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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 48 (1885) · p. Seite 188

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
48 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 188 (sequence 2)
Language
German
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— 188 — mit Erlaubnis des ehrwürdigen Herrn Vaters noch ein klein wenig in unserer Gesellschaft bleiben zu wollen", sagte der greise Dechant mit einem fragenden, freundlichen Blick auf den bisher noch gar nicht zu Worte gekommenen Rabbiner. „Ehe ich das Wort an meine liebe Tochter richte, erlaube ich mir, Sie Hochwllrden, in meinem kleinen unscheinbarem Heim achtungsvoll zu begrüßen, und herzlich willkommen zu heißen —" so sprach der Rabbiner als Hausherr, während er seinem illustern Gaste sreundlichst die Hand drückte, „ich dachte allerdings, es stehe dem jungen Mädchen, meiner lieben Mathla, wohl an, sich, wo ernste, höheren Zwecken dienende Männer zur Besprechung zusammcnfinden, bescheiden zurückzuziehen, doch so mein vielgechrter Gast ihre Gegenwart billiget, ja ausdrücklich wünscht, wird meine Tochter uns gerne Gesellschaft leisten, zuvor aber wolle mein Kind unserem hochwürdigen Gaste einen kleinen Imbiß bringen, Hochwürden werden genügsam fürlieb nehmen mit dem, was unsere geringe Häuslichkeit zu bieten vermag". — „Wohl werde ich das, ja ganz gewiß — sagte der Dechant — ich war nie ein Kostverächter, und werde dies um so weniger im Rabbinerhause sein, allwo, wie ich weiß, das Mahl durch ein Gericht „Ger»gegeben" gewürzt wird, aber dem ehrwürdige» bibelfesten Hausherrn sage ich mit den Worten des treuen Knechtes Elieser aus Damaskus: „ich esse nicht eher als bis ich gesprochen haben werde"- Ich bin ein alter schlichter Landpfarrer, und bin gewohnt, auf der Kanzel ebenso wie im Privatverkehre ohne Wortgeplänkel geradezu ans den Gegenstand meiner Besprechung einzugehen; so lassen Sie mich denn auch ohne Umschweife sagen, mein Verehrtester! ich bin seit einiger Zeit Mitwisser eines zarten delicaten Herzensgeheimnisses geworden, ich weiß nämlich aus dem Munde des bei mir wohnenden und von mir der Ausbildung zugeführten Lehrers Jaroslawsky, daß er Fräulein Mathla, Ihre wackere Tochter, liebe"-— bei diesen Worten sah er der jählings erbleichenden und gleich darauf wieder wie vom Purpnrroth übcrgossenen Mathla, und dem wie durch eine Feder von seinem Sitze cmporgeschnellten Rabbiner fest ins Antlitz — „bleiben Sie ruhig auf Ihrem Sitze, mein ehrwürdiger Freund! behalten Sie ruhig Blut, mein Fräulein, und möge der eben von mir ausgesprochene Name nichts Schreckliches für Sie haben; — ich kann es mit stolzem Bewußtsein, als gewesener Erzieher des jungen Lehrers sagen: der Mensch und Lehrer Jaroslawsky verdient das Wohlwollen, mit dem Sic ihm den Zutritt in Ihr so geachtetes, ehrenwerthes Haus gestattet haben, in vollem Maaße, er ist bescheiden. Pflichttreu, und für das ehrenvolle Lehramt tüchtig vorgebildet, und wird ein ganzer Mann werden — ein Mann dessen kein Mädchen, dem er seine Gunst und Verehrung entgegenbringt, sich zu schämen hätte. — „Ja, mein Gott! wir achten, ehren und schätzen — sagte nun, etwas ruhiger geworden, der Rabbiner — den jungen Mann aber — — —" Ja! ich begreife, ich fühle es mit Ihnen, cs ist das religiöse Moment, das dauernd sein „vsto" ruft und es ist der Christ Jaroslawsky, der sich wie ein Gespenst zwischen Herzensneigung und Väterglauben stellt — — doch, aus dem Katholiken Jaroslawsky kann und wird ein braver, wackerer, seinem Herzen treu bleibender Jude werden". — — „Hochwürden! das kann wohl nicht ernstlich gemeint sein, ein Gottesdiener wie Sie kann einem dem Rcligionsdienste geweihten Manne wie ich, wohl nicht allen Ernstes zumuthen, das Glück seines Kindes dem Glaubenswechsel des sie beglücken sollenden jungen Mannes verdanken zu wollen; ebensowenig als ein gediegener Charakter, wie Sie, mir einen Mann, der seinen Glauben wie ein Kleid zu wechseln vermag, wirklich als Lebensgefährten meines Kindes empfehlen könnte. — „Nur ruhig Blut mein Verehrtester! nur Geduld mit meiner etwas langsamen, ein wenig unbeholfenen Mittheilungsweise! Bald soll Ihnen und dem geschätzten Fräulein durch mich Alles klar werden. — Vor Allem gebe ich Ihnen die Versicherung, daß auch ich dem Glaubenswechsel allezeit abhold gewesen, und trat ich demselben auch dann feindlich und verdammend entgegen, wenn durch denselben dem Christenthum eine Seele zugeführt werden sollte; — wie aber — diese Frage stelle ich an Ew. Ehrwürden — wenn es sich um ein Jndividuunc handelt, dem das Christ ent hum d. h. seine christliche Confessio» nicht angestammter Väterglaube, sondern ohne eigenes Wissen, und ohne eigenen Willen gleichsam aufgedrungenc Religion ist?—was würden Sie, ehrwürdiger College! vom Christenthum eines Individuums halten, das als kleines willen- und hilfloses, durch den Tod der Eltern beraubtes Kind von einem fanatischen, übereifrigen jungen, himmelstürmenden Priester ohne irgendwelche behördliche Zustimmung, ohne jedwede zwingende Veranlassung, bloß vom Fanatismus geleitet, getauft wurde —? „Was ich von einem solchen Christen halten würde? rief der Rabbiner im Tone aufrichtiger, edler Entrüstung —11 ich würde einfach sagen „der die Taufe vorzunehmen gewagt, war kein edler Priester und hat nicht im Sinne des wahren, reinen Christcnthumes gehandelt, ich würde ferner meiner Meinung dahin Ausdruck geben, daß ein in solcher Weise, gleichsam zum Christ-nthume gepreßtes jüdisches Kind, wenn es später herangewachsen, über das geistige Wesen der Religionen belehrt, und von seiner jüdischen Abstammung in Kenntniß gesetzt, von der Wohlthat des interconfessionelleu Gesetzes Gebrauch macht und zum Judenthumn zurückkehrt, diese Rückkehr als ein durchaus nur zu billigender, und vollkommen gerechtfertigter Glaubenswechsel zu betrachten sei. —" — „Bravo! mein ehrwürdiger Freund! mir ganz aus der Seele gesprochen — sagte der greise Dechant — und nun mögen Sic und Fräulein Mathla wissen, was noch bis heute außer mir hier Niemand, und zwar selbst der zu allernächst Betheiligte nicht weiß — der Hiflslehrer Jaroslawsky hier ist kein geborner Christ, er ist vielmehr ein jüdisches Soldatenkind—! Aus den Händen seiner, von einer verirrten Flintenkugel auf den Tod verwundeten Mutter, habe ich das schlummernde Kind am Abende des Schlachttages, nachdem dessen Vater gleich am frühen Morgen des Schlachttages gefallen war, empfangen, als ich damals als Pfarrer eines benachbarten Dorfes das Schlachtfeld nach Verwundeten absuchte, um ihnen womöglich seelische oder leibliche Hilfe zu bringen; ich versprach der unter meinen Händen sterbenden junge Wittwe für das verwaiste Kind zu sorgen, chm ein väterlicher Freund zu werden und es in wenigen Tagen schon, wenn nur die Kriegsfurie ausgetobt haben dürfte, der mit Recht allgemein anerkannten jüdischen Milde in irgend einer nahen Cultusgemeinde zu empfehlen — da wars, fast schäme ich mich es zu gestehen, mein damaliger Caplan, ein junger fürwitziger, mehr fanatischer als wahrhaft frommer Priester, der meinen rein menschlichen Plan boshaft durchkreuzte, er gab in einer Stunde, in der ich zum Besuche der Militärspitäler abwesend war, dem Kinde die Taufe. — Tiefen, unsäglichen, nachhaltigen Schmerz hat mir diese fanatische That des jungen Priesters bereitet — doch ich mußte mich fügen — die Taufe war vor Zeugen in bester Form, wenn auch rasch und ohne besondere Ccremonien vorgcnommen worden —■ ich behielt das Kind, unter meiner Aufsicht, ward es erzogen, auf meine Kosten später ausgebildet, und der wackere katholisch- Hilfslehrer Jaroslawsky an hiesiger Schule ist der frühere Judenknabe, da» jüdische Soldatenkind". (Forts-tzung fotzt.) Versöhnt! & Original-Roman von Ida Barber. (Fortsetzung.) Die junge Frau engagirte einen Führer und unter dem Vorwände, Venedig kennen lernen zu wollen, besuchte sie die Kirchen und Museen, überall nur flüchtige Blicke um sich werfend.

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