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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 48 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
48 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 48 188S. Jüdisches Herausgegkbcn von l)r. Rahmer in Magdeburg. Jit Wtnhattm-n. Ketehrmg für die isnilitWe Jnjtnb. Jnhalt Jnterconsessloncll. Eine Erziihlnng ans halbvcrgangencr Zeit. Bon Rabbiner Or. Ehrentheil in Horitz. (Fortsetzung). — Verlohnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Zur Characteristik des Vaters des Antisemitismus. Bon Jda Barber. Allerlei für den Familientisch: Leipzig. — Mühringcn. — Räthsel-Ausgaben und Riithscl-Lösungen. Jntereonfesfionell. 8 Kim Krzähkung aus yawvergaugener Zeit. Von Rabbiner vr. Ehrentheil in Horitz. X. Pochenden Herzens, von banger Angst erfüllt, stand, zum ersten Male im Leben, heute die sonst so lebensfrohe, dem geliebten Vater stets jubelnd entgegeneilende Mathla zögernd an der Thüre des väterlichen Studirzimmers, che sic die Hand auf de» Drücker legte, um zu öffnen; endlich stand sic in dem ihr so lieb gewordenen Raume, ihr Auge suchte das milde, sanfte Antlitz des Vaters, und doch war's — wie eine Erlösung für sie, daß sie das Zimmer leer, den geliebten Vater nicht anwesend fand; „Der Herr Rabbiner — sagte aus Befragen Mathla's die alte Köchin Hanna — „ist sogleich nach dem Morgengottesdienste auf den Friedhof gegangen, allwo in früher Stunde die Leiche eines auf der Durchreise vier verstorbenen kranken Bettlers beerdiget werden soll." Der cngelmilde, gute Gottesgelehrte mit dem sanften, edlen Herzen im Busen! Wie er so eifrig in früher Tageszeit, trotz feuchten Morgennebcls, den steilen Friedhofbcrg hinaneilte, um den sterblichen Ueberresten eines Bettlers, in Erfüllung einer Herzenspflicht, in echt jüdischer Nächstenliebe die letzte Ehre zu erweisen, er hätte es wahrlich am allerwenigsten verdient, daß sich dafür bei dieser Gelegenheit gerade, der Bosheit Zahn an ihm wetzte, und doch wars dem wackeren Manne beschieden im Umgänge mit einem tief unter ihm stehenden, seelisch verkommenen Wesen, bittere Erfahrungen zu machen —; er hatte kaum die geheiligte Bodenstäche des Gottesackers betreten, als er des Friedhofwächters Zalels ansichtig wurde, der sich unbeobachtet glaubend, von einigen Gräbern die eine oder die andere der auf denselben gepflanzten eben in schönster Blllthe stehende Blume abschnitt und die abgeschnittene» Blumen zu einem Sträußchen znsammenband — „was thut er denn da wieder, er Unglücksmensch?" ries der ob dieser Pietätlosigkeit entrüstete Rabbiner —, weiß er nicht, daß was auf diesen Gräbern wächst, geheiligt, als zum Grabe gehörend, und als unantastbar betrachtet und geschont werden muß? „Ich dachte nur jüdischen Glaubensgenossen sei es unerlaubt, die auf Gräbern blühenden Blumen zu pflücken, und ich habe dies Sträußchen für einen Christen zusammengebunden, ich will nämlich dem hiesigen Lehrer indirect eine Freude bereiten, indem ich dies Sträußchen einer seiner kleinen Schülerinnen überlasse, die es ihm zu seinem morgigen Geburtstage überreichen wird — selbst die Kinder hierorts wissen ja, daß der Herr Hilfslehrer Jaroslawsky ein Freund von auf jüdischem Boden gewachsenen Blumen und zwar von lebenden jüdische» Blumen ist —" so sprach Zalcl und seine Augen hefteten sich bei diesen Worten Funken sprühend auf den in tiefer Erregung vor ihm stehenden Rabbiner. — „Was will er damit gesagt haben? und warum flxirt er mich so scharf bei dieser seiner Bemerkung über den braven jungen Lehrer? — „Nun! einfach darum, weil ja das Rabbinerkind, Fräulein Mathla, wohl eine der schönsten jüdischen Mädchenbl umcn, und auf geheiligtem Boden des Rabbinerhauses gewachsen ist, was Wunder, daß es in Allerwelt Munde ist, der junge Lehrer sei ein Liebhaber von zarten Blumen, und suche und finde sie auf echt jüdischem Boden des Rabbinerbauses" —sprachs, schlug eine laute widerliche Lache auf. und war mit einenr jähen Sprunge aus der Nähe des Rabbiners, gleich darauf auch aus dem Bereiche des Gottesackers entschwunden.- Ueber den armen, gutmllthigen Rabbiner waren des schurkischen Zalel boshafte Worte wie ein eisiges Sturzbad gekommen, Röthe und Blässe wechselten in seinem Gesichte, er stand wie versteinert, es ward ihm so wehe geworden, und er mußte sich mächtig aufraffen, um bei dem gleich darauf stattfindenden Begräbnisse mit allerdings erkünsteltem Gleichmnthe ein kurzes Gebet laut vernehmbar sprechen zu können —; endlich war die einfache Function vorüber, die wenigen Tbeilnehmer verließen nach und nach einzeln und in kleinen Gruppen den GotteSacker, der arme innerlich gebrochene Rabbiner aber lenkte noch erst seine Schritte zu dem Grabe seiner unvergeßlichen Gattin hin. — „Ach wie ist Dir so wonnig wohl! wie ruhst Du so sanft, so weit entfernt von der Nähe böser Menschen, die mit Tigerwuth ihre Krallen in arglose Herzen schlagen, und im Schmerze ihrer Opfer eine milde, thierische Befriedigung finden — schlummere sanft, und mich möge Gott stärken um Schutz und Schirm hinieden zu werden —für unser Kind." Tief empfunden, lautlos und von Niemand gehört, drangen diese Worte aus dem tief verwundeten Herzen des feinfühlenden Rabbiners hervor, und lautlos, ohne irgend Jemand anzureden, die ihm dargebrachten freundlichen Grüße bloß durch ein Kopfnicken erwidernd, schritt in düsteren Gedanken versunken der ins Vaterherz getroffene Mai», seiner Wohnung zu; doch welche Ueberraschung erwartete ihn daheim!-„Gott zum Gruße, ehrwürdiger Herr College!" rief ihm aus dem Fonds seines ziemlich großen, freundlichen Empfangszimmers die ihm bekannte sonore Stimme des von ihm hochgeschätzten Herrn Stadt-Dechanten entgegen. — „Sie finden mich als sehr frühzeitigen Besuch in Ihrem Hause, allwo ich seit einer halben Stunde etwa — genau kann man die Zeit in Gesellschaft Fräulein Mathla's sehr schwer bestimmen — mir die Ucberzcugung verschaffte, daß nicht bloß junge, sondern auch alte betagte Männer vom unwiderstehlichen Zauber der Conversation mit jungen, geistvollen Damen gleichsam in Bann gehalten werden — fürwahr! Fräulein Tochter macht Ihrer häuslichen Pädagogik alle Ehre". — „Sie sind — sagte Mathla hierauf — ein allzu gütiger, nachsichtsvoller Beurtheiler meines geringen, kaum nennenswerlyen Conversationstalcntes — und da mein ehrwürdiger Vater und Lehrer nun wieder daheim, sollen Sie durch s eine geistvolle Unterhaltung vollends entschädiget werden, während Sie mir gütigst gestatten wollen, mich zu entfernen" mit diesen Worten wollte Mathla, sich höflich vernclgend, die Stube verlassen, doch der greise Dechant vertrat ihr lächelnd den Weg, „ich muß schon bitten, geschätztes Fräulein — l

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