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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 47 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
47 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 47 Jüdisches /*// Hcrausgegcbcn von Dr. Rahmer in Magdeburg. Jur Uutrrhaltung u. Selehrung für die israelitische Jugend. Jnlerconfessionell. Eine Erzählung aus halbvcrgangencr Zeit. Von Or. Ehrentheil. ^Fortsetzung). — Versöhnt. Original-Roman CitthrtTt4 vsn Jda Barbe r. (Fortsetzung.) — Zur Characteristik des Vaters des Antisemitismus. Bon Jda Barbcr. — Allerlei für öen Fam ilientisch: Montefiorc-Anekdvte. Papst und Tempeldicner. Rostock. Frankfurt a. M. — Räthsel - Aufgaben und RLthsel'Lösungen. Jntereonfesfionell. ' . Kine Erzählung aus halvvergaugeuer Zeit. Von I)r. Ehrentheil. IX. In derselben Zeit etwa, in der die beiden Wächter int traulichen Zwiegespräche auf der Oftnbank saßen, begehen wir die schriftstellerische Jndiscretion den Leser oder die Leserin eine in einem netten, gut durchwärmten, von einer Moderateurlampe hell erleuchtetem Zimmer, zwischen Vater und Tochter gespielte Scene belauschen zu lassen. „Mathla! mein sonst >o energisches, von gewöhnlicher Nervosität durchaus nicht angekränkeltes, starkes Mädchen! ich erkenne Dich ja heute gar nicht wieder, wie bist du doch durch die Mittheilung, die ich Dir gemacht, so tief erschüttert, so ganz gebrochen, als ge- . hörtest auch Du zu den modernen Drahtpüppchen, die, so oft eine Saite ihres Gemüthcs ein wenig unsanft angeschlagen wird, ganz regelrecht in Ohnmacht fallen," so sprach der uns bereits wohlbekannte, ehrwürdige Ortsrabbiner zu seinem vor ihm stehenden, gesenkten Hauptes zu Boden blickenden schmucken Tvchierlein Mathla — in dem Umstande, daß der reiche, noch ganz rüstige, brave, allgemein geachtete Bankier Kalman, ein von so mancher mit Töchtern gesegneten Mutter sehnlichst begehrter Wittwer, gerade um Deine Hand in bester Form bei mir angehalten, ohne sich zuvor deiner Neigung versichert zu haben, liegt fürwahr durchaus keine Beleidigung Deiner Persou, oder Geringschätzung Deiner Mädchenwürde; Herr Kalmann ist, wie ich eben sagte, zwar noch ein rüstiger, ja man kann sagen schöner Mann, aber er ist doch immerhin kein Jüngling mehr, der zuvor ganz nach den von den Büchermachern erfundenen Regeln alle Phasen des Romans durchmachen muß, ehe er, ermuntert von der sich in Liebe verzehrenden Auserkorenen, den gestrengen Herrn Papa um seinen Segen bittet -- Herr Kalman ist ein reifer praktischer Geschäftsmann, er weiß, daß dn ein braves, unverdorbenes, von romanhaften Schwärmereien nicht verblendetes, kluges Mädchen bist — er weiß, daß es, vom Gesichtspunkte der materiellen Versorgung ausgehend, sowohl für dich mein Kind, als für mich den alternden, in den Verhältnissen der neueren Zeit eine Rolle als namhafter Rabbiner zu spielen nicht mehr berufenen Mann ein Glück ist, wenigstens materiell - sorglos leben und der Zukunft ruhig entgegensetzen zu können — und so schlug er als biederer Ehrenmann wohl nur den rechten Weg ein, indem er cs vermied, ohne mein Wissen einen Sturm auf dein junges Herz zu wagen, wie dies die jungen Galans der Gegenwart so gerne versuchen, sondern geradezu mich selbst zum Fürsprecher bei Dir zu machen vorzog —; Aber so schau mir doch recht ins Auge, Du närrisches, heute so ungewöhnlich erregtes Kind! oder vielmehr, laß mich aus Deinen stets eine Offenbarung für mich entfaltenden Zügen lesen, was Herr Kalman zu erivarten hat." — „Mein theuerster Vater!" — sagte Mathla mit vibrirender Stimme — „ich keime Dein edles Herz und Deine grenzenlose Liebe für Dein Kind, und wäre ich Deiner mich so hoch beglückenden Liebe unwcrth, würde ich auch nur einen Augenblick daran zweifeln, daß Tu in Allem und Jedem nur mein Bestes wünschest, und wohl darum auch klug und milde wie immer in so hochwichtiger Angelegenheit keine augenblickliche Antwort von mir verlangen dürftest —; ach, mein theurer Vater! mir ist, als hätten Deine liebevollen Worte einen Alp von meinem Herzen genommen und Worte, nach denen ich längst schon vergebens gerungen, mir auf die Zunge gelegt, und doch muß ich Dich bitten, habe nur noch die eine Nacht Geduld mit Deinem Kinde — laß mich in nächtlich stiller Stunde im Zauberbanne der Einsamkeit mit meinem Herzen zu Rathe gehen, morgen will ich Dir, mein engelguter Vater! klaren Einblick in mein Herz gewähren — für heute jedoch laß mich mein stilles Kämmerlein aufsuchen — gute Nacht! und möge der mich wohl für heute fliehende Schlaf, Dir den bunten Kranz von Mohnblumen um Deine reine, hohe Denkerstirn winden — gute Nacht!" sie küßte mit stürmischem Händedrucke die Hand des Vaters, und entschwand rasch aus der Wohnstube, den sinnenden Vater allein lassend—; „Was doch nur dem Kinde sein mag? wie sie doch so tief erschüttert, so mächtig ergriffen wurde, als ich sie, wohl ohne jedwede Pression, in de» sanftesten Worten, ihr im Vorhinein freie Wahl einräumend, fragte, ob sie des Bankier Kalman Frau werden wolle — fürwahr! wurde ich mein gutes braves Kind nicht kennen, läge ihr jungfräuliches, unentweihtcs Mädchenherz nicht wie ein aufgeschlagenes Buch vor dem Auge meiner Seele, ich könnte annehmen, sie hätte eine geheime Liebe zu einem jungen Manne im Herzen — doch das ist ja nicht möglich, meine Mathla hat kein Geheimniß vor ihrem Vater — ihr Herz ist frei — sie hat mir nichts zu verbergen." — Armer Vater! und doch hat dein Kind dir viel, viel Wichtigeres als du eben ahnen kannst, zu verbergen-ach! könntest du eben jetzt, wo du dich anschickst, dein in Ehren und in den Alltagssorgen arau gewordenes Haupt zur Ruhe niederzulegen, das Selbstgespräch oder vielmehr die Selbstanklage deines einzigen allerdings unschuldsvollen, und doch von Gewissenspein gequälten Kindes belauschen, wie rauh und rücksichtslos würde die Wirklichkeit deine allzu vertrauensselige Phantasie Lügen strafen!-Im einfach und überaus nett eingerichteten Bodenstübchen im Rabbinerhause, saß, als bereits die Mitternachtsstunde nicht mehr ferne sein mochte, mit von Thränen überfluthetem Gesichte die liebliche Rabbinerstochter Mathla vor ihrem noch unberührten schneeigen Bette, und stützte müde und abgespannt den Kopf in die Hand, was sollte sie morgen dem guten, um ihr Wohl so zärtlich besorgten Vater sagen? sollte sie ihm gerade und offen, wie sie bis allher dem von ihr so innig geliebten und verehrten Papa gegenüber immer gewesen, mit Freimuth sagen „Vater! ich kann nicht Bankier KalmanS Frau werden, mein Herz ist nicht mehr frei — ich liebe einen braven, wenn auch als schlichter Hilfslehrer armen, doch wackeren, edlen Jüngling — ich liebe hoffnungslos — denn der Mann meines Herzens ist der christliche Lehrer Bonifaz JaroSlawsky -? War es denn auch wirklich Liebe was sie für

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