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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 47 (1885) · p. Seite 185

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
47 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 185 (sequence 3)
Language
German
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Jener gemllthrcichen, edlen Menschen gedenkend, die sic einst, da sie sich gleichfalls elend wähnte, so freundlich'bei sich ausgenommen, schrieb sie ihnen anfänglich ohne die Absicht zu haben, den Brief abzusendcn, nur um in ihrer Ver- .cinsamung mit Jemand, der ihrem Herzen Werth, plaudern zu können. Als der Brief dann fertig war und sie ihn thränenden Auges überlas, dachte sie doch: „Vielleicht, selbst wenn sie mir zürnen, rührt sie mein Unglück. — Ihnen, den frommgläubigen Juden, habe ich gebeichtet, wie ich keinem Pater in seiner Clause beichten möchte! Sie werden mich verstehen und selbst wenn sie mir zürnen, ein beruhigendes Wort für' mich haben." Wie Jlka erwartete, traf auch postwendend die Antwort ein; zwnr schrieb nur die Tante, der Onkel hatte nicht einmal einen Gruß beigefllgt, aber daß man ihr nun antwortete, erfüllte sie mit Freude und Seligkeit. Zitternd vor Aufregung burchlas sie den Brief. Die Tante schrieb: „Armes, bedauernswcrthcs Kind! Ich kann Dir nachfühlcn, wie schwer Du unter der Wucht der Selbstanklagen leidest! Deshalb schreibe ich Dir, verliere den Muth nicht! Gott har cs sogefügt, daß Du jene Unterredung hören mußtest, ehe Du Dich dem Grafen zu eigen gabst.— Bleibe standhaft! Verzichte aus ein Zusammenleben mit ihm. Fühle in Dir den Stolz des jüdischen Weibes, das nur dem Manne, den es liebt, angehören will. Daß Du in die Taufe willigen, ja noch mehr, daß Du Sanders vergessen, den Grafen hcirathen konntest, verstehe ich nicht, obschon ich Deinen Brief sechs Mal gelesen; —. offen gestanden, ich erkenne die Jlka nicht wieder, die ich noch vor wenigen Monaten wie eine Tochter liebte; indeß daran, daß Du dem Grasen nicht zu Willen bist, freue ich mich, noch einen Funken jener Charakterfestigkeit wahrzunchmen, die wir damals an Dir schätzten. Vor Allem, liebe Tochter, denn als solche stehst Du in 'Deinem Unglück meinem Herzen nahe, verzweifle nicht! Nimm Alles, was Du erdulden mußt, als eine Prüfung hin! Du hast gesündigt, das kannst Du nicht in Abrede stellen; nach göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit mußt Du dafür leiden. Dein und Deines Vaters Ehrgeiz ist erfüllt; Du tist Gräfin! Um welchen Preis? Danach fragt die Welt nicht! Sie wird Dich beneiden, Dich eine glückliche Frau nennen; bist Du ja in Venedig, der Stadt der Wünsche all' Derer, die gern ihre Flitterwochen dort verleben. Soll ich Dir nun einen Rath ertheilen, liebe Tochter? .Kümmere Dich nicht um den Grafen; thue, als kennest Du ihn nicht! Bleibe consequent! Mag er gehen, wohin und mit wenr immer er null — seine Wege sind nicht Deine Wege. — Jetzt, da Du noch seinen Namen trägst, mußt Du selbstverständlich Alles meiden, das Dich in den Augen der Welt discrcditiren könnte. Es macht mich besorgt, daß Or. Sanders, der ja auch in Venedig weilt, Dich sehen und die alte Leidenschaft in ihm erwachen könnte. Er schreibt uns zwar, daß er vollständig von derselben geheilt sei; in den Wochen, da er krank in Ischl darniederlag, sei er zur Einsicht gekommen, daß Du kein Gefühl für ihn habest; der arme Mensch muß unsäglich gelitten haben; konntest Du wirklich jenes Attentat nicht verhindern? Meide Sanders, wenn Du ihm begegnest, schon um dem Grasen kein Recht zu gebe», Dich zu verdächtigen, Du unterhieltest frühere Beziehungen . . . . ." Als Jlka bis hierher gelesen, entfiel der Brief ihren Händen. „Sanders in Venedig? Der Graf ein Attentat verübt?" Sie niußte Klarheit haben. Nur flüchtig überblickte sic den Schluß des Briefes und mit einer Entschlossenheit, die ihr sonst nicht eigen, griff sie nach Hut und Schirm. Straßauf, straßab wollte sie laufen, bis sie ihn finden würde. Von ihm wollte sie hören, was es mit jenem Attentat, mit seinem Kranksein für eine Bewandtniß gehabt, ihn bitten — doch nein, die Tante mahnte sie davon ab, daß sie ihn überhaupt spreche. Ja, sie konnte gut aktmahncn! Hatte sie denn eine Ahnung, was in ihrem übervollen Herzen vorging, welche Umwälzung ihre Worte da angerichtet? Da sie Sanders in Venedig wußte, fühlte sie sich nicht mehr allein; ihr Blick leuchtete wieder auf, der ihr inne wohnende trotzige'Muth belebte sie wieder; ja, was auch immer die Welt dazu sagen würde, sie wollte, sie mußte ihre Beziehungen zu Sanders wieder aufnehmcn, zum Mindesten sich darüber Klarheit verschaffen, wie er über sie denke. (Fortsetzung folgt.) Zur Charakteristik des Malers des Antisemitismus. Von Jda Bar der. (Fortsetzung.) „Zu spät erkannte ich, daß wir nicht zueinander paßten. Da ich ihre Excentritäten nicht gut heißen mochte, kam cs zu ernsten Zerwürfnissen, die wohl oft wieder durch chre bezaubernde Liebenswürdigkeit bcigelegt wurden, doch stets von Neuem Gift und Galle erzeugten, wenn ich darauf bestand, sie habe von ihren Grundsätzen zu lassen. Endlich kamen wir überein, daß es das Beste wäre, auseinander zu gehen. — Die Scheidungsklage ist bereits eingereicht; ich werde glücklich sein, meine Freiheit wieder erlangt zu haben! — Gar oft, fast täglich kam Marr damals in unser Haus. Am Freitag Abend lud' er sich selbst zu Fisch und Klößchen ein, Niemand ahnte, daß er irgend wie judenseindliche Gesinnungen habe. Da er mich seit Monaten mit Lectüren zu versorgen pflegte, mir auch theilweise, Novellen, Romane, Reisebeschreibungen, Broschüren, die er selbst versaßt, in's Haus brachte, die alle frei und vorurtheilslos geschrieben waren, nahm ich keinen Anstand, eine Broschüre „Judcnspiegel", die er mir einst mit anderen Büchern sandte, auf meinen Schreibtisch zu legen. Er selbst sagte, als er sic mir gab, ich möge, wenn ich sie lese, bedenken, daß sie zu jenen „Jugendcseleien" gehöre, über die der gereifte Mann lächelt; — er habe sie in den vierziger Jahren geschrieben und verstehe heut selbst nicht, wie er damals derartige Gesinnungen hegen konnte. — Weit entfernt, jener Broschüre oder dem Umstande, daß er sie in inein Haus brachte, eine Bedeuttcng beizulcgen, oder in dem Vorgang eine persönliche Beleidigung erblicken zu wollen, war ich höchlich überrascht, als mein Mann, der sonst noch vorurtheilsloser als ich zu sein pflegte, in wahre Zorneswuth gerielh, als er jenes Büchleins ansichtig wurde. „Das wagte er mir in's Haus zu bringen", rief er erregt; nie inchr darf er mein Haus betreten! Und sämmtliche Bücher, Kant, Lessing, Spinoza, die ich von ihm geliehen, einpackend, sandte er sie ihm mit einem in nicht gerade höflichen Ausdrücken abgefaßten Schreiben zurück, in dem er ihm rieth, nach Rumänien zu gehen, an den dortigen Judenverfolgungen Theil zu nehmen, es ihm aber aufs Strengste verbot, je wieder seine Schwelle zu betreten. — Ich war sprachlos. Was konnte meinem sonst so ruhigen, leidenschaftslosen Manne m eine so hochgradige Aufregung versetzt haben? Er hatte Marr als guten Gesellschafter gern gesehen, oft bis gegen Mitternacht mit ihm geplaudert, nachdem ich mich längst von der Unterhaltung zurückgezogen. — In meinen Augen war der Judenspiegel, da Marr selbst ihn als „Jugendesclci" hinstellte, hernach sehr viel Werth auf seine Beziehungen zu jüüi schen Familien legte, 2 Frauen jüdischer Abstammung gehabt hatte, seine Wandlung offen bekannte, keine Beleidiguug. Ich blieb damals neutral, sagte mir einfach, daß mein Mann einen vielleicht unbequemen Hausfreund auf eine bequeme Art hatte los werden wollen. — (Fortsetzung folgt.)

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