Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 47 (1885) · p. Seite 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
47 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585295--0489-9585297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

— 184 den jungen Mann empfand? sollte sie nicht zuvor noch ihr Herz genauer prüfen, eheste dem armen, so strenge religiösen, wenn auch milden Vater den Schmerz bereite» durfte, ihm zu gestehen, das; sic eine» Christen liebte? nicht etwa, das; das Glaubensbekenntniß des jungen Lehrers an und für sich schon dem wahrhaft frommen Rabbiner ein Gräuel gewesen wäre — M q thla kannte die milde wahrhaft religiöse und darum auch freisinnige Anschauung ihres Vaters, ihm, das wußte sie, galt jedes edle wahrhaft humane Herz als ein Juwel, gleichviel ob es im Busen eines Juden, Christen oder Muselmannes schlug — aber sie wußte auch, daß es besonders, seit er Wittwer geworden, der sehnlichste Wunsch ihres Vaters war, seine geliebte Tochter durch eine anständige Hcirath zu versorgen — wie sollte sie nun durch das Geständniß, daß der Mann, der ihr Herz gewonnen, als Christ niemals ihr Gatte werden konnte, den Versorgungsplan ihres Vaters so grausam durchkreuzen? -ja! wie kam es überhaupt, daß das ausschließlich in jüdischer Anschauung, i» jüdischer, minutiöser Religionsübung erzogene Mädchen, in der Conversation mit dem christlichen, im Pfarrhause erzogenen, und daselbst noch heute lebenden Jünglinge Gefallen finden, ja mit mächtigen Banden zu diesem Jünglinge sich hingezogen fühlen konnte, ohne, wie so viele Warmfllh'ende unter uns, sich frostig angeweht zu fühlen, von dem eisigen Hauche, den die Verschiedenheit der Confessio» selbst zwischen geistig und seelisch bevorzugten Menschen dann und wann, doch mehr oder weniger ausströmt —? wie ist cs psychologisch zu erklären, daß der in der Atmosphäre gut christkatholischcn Lebens ausgewachsene, dem jüdischen Gesellschaftskreise bisallhier völlig fremd gebliebene Bonifaz seit der zufälligen Begegnung mit der Rabbinerfamilic sich in diesem kleinen Kreise so wunderbar heimisch fühlte? warum wars den; jungen Manne immer, so ost er im Rabbinerhausc weilte, und dem lehrreichen und anregenden, niemals fanatisch schwärmerischen, doch allezeit humanen Gesprächen des freundlichen Hausherrn lauschte, so wonniglich wohl im Herzen? warum waren die im Rabbinerhause so oft zufällig an sein Ohr gedrungen, ihm doch vom Hause aus ganz fremde jüdisch-religiösen Klänge von so mächtiger Wirkung auf sein Gemüth, daß er ost nicht anders konnte, als dem ehrwürdigen Rabbiner und seinem licbenswerthen Kinde, diese ihm selbst so räthselhafte Erscheinung mitzutheilen —? diese und ähnliche Fragen durchkreuzten das Gehirne der lieblichen Mathla, bis endlich, fast gebrochen von der Wucht der sie tief aufregenden Empfindungen, schon graute der Morgen, ein unruhiger Schlummer ihre Sinne gefangen nahm — und so fand sie die Helle, goldige Morgensonne, unausgekleidet auf ihrem Lager, bis endlich ein allzuindescrcder Sonnenstrahl, der durch die blendend weißen Gardinen am Fenster ihrer Schlafkammer gedrungen war, ihr ein „Wach auf!" in glänzender Goldschrift auf die reine Stirne schrieb — und sie erschrocken ob ihres späten Erwachens rasch das Lager verließ. — (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! * Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Von jetzt an concentrirte sich Sanders Thun und Denken darauf, wie er den Grafen unschädlich machen könne. Ihn fordern? Zandos war ein guter Schütze und er selbst hatte in den letzten Jahren keinerlei Hebung gehabt. Sollte er des Duells wegen Schießversuche anstellen? Dann galt es Zeit gewinnen, sich jetzt dem Grafen entziehen, doch ihn beobachten, damit ihm der Vogel nicht entschlüpfe. Gar bald wußte er, daß der Graf, der, wie der Meldzettel sagte, mit seiner Gemahlin im Hotel garni abgesticgen, hier circa vier Wochen zu verweilen gedenke. Die Hälfte der Zeit mußte genügen, ihn zum tüchtigen Schützen heranzu bilden. Ja, er wollte ihn treffen, sicher, ihn scharf auf's Korn nehmen, daß er lebend den Kampfplatz nicht verlasse. Doch wen» er selbst verwundet würde? Was lag an - seinem Leben! Es hatte keinen Werth mehr für ihn, .seitdem er diejenige verachten gelernt, die seines Lebens Ideal gewesen. Er wußte, daß sie unglücklich sei; das rührte ihn nicht; war sie ihm doch eine Fremde geworden, deren Schicksal ihn nichts anging. Gar ost, wenn er den Grafen allein äusfahrcn sah, fragte er sich: „Was macht sie in ihrer Einsamkeit? Warum begleitet sie ihn nicht? Ist sic vielleicht gar krank?" Weit cnferni, den eigentlichen Grund ihres Alleinseins zu errathen, entging er sich in allerhand Bermuthungen, die ihm Stoff zum Denken gaben, ohne daß auch nur das geringste Mitgefühl für die anscheinend Unglückliche erwachte. O, Hütte er gewußt, wie oft sie in ihrer grenzenlosen Verzweiflung seiner gedacht, seine» Namen rief, der schönen Tage gedachte, da sie sich seiner Liebe so sicher glaubte und sie mit ganzem Herzen erwiderte. Ja, Jlka war zur Einkehr bei sich selbst gekommen. Zu spät hatte sie erkannt, daß Ellimsr's selbstlose Liebe sic hätte glücklich machen können. — Jener Einflüsterungen der frommen Schwester und aller Gegenbeweise mochte sie nicht gedenke», nur seiner süßen, herzigen, liebeivarmen Worte, seiner wahren Empfindung, die so grundverschieden von der geheuchelten des Grafen war. Wohl keine Stunde verging. o>ne daß die junge Frau sich nicht die bittersten Vorwürfe machte, ihn von sich gewiesen zu haben. Jetzt, da sie aus ihrem Rausch erwacht war, klangen seine letzten Worte: „Jene Resi, die, als ich noch Gymna- . siast war, mich mit ihren Liebesanträgen verfolgte," an ihr Ohr. Wenn jene Briefe wirklich noch von jener Zeit her"-. rührten? In ihrer krankhaften Aufregung hatte sie damals angenommen, daß jene Beziehungen zu der Zeit existirten, als er sich um ihre Liebe bewarb. — Deshalb wandte sie sich von ihm ab. — Jetzt erst sagte sie sich, daß sie ihn doch hätte hören müssen, daß sich dann vielleicht Alles gewendet, sie sich nimmermehr zum Opfer des väterlichen Ehrgeizes gemacht hätte. — Doch nun war sie Gräfin Zandos! Sie mußte ihr Schicksal mit Würde tragen. ' Nicht die ärmste Bauerndirne fühlte sich so vereinsamt, wie die stolze Gräfin. Niemand, mit dem sie sprechen, dem sie ihr Leid klagen konnte. Allein in dieser fremden Stadt, unter .lieblosen Menschen, allein mit diesem Mann, den sie verabscheute, der cs jetzt nicht einmal mehr für »öthig hielt, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, der tagelang ausblieb, ohne daß sie wußte, wo er seine Zeit zubringe. In den ersten Tagen hatte er sie aufgefordert, mit ihm gemeinsame Spazierfahrten zu mache»; da sie es damals abgelehnt, ging er jetzt allein seines Weges und sie, zu stolz sich ihm aufzudrängen, obschon.sie jetzt schon, des ewigen Alleinseins müde, gern mit ihm hinausgefahren wäre, zog sich auf sich selbst zurück, weinte stundenlang, und wenn sie ihm dann mit gerötheten Augen, ein lebendiger Vorwurf, entgcgentrah wandte er unwillig den Blick, jeder Aussprache ausweichend. Der gute Mann wollte jetzt gar keine Versöhnung Lucia verstand ihn zu fesseln; ihre üppigen Reize, ihre freie mit Zoten durchwürzte Redeweise lockten ihn entschieden mehr als die Seufzer und Vorwürfe seiner Gattin. Machte er sich Vorwürfe, so bannte er diese damit, daß er sie ja mehrmals fußfällig um Verzeihung gebeten. Sie hatte ihn grausam von sich gewiesen; er konnte doch nicht lebenslänglich den schmachtenden, unerhörten Liebhaber spielen! Sie könnte ihm dankbar sein, daß er sie nach ihrem Wunsche unbehelligt ließ; konnte sie nicht thun und lassen was sie wollte! Ein trauriges Loos für eine junge, erst seit einigen Wochen vermählte Frau. Wenn die Langeweile, die Trostlosigkeit sie gar zu sehr übermannten, nahm sie ihre Zuflucht zur Feder.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.