft verlustig erklärt worden, auf die er Werth gelegt. — Indem er glaubte, Grund zu haben, die Juden zu hassen, glaubte er auch der rechte Mann zu sei», der aus der sich gerade damals geltend machenden antisemitischen Bewegung Kapital schlagen könne. Der von Weib und Kind, von Freund und College» verlassene, subsistcnzlose Mann sah sich, er wußte selbst nicht wie, mit einem Male aller finanziellen Sorge» entledigt. Leute, die die Berliner Agitation gegen die Juden verfolgt, behaupten, daß sie ohne Marias scharfe Feder nie diese Dimensionen angenonimen. Er hat sich gerächt, viel Unheil heraufbeschworen, er hat geholfen, unserem Jahrhundert ein Brandmal aufzudrücken, das spätere Geschlechter verabscheuen werden, ja, die Edlen im Volke schon jetzt verabscheuen, eine Schmach des Jahrhunderts nennen." „Und diesem Manne konntest Du Sympathie entgegen bringen?" fragte ich halb vorwurfsvoll, da Charlotte jetzt schwieg. „Fast schäme ich mich dessen," entgegnete meine Freundin, „doch auch wieder nicht! Der Mann, den wir damals gastlich bei uns aufnahmen, war kein Judenfeind; er ist es geworden; der feuergefährlichste Stoff entzündet sich nicht, so lange der Zündstoff fehlt." „Und wie willst Du es erklären," fragte ich meine Freundin, „daß der Mann, den Du ehedem Deiner Zuneigung Werth hieltest, es wagen kann, Dir heut ostentativ jenes Pamphlet in's Haus zu schicken." „Du weißt," entgegnete Charlotte schmerzlich erregt, „wenn das Schiff erst in's Sinken geräth, giebt es keinen Halt; so sinkt auch der Mensch, der den moralischen Halt verloren, von Stufe zu Stufe. Marr gleicht einem Menschen, der nicht weiß, was er thut. Das Verhängniß treibt ihn zu den absurdesten Handlungen. Ich glaube," setzte sie gedankenvoll hinzu, „daß es Wandlungen im Geistesleben des Menschen giebt, — daß der halbreife Jüngling die Situation anders ansieht, als der in der Schule des Lebens gereifte Mann, daß aber Derjenige, dessen Haar bereits bleicht, noch eines so auffälligen Gesinnungswechsels fähig ist, wie ich ihn an Marr erlebt, ist auf ticfwurzclnde Ereignisse zurllckzuführen. Bedauerlich nur, daß die in einem Einzelnen vorgehende Wandlung für die Gesammtheit oft so unheilvolle Wirkungen haben kan». Was Marr, indem er den Religionshaß schürte, gesündigt, macht ihn der Stellung, die er ehedem in der litterarischen Welt eingenommen, verlustig. — Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie er gesunken!" Charlotte verhüllte ihr Haupt mit beiden Händen und schien mächtig erregt. — Als ich des andern Tages einen Spaziergang mit ihr im Rosenthal machte, sagte sie, auf eine sehr auffallend gekleidete Dame, deren Gesicht wie mit Pasta belegt schien, deutend: „Cherchez la femme!“ „Du willst doch nicht sagen," entgegnete ich, „daß sie ihn dem Antisemitismus in die Arme getrieben?" „Nicht sie allein," antwortete Charlotte, „aber: „Kleine Ursachen, große Wirkungen!" Hüten wir uns, der Stein des Anstoßes zu sein, kommt er einmal in's Rollen, so kann Niemand absehen, was er im Sturze mit sich fortreißt. V Verantwortlicher Redacteur Or. Rahmer, Magdeburg. Druck von Allerlei für de« Familientifch. <^Upzig, 14- Novbr. Gelegentlich des Stöcker-Commerses, der gestern Abend nach dem von Stöcker auf Einladung des „evang. Männervereins" gehaltenen Vortrage: über „Schriftenverthcilung als Mittel zur Evangelisation", in der Centralhalle statffand, wurde Herr Stöcker von dem Judenmissionar Faber über seine Stellung zur Judenmission interpellirt. Herrn Stöckers Antwort lautete ungefähr dahin, daß er im Princip ein Gegner der Judenmission nicht sei, wohl aber dagegen sich erklären zu müssen glaube, daß man gelegentlich dieser Mission, die Juden als das „auserwähltc Volk" bezeichne. Aus Müßringe» i. Württemberg. Wie hier der alte biblische Grundsatz: „Ein Recht für Alle!" bis in die höchsten Kreise hinauf Leven und Wahrheit geworden, ersehen wir aus folgendem Falle. Das Seligman» Gideon'sche Ehepaar in Horb a. N. feierte zu Ende v. Mts. seine goldene Hochzeit. Da die Jubilanten wohl reich an Nachkommen, aber arm an materiellen Mitteln sind, so wandte sich der hies. Bezirksrabbiner Or. Jaraczewsky an Se. Majestät den König Karl mit der Bitte um eine Unterstützung des mittellosen Ehepaares, worauf derselbe schon an dem darauf folgenden dritten Tage folgendes Schreiben erhielt: „Die Unterzeichnete Stelle hat auf Allerhöchsten Befehl den Herrn Rabbiner Or. Jaraczewsky in Mühringcn zu benachrichtigen, daß Se. Königl. Majestät deffe« unmittelbare Eingabe vom gestrigen Tage, die goldene Hochzeitsscicr der in Horb wohnenden Gideon'schen Eheleute betreffend, eingesehcn und denr Königl. Finanzministerium behufs Verabreichung eines Gnadengeschenkes für die Ehejubilanten haben zusertigen lassen." Kabinet des Königs: v. Griesinger." ptl|fd Aufgaben, jjcßf»- I. Deutsches Kogogryph. Von 6. in 8. Geh' hin zur Schrift und suche Nach einem alten Buche, Das auch als Instrument Man oft also benennt. Den Kopf und noch ein Zeichen Laß nach der Mitte weichen, So ist's mit einem Mal Ein nützlich Mineral. II. Zweisprachiges Menderathsel. Von I. Herzberg. Wie heißt der Fluß am Nordseestrand, In Holstein ist er wohl bekannt, Triffst Du hebräisch an daS Wort, So find'st Du auch den Hirten dort. III. Hebräisches Chanaka-Grempel. Von II. B. in M. :roürr -ub rcn ,i»un xin npVi n«a mviö rran tosia’ orn In diesem Bibelverse soll eine Beziehung aui (5hanuka liegen — wer findet sie? _ _ . Auflösung der Rathsei in Ur. 47. I. O'2 (Beutel), 2S (Herz), der Monatsname 1^02- Wo voll der Bcutel, leer das Herz, Wird nie gelindert Noth und Schmerz: Doch wo sich Kis mit Leiw verbunden, Ist Monat Kiesleiw gleich geftmden. L. Cohen, Lehrer in Rees a. Rh. II. Haß, 271 (schweige). D. L. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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