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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 46 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
46 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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rM 46 1883. Jüdisches L^Ailieil-S/F// Herausgegeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. -"§=»■ Jur Uutrrhalluns u. KelehMg für die israrlitische Jugend. JnterconsessioneU. Eine Erzählung ans halbvcrgangener Zeit. Von vr. Ehrentheil. (Fortsetzung). — Versöhnt. Original-Roman von Jda Barbe r. (Fortsetzung.) — Zur Characteristik des Vaters des Antisemitismus. Von Jda Barbcr. — Allerlei für j, eu FamilieIItisch! Ans Manila. — Bilder aus dem jüdischen Familienleben. Von Albert Rosenbaum, Cassel. Der kleine Lügner. — Riithsel-Ausgaben und Räthsel-Lösungen. Jntereonfesfionell. 6 Citw Erzählung aus halbvergaugener Zeit. Von vr. Ehrentheil. vm. „Du weißt wohl noch, wenn Du überhaupt ein Gcdächtniß für Wiiterungsverhältnisse hast, wie Prächtig sonnig die jüngst verflossenen unserem heurigen so strengen Winter vorangegangen Herbsttage waren — nun ist das keine seltene Erscheinung und man denkt dabei an den männiglich bekannten Altweibersommer; daß aber auch die Herbstnächte so lauwarm wie die Sommernächte seien, ist eine sehr seltene Erscheinung, die ich, der Einzige Schlaflose in der ganzen Stadt, in dem abgelaufenen Herbste zu beobachten Gelegenheit hatte —; Du kennst ja unsci ‘nn so wohlbeleibten Herrn Stodtdcchant hier; Du kenigi wenigstens der Außenseite nach auch dessen Wohnhaus die sogenannte „Pfarretei", so hast Du vielleicht auch bemerkt, daß das Eckfenster des zur ebenen Erde gelegenen Schlafzimmers fast das ganze Jahr hindurch, mit Ausnahme der zwei, drei strengen Winternionate hindurch, nicht mit Glas sondern mit einem sogenannten Fliegengarn versehen ist, damit der frischen Luft ununterbrochen freier Durchzug ermöglicht sei —; wo aber die Lust frei durchspazieren kann, findet auch manches Wort, wenn auch leise gesprochen, seinen Weg ins Freie, bis zum Ohr eines aufmerksamen Lauschers; — da ging ich nun in einer dieser lauen Nächte, die mich an die Nächte während meiner Militärdienstzeit in Dalmatien mahnte, nachdem ich pflichtgemäß die Mittcrnachtstunde abgerufen, und abgcblasen hatte, über dies und jenes nachdenkend hübsch nahe den Häusern, der Gebäudefront entlang, gemllthlich spazieren, nicht ohne, wie sich dies für einen rechtschaffenen Nachtwächter ja von selbst versteht, meinem Seh-, Hör- und Ricchorgane zuzutrauen, daß jedes noch so leise geflüsterte Wort irgend eines bösen Anschlages erlauscht, jede noch so vorsichtig begonnene böse That beobachtet, und ein etwaiger leiser Brandgeruch sofort von mir entdeckt werde; — da, horch! was ist das? — als ich eben beim Pfarrhause vorüber gehen wollte, drang es wie Männerstimmen aus dem Schlafzimmer des Pfarrhauses an mein Ohr; nun weiß ich längst, daß der Herr Dechant ein besonders inniger, väterlich wohlwollender Freund des hiesigen jungen Hilfslehrers an der Stadtschule, des von den Frauenzimmern hier so gerne gesehenen Jaroslawsky ist, und daß dieser sogar seit seinem Hiersein das Schlafzimmer mit ihm theilt — auch ist männiglich bekannt, daß man über diese so auffallend väterliche Zuneigung im Volke hier seine Glossen zu machen pflegt — Aehnlichcs schoß mir jählings durch den Sinn, als ich gedämpfte aber doch feste Stimmen aus dem Fenster des Schlafzimmers im Pfarrhause an mein Ohr dringen vernahm — „was ums 'mmels willen mag denn das sein mein lieber Bonifaz, daß Du nun schon einige Zeit so unruhig und schlaflos wie heute Dich jede Nacht einige Stunden im Bette stöhnend und oft tief aufscufzend herumwälzcst? ei! ei! junger Mann! ists dein Leib oder deine Seele, die da leidend ist, und Dir den Schlaf raubt?" Es war die mir schon von meinen allsonntäglichen Kirchgängen wohlbekannte, sonore Stimme des Dechants, die da, sprechend im gedämpften Tone, von meinem scharfen Ohre doch sofort vernommen und erkannt wurde — „Verzeihen Sie mir, hochwürdiger Vater! — hörte ich darauf eine jungendliche Stimme sagen — es schmerzt mich nur ungemein, daß ich durch meine unstäte und unruhige Haltung auf meiner Lagerstätte Ew. Hochwürden im Schlafe gestört — doch bin ich keineswegs krank". „Meinen Schlaf hast D u, mein Sohn! allerdings nicht gestört — es ist vielmehr ein altes, hartnäckiges Ucbel, das seit Jahren meinen Schlaf auf ein Minimum reduzirt, aber die Jugend im Vollbesitze einer strotzenden körperlichen Gesundheit muß ruhig, und ununterbrochen schlafen können und nicht nach vollbrachter Tagesarbeit ruhelos aus zerwühltem Lager die Nächte, wie Du,... doch ich will Licht anzünden und Dir ins Gesicht schauen mein Sohn, was Dein Mund mir verschweigt, sollen mir Deine Gcsichtszüge verkünden".-„Nein, um Himmelswillen nicht, Hochwürden! nur kein Licht, ich könnte es nicht ertragen in meiner jetzigen Stimmung, die Dunkelheit thut mir wohl, sie soll Ew. Hochwürden die Schamröthe verbergen, die mein Angesicht bedeckt, während ich Ihnen ein Gcständniß zu machen habe, das ich allerdings schon viel früher Ihrem edlen, milden Priesterherzen hätte anvertrauen sollen" — so ungefähr sprach die junge Stimme, die doch wohl nur die des jungen Lehrers Jaroslawsky sein konnte. Halt! dachte ich, da gibts ein Gehcimniß zu erlauschen, so etwas erfährt unsereins nicht alle Tage — da heißts die Ohren spitzen — und nun Zalel, Brüderchen! jetzt kommt das Rechte, das soll einmal ein fetter Bissen für dein böses Leckermaul werden — doch will ich zuvor deiner grünen Flasche für heute noch die letzte Ehre erweisen, damit die für Dich so werthvolle Mittheilung, die ich Dir nun zu machen habe, mir in wahrer Naturtreue aus dem Gedächtnisse auf die frisch angefeuchtete Zunge komme — es war ein tiefer, tiefer herzhafter Zug aus der leider nicht unerschöpflichen Grünen, den Hansel noch machte, ehe er in seiner Erzählung fortfuhr, während die Augen des schadenfrohen Zalel fascinirend funkelnd an den Lippen des heute so besonders gut gelaunten Erzählers hasteten —. „Paß' auf Zalel! — sagte Hansel, ich will nun rasch erzählen, denn wie bald werde ich nicht in die rauhe Nacht heraus, und mein Amt verrichten müssen, ich erzähle Dir daher nur kurz, was ich erlauscht habe—; ich hörte es ganz deutlich, wie der junge Lehrer dem alten väterlichen Gönner, unserem Herrn Dechant beichtete, daß er seine Ruhe wirklich verloren, daß er sich sehr unglücklich fühle, indem sein Herz von einer ihn ganz beherrschenden Leidenschaft, von einer zwar erwiederten und doch für ihn hoffnungslosen Liebe zu einem Judcnmädchen erfüllt sei —daß ich Dir's nur

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