Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 46 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 181 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585290--0485-9585293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 181 — , ,Unb inbcm er so mit selbst rebete, näherte er sich bem ütibo; er sich, wie ber Gros mit jener blonben Schönen au«- stieg, ihren Arm i» be» seinige» leate, mir fiir sie Auge» hatte. — Am Strande »»gelangt, löste er Karlen, überreichte ihr eine »nb schieb mit herzlichein Hänbebrnck von ihr. Sie eilte bem Dainenbab, er bem Herrenbad z». Dr. Sander« nahiii oben auf ber Terrasse, von >vo an« ma» beibe Babeabtheilungen iiberblickeii koniite, Platz. Gar balb sah er be» Grase» i» ber klaren Fiuth; er schwamin hinüber nach bei» Dainenstranbe, sah sich, da er an ber Leine Pasta fahle, van mehreren Frauen energisch zurückgewiesen, schwamm weiter hinan«, unverwandt be» Blick auf jene Treppe gerichtet, »an ber an« er seine Halbe, wenn sie bie Kabiiie verlieh, erblicken innhte. Jetzt belebten sich seine Züge; er halte sie erkannt. In coqueltem Babeanzuge schritt sie bie zniii Straiibe führenben Stiege» hiliniiter, ihm ein Zeichen gebenb, sie z» erwarten. Dr. Sa »ber« sah noch eine Weile; tingebulbig werbenb verlieh er seinen Platz imb promeuirte löiig« be« Strande«. Wohl eine halbe Stniide war vergangen, da sah »ui» bie Beibe» ivieber in ihre Kabinen zurückkehre» nnb nach Verlanf von kam» zehn Minnten traten sie mit einanber bie Heimsalirt an. Sie schiene» keine besandere Eile zu haben; bie Ganbel glitt langsam über bie spiegelklare Wasserflöche dahin. An ber Niva Schiavoni stieg ber Graf au«, bem Gondoliere Drbre gebenb, seine Dame, bie sich wohliveislich hinter de» Borhöngen versteckt hielt, nach Hanse zu fahren. Er blickte hinailf »ach dem Balkon be« Hanse«, in bem er Wohnung genomnien nnb schien erstaiinl, seine Gattin schon ans bemselben zii sehen. „Also doch," sagte Dr. Sanber«, ber ihm gefolgt >var. „Sie mit ihm, vermnthlich jetzt seine Gattin, »nb ba ivagte e« bieser Elende, mit einer Berivorfenen so intim zu thnn!" Da« Blut stieg ihm zu Kopfe; ihn schwinbelte; Alle« hätte er eher für möglich gehalten, alü bah ein Mann, ber Jlka sei» Weib nannte, jene« reizenbe, jugenbfris che Geschöpf, hr untreu werben könne. Nachdem der Gras im Hause verschivnnben, trat auch er den Heimweg an. Kaum wissend, wie er seine Erregung »ieberkämpfen sollte, »ahm er eine Gondel nnb lieh sich den Canal grantle entlang fahren. Ehe er einslieg, streifte sein Blick noch einmal jenes Haus; er wähnte, bah Beide jetzt Arm i» An» ans bet» Balcvn stauben und wollte sich der Wollust de« Schmerze« hingeben, auch da« mit anzusehen. Doch nein! Der Graf war allein auf ber Terrasse; Jlka war am Fenster de« Nebenzinitner« a»scheine»b mit einer Handarbeit beschäftigt. Da« befremdete ihn; er gab bei» Gondoliere Befehl, nicht weiter zu fahren, sonbern hier eine Weile Posto zu fasse»; er erwarte, sagleer, um nicht aufziifallen, einen Frennb, — Bon hier au« beschloh er, die beiden Leutchen z» beobachten, die er al« die Zerstörer seine« Erbenglücke« betrachtete. „Glücklich scheinen auch sie nicht initeinnnber zu sein," sagte er sich. „So sieht keine junge Frau ans. die in ihrem Galten ihr Alle« gesunben. Hat sie gar geweint'? Ihr Auge ist umflort! Da« sind nicht Jlka'« leuchtende Augen, nicht ihr strahlenber Blick! Und bann — sie weih ja, bah er znrückgekehrt, warum finb sie nicht zusammen? Ahnt sie, das; er ei» Abenteuer gehabt'?" Währeilb er sich noch all' diese Frage» vorlegte, schien auch in den Beiden da oben eine Wanblnng vorzugehe». Dem Grasen ivar e« unmöglich, jetzt. da er soeben in den Arme» einer Fremden geruht, seiner Gattin unter die Augen zu treten; Jlka, ihn kommen sehend, war, nicht ahtieub, bah hinter den Bvrhängen der Gondel, der er entstiegen, ein weibliche« Wesen sah, sogar ivillen«, ihm einige Schrille entgegen zu gehen »nb ihn zu fragen, ivie ihm die Ausfahrt bekommen. Al« sie indes; den Grafen ohne Grus; an sich Vorbeigehen sah, zog sie sich in ihr Ziininer zurück und be» schloh, weiter allein z» bleiben. Warum er sie nicht gegrilht! Der gute Man» hatte sich im N» die Taktik zurecht gelegt, sie z» ignorire». Sie mochte ihn nicht, er wollte ihr mit gleicher Münze bienen! „Ein Narr," sagte er sich, „\uer, so lange e« »och andere Weiber giebt, »», bie Gunst einer einzigen bettelt! Lucia wirb mir Ersatz biete», bi« meine wiberspänstige Kalhi zur Verminst gekommen!" Der Gras »ahm einen Sessel ans die Terrasse hinan«, zündete eine Cigarre an, blätterte »i Zeitungen nnb schien sich bnrchau« nicht >»» seine junge Gattin zu küinmer». Dem stummen Beobachter ivährte die Zeit zu lang; er hatte genug gesehen, um zu wissen, bah er — gerächt sei. (fterlf<’|>»i,fl folgt.» Zur Charucleristik des Waler» de» Anlifemilionms. Von I d n V n e b e r. IHorlfchnng.» Jene Frau war gewohnt zu glänzen, ein Heer von Anbeter» um sich zu sehen, der Maxime zu leben: „WaS man der Minute »»«geschlagen, bringt keine Ewigkeit zurück." Gar oft dachte ich hernach an da« seltsame Paar zurück, ohne mir vorstellen zti können, bah ihre Ehe einen harmonischen Abschluh finden könnte. Ich geivann e« sogar über mich, obschou ich sonst nie zweimal ein itnb dieselbe Geschichte lesen kann, jene Novelle, in der Marr seine Liebe zu seiiier ersten Gattin, einer begabten Frau, die ihn so nnenblich glücklich gemacht und bereit Perlust er nicht ertrage» zu könne» vermeinte, nochmal« zu lesen. Wie schön schilderte er ihre Hingabe, >vie ivuhte er ihre Vorzüge in da« glänzendste Licht zu setzen I — Sie ivar Jüdin, zerfiel »ut ihrer Familie, da sie ihrer Liebe nicht entsagen zu lönneit meinte nnb ivar nun bemüht, den ganzen Neichthum ihre« Herzen«, all ihr Denke» »nb Fühlen ans den Mann ihrer Wahl z,l übertragen. — Mit ivein immer ich von jener Novelle, die bamal« Sensation gemacht, sprach, konnte e« nicht begreifen, wie der Verfasser derselben überhaupt eine ziveite Wahl hatte lressen können. Interessant war e« mir daher, alü ich Marr itngefähr zwei Jahr später leuiten lernte. „Ich habe mich in Gebaiiken viel mit Ihnen beschäftigt," sagte ich ihm. „Ihre erste Fra» kenne ich au« Ihrer Novelle: „Zn glücklich" — Ihre ziveite au« —" „O, reden Sie nicht von ihr," iinterbrach er mich heftig; „ich hasse sie und fluche der Stunde, da ich sie leniien lernte!" Wie von einem Alp befreit, athmete ich erleichtert ans. Obschou da« Schicksal de« fremde» Manne« inich ivenig kümmerte, schien e« mir doch ein Glück, bah er endlich zur Einsicht gekoininen. Ich sagte ihm mm, bah ich seine ziveite Frau vvn ihrem Auseitthalt in Berlin kannte nub mir nicht zu beulen vermochte, bah sie ihm Ersatz für seilte erste Gattin sein könne. Sein Auge umflorte sich; er schien von einer mächtigen Bewegung ergriffen, zitterte am ganzen Körper und meine Hand ergreifend, sagte er: „Ich sehe echte Theilnahme in Ihren Blicken! Bestimmen Sie mir eine Stunde, in der ich Ihnen mittheilen kann, wie da« Alle« gekommen! Ich schäme mich vor mir selbst! Aber ich bin so mit mir zerfallen, so tief unglücklich, bah ich inir >vie ein Bettler verkomme, dem gute Menschen da« Almosen der Freitnbschast nicht versagen bürsen!" Marr kam nun oft zii un« in'« Hau«, er erzählte nn«, bah er mit seiner zweiten Gattin in Scheidung lebe, durch den Prvceh und allerhand Zerwürfnisse so aufgeregt sei, bah er oft fürchte, den Verstand zu verlieren.