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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 46 (1885) · p. Seite 182

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
46 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 182 (sequence 4)
Language
German
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F — 182 — „Gestatten Sie mir eine Frage," sagte ich einst, da er fvieder von den unerquicklichen häuslichen Scenen sprach, die er jüngst erlebt. „Wie kamen Sie, nachdem Sie Ihrer ersten Gattin ein so herrliches Denkmal in der „Gartenlaube" errichtet, dazu, eine zweite Ehe einzugehen?" „Verstehe es, wer es kann!" cntgegncte er mir; „hatte ich doch damals, als ich Keil jene Novelle zur Gartenlaube übergab, mit dem Leben abgeschlossen! Er erhielt von mir den Auftrag, sie erst nach meinem Tode erscheinen zu lassen. Ich war entschlossen, diesem Leben, daß keinerlei Reiz für mich hatte, bald ein Ende zu machen. Es kam anders. — Meine Stiefmutter, die von den mich bewegenden Selbstmordgedanken wußte, bot ihren ganzen Einfluß auf, mich dem Leben zu erhalten. Sie umgab mich mit rührender Sorgfalt, suchte mich zu zerstreuen, mein Interesse für Welt und Menschen zu erregen. Eines Tages, als ich, die Frage „Sein oder Nichtsein" durchdenkend, in meinem Studirzimmer sitze, überbringt mir der Briefträger einen großen Stoß Briefe, die alle ein Enveloppe tragen. Die Handschriften — alle von Damen — sind mir fremd, ich durchblättere die Briefe, ohne mich orientirm zu können. Da fällt mein Blick auf wenige, von meinem Freund Keil beigefügte Zeilen. Er schreibt: „Lieber Marr! Sie haben hoffentlich Ihren Entschluß nicht ausgeführt. Kurz, nachdem Ihre Novelle: „Zu glücklich" erschienen, trafen dutzendwcis Briefe von zarter Hand ein; ich sende sie Ihnen; vielleicht vcrnrag die Lectüre derselben Ihnen ein Lächeln zu entlocken. Keil." Zuerst zeterte und schimpfte ich, daß Keil nicht mit Veröffentlichung der Novelle gewartet, dann überkam mich eine mildere Stimmung, ich begann die verschiedenen Briefe zu durchblättern, die theilnchmende Damen mir sandten, um mich in meinem Unglück zu trösten. Einige ließen in unzweideutiger Weise durchschimmern, daß sie sogar bereit wären, sich mir als Trösterinnen an die Seile zu stellen und — einer mich plötzlich überkommenden tollen Laune folgend, beantwortete ich den Brief einer sich gleichfalls „namlos unglücklich" Nennenden, die nur den einen Wunsch zu kennen schien, sich noch Jemandem auf dieser Welt nützlich zu erweisen. Unsere Correspondenz kam in Fluß. Mich interessirten ihre Mittheilungen in dem Maße, daß ich den Wunsch hegte, sic persönlich kennen zu lernen. Sie hatte mir geschrieben, daß auch sie, wie meine erste Gattin, einer jüdischen Familie entstamme, daß auch sie ihr Lebensglück darin finden würde, an dcrSeite eiues gebildeten, denkenden Mannes leben zu können. Hatte ich gewähnt eine bescheiden, tief unglückliche Frau kennen zu lernen, so war ich überrascht, als wir in Leipzig im Hotel Müller zusammentrafen eine stolze, berückend schöne Frau vor mir zu sehen Mit allen Künsten der Verführung wußte sie den immer noch mit Selbstmord-Gedanken Beschäftigten für sich einzunehmen. Sie erschien mir als eine Zauberin, deren Reizen Niemand zu widerstehen vermochte. — Ehe ich wußte, wie Alles gekommen, waren wir Verlobte. — Die Hochzeit fand wenige Wochen hiernach statt. — (Fortsetzung folgt.) Bilder aus dem jüdischen Familienleben^ von Albert Rosenbaum in Cassel. Der kkeinr Lügner. „Warum gehst du nicht zu Tische?" „Ei, so hast du mich belogen? Fragt die Mutter ihren Sohn, Lüge war ein jedes Wort! Einen Knaben von acht Jahren, Jetzt die Wahrheit frisch gestanden r „Deine Brüder speisen schon." Warum gingst vom Tisch du fort?" „„Ach, ich mag heut nichts, mich Purpurröthe fiirbt das Antlitz schmerzen Jetzt des Knaben und voll Schmerz,. Leib und Kops, laß'mich heut frei!"" Große Thränen in den Augen, „Schmerzen hast du, lieber Emil?" Fliegt er an das Muttcrhcrz. „„Ja,und auch noch Frost dabei."" . _ ... '" ' u ' „„Ach, du weißt uns druckt die „Freilich, dann muht du dich schonen, Armuth, Geh zu Bett und halt dich warm," Und das Mahl reicht ost nicht aus„ Spricht besorgt die Mutter wieder, Und der Vater leidet Hunger Aus dem Antlitz Schreck und Harm. Komnit ein Armer uns in's Haus. In den Lehnstuhl sitzt der Vater, Zögern sah ich heut' ihn wieder Forschend in des Talmuds Schatz, Mit uns an den Tisch zu gehn. An der hohe» Stirn den Finger, Und so dacht' ich einen Fremden Rührt sich kaum auf seinem Platz. Heut an Vaters Platz zu sehn. Er war hochberühmt im Lande, Darum Hab' ich dich belogen, Wenn auch arni, doch gar gelehrt, Darum Hab' ich nichts gewollt, Und ein Herz voll Lieb und Mitleid Daß wenn auch ein Armer komm e. Hatte seinen Ruhm vermehrt. Vater doch nicht hungern sollt'I"" Ost hat Noth aus ihm gelastet, „Aber, Emil," ruft die Mutter, Kam ein Armer dann von fern, „Nur zu rasch war dein Entschluß^ tmt der Rabbi oft gefastet, Heute ist ja Taanis Zibbur, ieß sein Mahl dem Armen gern. Wo ein Jeder fasten muß. Und so sitzt er heut und forschet, Auch ich selber faste heute Merkt kaum was man um ihn treibt, Emil, Emil lüge nicht Keiner stört ihn, weil aus Ehrfurcht Selbst aus Liebe!" Und es netzen. Jeder still und ruhig bleibt. Wchmuthszähren ihr Gesicht. Emil aber eilt hinunter, Und der Rabbi bei dem Talmud ■ Kaum beachtend all sein Leid, Murmelt leis' wie im Gebet: Und mit seinen Kameraden „Herrlich ist mir ausgegangcn Spielt er fröhlich längere Zeit. Was mit Liebe ich gesät." Dann kommt er zur Mutter wieder, Immer feuchter wird sein Auge,. Bittet um ein Stücklein Brod, Endlich weinen alle drei, Denn ihn peinige der Hunger. „Emil, Emil, darfst nicht lügen, Mutter mit dem Finger droht. Was der Grund auch immer sei. Dennoch möge Gott dich segnen!" Rust entzückt der Mann des Ruhm's, „Freu' dich deines cdeln Herzens! Freu' dich — deines Judenthums!" Riithsrl-Aufgaben. I. Hebräisches Kogsgryph. Von 6. in ß. Höher kenn ich keine, als sie, die hehre Tugend, Die das Alter ziert, noch mehr die frohe Jugend; Doch bleibt ihr nur der Werth 'nes Deut, Wenn sie sich herzlos uns darbeut. II. Zweisprachiges Homonym. Von I. Herzberg. Das fromme Haupt ist's der Gemeine Das Dir mein Wort hebräisch nennt. Deutsch als eines biedren Volks Genosse Man's aus dem Mittelalter kennt. Allerlei für den Familientisch. Aus Manila wird dem „Temps" geschrieben, daß die Eingeborenen auf den Philippinen alle Deutschen mildem Namen »juäios" (Juden) bezeichnen, ihnen auf der Straße diesen Schimpfnamen Nachrufen und sie als eine untergeordnete Rasse verachten! (Diese Eingeborenen sind sogenannte „Negritos", Verwandte der australischen Wilden, der Veddahs u. s. w., und vertreten mit den Buschmäilnern den tiefststehendcn, thierähnlichsten Typus der Menschheit!) — Das also sind die Vorbeter unserer Antisemiten! Verantwortlicher Redactcur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck von HI. Colonisationsfragen. 1. Wie ist manche neugegründete C o l o n i e hebräisch passend zn benennen? 2. Wie heißt und!vo findet man in der Bibel den hebräischen. Plural des Wortes Colonic? Auslösung der Uäthsel in Nr. 45. I. Diel. Levi. II. Dach» (Armen). m. 7,'lSYtr (Prophet) ’SÖW (der David fluchte). D. L. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig. i I I

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