Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 47 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 186 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 186 — Allerlei für den Familientifch. Moutefiore-Aurkdotr. Guizot, der französische Staatsmann hatte eine große Antipathie gegen die Juden und äußerte dieselbe bei jeder Gelegenheit. Einst war er mit Montcfiore zusammen in einem Salon, als „Madame Rothschild" gemeldet wurde. „Ah, ah, — rief der Staatsmann — noch eine Jüdin!" Montesiore, der eine solche Sprache nicht gewohnt war, blickte Guizot mit einem Ausdruck der Ucberraschung und der Verachtung an. „Ei mein Herr" — sagte Guizot — „was wollen Sie denn? Man möchte glauben. Sie wollten mich aufcssen!" — „Haben Sie keine Furcht" — versetzte Montcfiore — „meine Religion erlaubt mir das nicht". — Ob Guizot wohl verstanden hat, mit welchem Thiere er dadurch in Parallele gesetzt wurde. Papst und Trrrrprtdierrer. Es sind schon einige Jahre her — erzählt ein Wiener Blatt — da wunderte der Unternehmungslustige jüd. Kaufmann Sch. aus Wien über die Grenzen, um sich eine neue Existenz zu suchen. Er kam nach Peruggia in Italien und lernte dort ein Fräulein Pecci kennen, das sich in den blonden Wiener ebenso heiß verliebte, als der Jüngling von der blauen Donau in die gluthäugige Italienerin. Als die ersten schönen Tage der stürmischen Liebe vorbei waren, da fragte die Signorina: „Wann wirst Du mich heirathen?" — „Wann Du willst!" lautete die Antwort des Wieners. Und alsbald standen die beiden Verlobten vor dem ehrwürdigen Onkel der Braut, dem milden Cardinal Pecci, dem Gelehrtesten des Cardinal-Collegiums. Er spendete dem jungen Wiener erst das Sacrament der Taufe, und dann segnete er den Bund der beiden Liebenden. Sch. zog mit seiner jungen Frau übers Meer nach dem Süden Amerika's, und Cardinal Pecci stand in fortwährender Correspondenz mit seinem Neffen. Da begann Frau Sch. zu kränkeln und erlag alsbald einem tückischen Leiden. Der Wittwer hatte die Lust verloren, länger in Süd-Amerika zu verweilen, in dem Lande, wo ihm sein Liebstes geraubt worden war; er verließ als Millionär die Stadt und ging nach Rom, um den Onkel aufzusuchen. Der Onkel residirte im Vatikan, aus dem Cardinal Pecci war inzwischen der Papst Leo XIII. geworden, aber in seiner hohen Stellung hatte er keineswegs den lieben Neffen vergessen, und er empfing ihn mit Liebe und Milde. „Ich bleibe Dein Onkel, mein Sohn, der Segen des Himmels geleite Dich in Deine alte Heimath!", sprach der. ehrwürdige Greis. Nach jahrelanger Abwesenheit kam Sch. nach Wien, ein steinreicher Mann, dem das Land, in dem er sich die Rcichthümer erworben, die Würde eines Consuls verliehen hatte. Die Zeit heilt alle Wunden, und so kam es, daß in dem Herzen des aus Südamerika zurückgekehrten Mannes das Bild einer andern Frau Platz fand. Herr Sch. verliebte sich in die reizende Tochter des Dieners im israelitischen Tempel. Da das Mädchen sich nicht taufen laffen wollte, blieb dem Manne kein anderer Ausweg, als zu dem Glauben seiner Väter zurückzukehrcn, und vor Kurzem fand die Trauung des Neffen des Papstes Leo XlH mit der Tochter des Tempeldieners statt. "Rostock. Herr Prof. vr. Baumgarten veröffentlicht folgende Zeilen: „Da der Herr Hofprediger Stöcker nicht abläßt, sich seiner Wahrhaftigkeit zu rühmen, so will ich nicht anstchcn, ihm eine Gelegenheit zu bieten, in welcher er die Tugend der Wahrhaftigkeit durch eine glänzende Probe bewähren kann. Hr. Stöcker hat in der christlichsozialen Versammlung am 27. Mai 1881 gesagt und in seinem Buch „Christlich-Sozial" 1885, Seite 195 wiederholt: „Als Baumgartcn in Rostock war, mußte er seine Professur niederlegen". — Pastor Ziegler hat in der „Prot. Kirchen-Zeitung" 1885, Nr. 32, nachgewicsen, daß diese Behauptung des Herrn Stöcker eine mich schwer beleidigende Unwahrheit ist, und hat mit der Berufung auf Christi Gebot den Hofprcdiger aufgefordert, sich über dieses mir angcthane Unrecht zu verantworten. Da nun aber Herr Stöcker dieser christlichen Aufforderung keine Folge geleistet hat, so ist es a» mir, ein langes Schweigen zu brechen und hiermit zu erklären: Jener von Stöcker wiederholt veröffentlichte Satz ist eine öffentliche Fälschung einer öffentlichen, seit 27 Jahren allgemein bekannten Thatsache. Nunmehr, verlange ich im Interesse der öffentlichen Moral von Stöcker: ungesäumten, öffentlichen Widerruf seiner Worte. Aranstfurt a. W, 5. November. Eine sehr geachtete hiesige israelitische Bürgerswittwe, in gleichem Jahrgang und an demselben Tage geboren, wie der greise Feldmarjchall Moltke, sah sich veranlaßt, dem Genannten als gleichaltcriges „Geburtstagskind" die besten Glückwünsche darzubringen. — Mit Wendung der Post kam folgendes Antwortschreiben: „Sehr geehrte und geschützte Frau! Unter den zahlreichen Glückwünschen und Angebinden an meinem heutigen Geburtstage hat mir kaum irgend etwas größere Freude verursacht, als die aufrichtigen und treuherzigen Wünsche einer ehrbaren Frau, die mir, obgleich zwar persönlich unbekannt, eine so schätzbare Gesinnung offenbaren. Mögen all die Wohlwollen de,i Wünsche, die Sie mir gewidmet haben, und insbesondere die Wiederkehr unseres gemeinschastlichen Geburtstages auch bei Ihnen noch oft sich erfüllen. Mit Hochachtung und herzlichem Gruß Ihr ergebenster gez. Graf v. Moltke, General-Feldmarschall". <4^1 Räthsel-Aufgaben. I. Jüdisches K aleuder-Kilbenriithsel. Von Lehrer I. Kaufmann in Essen. Bin gegangen, bin gekommen In der ganzen Welt umher. Bin gefahren mit dem Seeschiff Weithin übcr's große Meer. Hab' gesehen große Sliidie, Hab' gesehen Leid' und Freud', Bin gewesen in Palästen, Hab' besucht auch arme Leut'. — Dennoch von den vielen Reisen, Die ich armer Mann gemacht, Hab' ich ohne mein Verschuideir Wenig Geld nach Hans' gebracht. — Wie das kam? Mir war's kein Räthsel, Geht's doch meist so in der Welt: Fand ich I, vermißt' ich's Zweite, Und wo II, das Erste fehlt! — Beides Hab' ich nie vereinet Draußen in der Welt geschn: Doch zu Hause, im Kalender Sah ich's bei einander steh'n. II. Zweisprachiges Rathsri. Von D. Samuel in Bleichcrode. Deutsch ist's die dunkle, finst're Wolk', Die ferne hält der Liebe Sonnenstrahl! Ja, wo cs auftritt bringt es allemal Nur Unglück; — jetzt auch unserm Volk. O, Danton geh', und mach' es Dir zur Pflicht Zu thun, was Dir Dein Nam' hebräisch spricht,. Verschwinde endlich ganz von dieser Erde, Auf daß Dein Gcgentheil bald Herrin werdet Auflösung der Riithset in Nr. 46. I. (Deutsches Logogrhph): Demuth, Deut. II. Maure. III. Antwort aus die Eolonifationsfragen voti 6. in Id. 1. Colonic — 'W!'? (lauter Elend). 2. Pl. n-’üiOi (Jesajas 2,10.) Verantwortlicher Redakteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.