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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 46 (1885) · p. Seite 180

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
46 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 180 (sequence 2)
Language
German
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kurz und rundweg sage, ich hörte cs mit meinen eigenen Ohren, und glaube mir, eS lief mir dem gläubigen Katholiken eiskalt über de» Rücken, als ichs deutlich vernahm, wie der christliche Lehrer an unserer Stadtschule es selbst aussprach, daß er die hiesige gut jüdische Nabbincrstochter Math!» liebe".-„Hansel! laß Dich küssen für diese Nachricht! so! nun kann ich dem frommen, mich so oft beim Vorsteher anschwärzcndcn, und mir immer wieder meine Hühner zur Last legenden Rabbiner sagen, daß ihm der uchs i» den Hühncrstall gedrungen — er mag meine ühner unbeachtet lassen, dafür aber besser Acht auf seine Küchlein haben — ja! ja! so werde ich ihm von heute ab sagen können — — aber Hans'l! Jammerschade ist's doch, daß Du nur hören und nicht sehen konntest — wer da hätte sehen können das Gesicht des alten Herrn DechantS, als er diese ergötzliche Nachricht von der Liebschaft des christlichen Lehrers mit der Rabbincrstochtcr hörte. „Gesehen habe sich freilich nichts sagte der Nachtwächtcr- Hansl — doch aus dein Munde des alten Herrn Dechant hörte ich bei dem offenen Geständnisse des Lehrers, cinigenial die einzelnen Ausrufungen: „o Blut! Blut!" — was dies bedeuten mochte, weiß ich freilich »och heute nicht, aber ich"-da hob die alte Schwarzwalduhr im Zimmer zum Stundcnschlagc auS, und als hätte ihn eine Feder empvrgcschnellt, so rasch sprang der rothe Hatisl von seinem Sitze ans, rieb sich mit der flache» Hand den Nebel, der sich in Folge der reichlichen Libationen aus der grünen Flasche über seine Auge» gelagert, griff schnell nach Mütze, Mantel und Hellebarde, griff nach dem Hornc, und in wenigen Minute» zum nächtlichen Rundgangc vollständig ausgerüstet, drückte er dem alten Spezi noch die Hand, versprach ihm, bald Revanche zu geben und eilte, gefolgt vom Freunde Zalel, in'ü Freie. (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! * Original-Roma» von Ida Barber. XXII. I» -Venedig. Als das junge Paar ander» Tages in Bcncdig anlangtc, zog sich Jlka, Müdigkeit vorschützcnd, gleich in ihr Zimmer zurück. Um ungestört zu sein, schloß sic die Thür ab. Ein wvhlthätigcr Schlaf umfing gar bald die von der körperlichen und seelischen Anfrcgung vollständig erschöpfte junge Frau. Dem Grafen, so abgespannt er war, schien cs unmöglich, jetzt zu ruhen. Er begab sich hinaus auf die Terrasse; sein Blick streifte theilnahmlvS das herrliche Landschaftsbild. Drüben an der Riva dei Schiavoni sah er einen Arbeiter, der Steine an einem neu zu bauenden Hause hinauflrug. Unverdrossen stieg er mit der schivcrcn Bürde Trepp ans, Trepp ab. Da als er eben lvicdcr unten angelangt war, klopfte ihm von seiten ein Weib, daS einen Korb trug, ans die Schulter. „Marieka!" ries er, sic erfreut in seine Arme schließend, und als er gar den kleinen zweijährigen Buben mit den großen schwarzen Augen gclvahrte, der heiter neben der Mutter cinhcrtrippclte, da glänzte sein schwcißbedeckteS Gesicht lvie Licht mtb Freude. Auch der Bnb' ivnrde geherzt und geküßt, er setzte sich aus des PatcrS Knie, die Mutier nahm ans ihrem Korb eine Schüssel Polenta und zwei Löffel und nun wurde wacker zugcgrifsc». Abwechselnd reichten sic dem Buben die gefüllten Lössel, der Vater gab ihm tvohl zu jedem noch einen herzhaften Kuß und als die Schüssel geleert war, falteten sic gläubig die Hände und beteten. Dem Grafen war es, als hätte er niedcrfallcn sollen und auch beten, daß ihm ein gleiches Glück, so in Eintracht mit Weib und Kind einst leben zu können, beschiedcn sei. indcß — er hatte verlernt, den Trost des Gebets, die Gcfühlüsammlung, die Andacht auf sich cinwirken zu lassen. Kalt und öde war es ihm in dieser lichterfüllten italienischen Welt, unter diesen gluthäugigcn, temperamentvollen Menschen. Er horchte an Jlka's Zimmer, ob sie noch munter; drinnen war Alles still. Was sollte er hier allein. Eine brennende Begier unter Menschen zu sein trieb ihn hinunter. Da auf dem Marcusplatzc war fröhliches, lautes Leben. In den Cafö's und unter den Arkaden saßen lebhaft plaudernd und gestikulirend niuntere Menschen. Wie gern hätte er sich zu ihnen gesellt, doch war er in der Stimmung, mit ihnen froh zu sein? Als er am Palazzo reale vorbciging, musterte ihn eine cogncttc Schöne, die ihm nicht mißzuvcrstchende Blicke zuwarf. Er that, als sähe er sie nicht, ließ sich nach S. Giorgio Maggiore übersetzen und gewahrte erst auf dem Canal, daß sie ihm in einer Gondel gefolgt war. Sich ganz dem Zauber der herrlichen Fahrt hingebcnd, achtete er ihrer weiter nicht. — Da er aussticg, ließ auch sic die Gondel halten. Sic verfolgte ihn mit ihren Blicken, als er in die Kirche cintrat und schien vor derselben auf ihn zu warten. Graf Zandos musterte bewundernd den Prachtbau, war entzückt ob all dieser monumentalen Herrlichkeiten, die da im engen Raume angchäuft tvaren, der kostbaren Gemälde und hatte längst jener Zudringlichen vergessen, als sic ihm, da er die Kirche verließ, keck unter die Augen trat, ihn auffordernd, in ihrer Gondel Platz zu nehnien, sie sehe, er sei ei» Fremder und biete sich ihm als Führer an. Da der Graf in die leuchtenden Gluthaugcn der Frcnrden blickte, übcrkam ihn die zurückgcdrängtc Sinnengluth. „Weib ist Weib," sagte er sich, und einer momentanen Schwäche folgend, stieg er in die Gondel, zog behutsam die Vorhänge zusammen und, dem Gondolicr ein Goldstück gebend, befahl er ihm, nach dem Sido hinauszuscgcln. Kaum war die Gondel vom Ufer gestoßen, als eine andere, die soeben anlegcn wollte, umwcndete und ihr folgte. „Werde die Kirche später sehen," hatte der Herr in derselben seinem Gondoliere gesagt. „Folgen Sie uncntivegt jenem Fahrzeug; ich glaube einen Bekannten erkannt zu haben, de» ich sprechen muß!" „Der, der mit der Lucia cingcsticgcn?" fragte der Gondoliere. „Kennen Sic jene Dame?" forschte der Fahrgast. „Dame? Hm! Wer kennt sie nicht!" erwiderte vcrschinitzt lächelnd der Jtalictier. „Hüten sich Ew. Gnaden nur vor solchen Damen," setzte er wohlmeinend hinzu, „sie vcrstehen cs prächtig, indem sie von Liebe sprechen, gefüllte Börsen zu ziehen und Brillantringc zu stehlen!" „So, so! und in solcher Gesellschaft bewegt sich der Herr Graf!" murmelte der Fremde, in dem wir den seit etlichen Tage» in Venedig weilenden vr. Sanders erkennen. „Ist der Kerl nicht wcrlh, daß ich ihm schon dafür eine Kugel durch hpu Kopf jage?" fragte er sich. „In Ges cllschast einer Mrnc!" rief er empört. „Bei Gott, das hat sic, so sehr ich sic zu verachten Grund habe, nicht verdient, an einen solchen Mann gekettet zu sein! — Vielleicht aber", sagte er sich, „ist auS der beabsichtigten Heirath Nichts geworden. — Niemand wußte mir was Bestuumtes zu schreibe»! Bin doch neugierig, wie es um die Sache steht!" Und um seiner Neugierde Befriedigung zu gewähren, folgte vr. Sanders dem Grafen; er wollte erfahren, wo er wohne, mit wem er reise, um danach seine Dispositionen zu treffen. „Sie wird »och zeitig genug zur Vernunft gekommen sein," jagte er sich, „und ihn verabschiedet haben. W>e dem aber auch sei, eine Lcction bin ich ihm schuldig! So sehr ich damals dagegen war, mich mit ihm zu schlagen, hcnt' will ich es! Heul' habe ich es über mich gewonnen, diejenige zu verachten, die ich damals zu lieben wähnte. Das Leben hat für mich keinerlei Werth mehr!"

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