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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 45 (1885) · p. Seite 177

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
45 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 177 (sequence 3)
Language
German
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— 177 — „Soll ich Ihre Zärtlichkeiten dulden, ohne sie erwidern zu können?" fragte sie vorwurfsvoll. „Nicht „Sie", nicht dieser harte Ton, meine Jlka," bat der Graf, „Sieh' meine Erregung! Sei menschlich! Sei ein Weib!" „Eine Ehrlose mußte ich sein," entgcgnetc Jlka, „wenn ich mich Ihnen jetzt, wie Sie vielleicht erwarten, in die Arme werfen sollte! Lernen Sie, Herr Graf, in mir das Weib achten, das Weib, das seine Grundsätze hat und nur da lieben kann, wo es sich auch geehrt und geachtet weiß!" „Zum wievielten Male soll ich Dir wiederholen, Jlka," bat der Graf, „daß jene Worte gar nicht mit meinem Urtheil über Dich in Uebcreinstimmung waren! Nie habe ich Dich inniger geliebt, als gerade jetzt, da Du Dich kalt von mir abwendest! Du wirst es nicht für die Dauer können! Glaube mir, auch in Dir wird die Stimme des Blutes erwachen, Du wirst, Deine Grausamkeit bereuend, in meine Arme sinken und wenn Du erst weißt, was das Weib dem Manne ist, erkennen, welche Entsagung Du mir auferlegt." „Ich verstehe Sie nicht," sagte Jlka kurz und öffnete ihre Reisetasche, um einen Roman aus derselben hervorzuholen. Der Graf ließ sie gewähren. Er sah ein, daß sie, je dringender er bat, nur um so kälter wurde. Sich nicht zu helfen wissend, griff auch er nach einer Zeitung, die er kurz vor dem Einsteigen zu sich gesteckt. Wer so die Beiden, Jeder in einem andern Winkel des Coups's lehnend, sitzen sah, eifrig in ihre Lectüre vertieft, mochie annehmen, es seien zwei einander vollständig fremde Menschen, nicht zwei Hochzeitsrcisende, die nngestört sein wollten. Der Schaffner, der vom Grafen ein anständiges Douceur erhalten, um ja Niemand in das Coupö einzulassen, blickte verdutzt, als er auf der nächsten Station in das Coup« hineinguckte. „Na, die müssen sich aber gern haben," sagte er, und als er sie, so oft er indiscret genug war, hineinzusehen, in derselben Situation erblickte, dachte er für sich: „Mir kann's recht sein! Ich weiß aber, als ich mit meiner Herzallerliebsten die erste Stunde allein war, da haben wir keine Zeitungen gelesen!" Abends 11 Uhr war man in München angelangt, Jlka bestand darauf, obgleich der Graf schon telegraphisch Zimmer bestellt hatte, die Reise nach Venedig fortzusetzen. Alle seine Ueberredungskünste waren vergeblich. „Wenn Du wüßtest, Geliebte," sagte er, „welche Qual es für mich ist, hier stundenlang neben Dir zu sitzen, stumm, regungslos, ohne wagen zu dürfen. Dir meine Liebe —" „Redensarten," unterbrach ihn unwillig die junge Frau. „Unterhalten Sie mich von Ihren Reisen, von Ihren Waffenthaten, Ihren Duellen, von allem Möglichen, nur, bitte ich, lassen wir jenes heiligste aller Gefühle aus dem Spiel, das auf unser Verhältniß keine Anwendung findet!" Verletzt zog sich der Graf zurück. Er suchte zu schlafen, doch Stunde auf Stunde verging, ohne daß es ihm möglich gewesen wäre, auch nur für Minuten die Augen zu schließen. Einem Marmorbild gleich saß die Frau ihm gegenüber, die jetzt sein, die ihm angehören sollte, die er, schön, liebreizend >vic sie war, in seine Arme hätte schließen und mit seinen Küssen bedecken mögen. Auch sie schien der Schlummer zu fliehen. Endlich, als schon der Morgen dämmerte, schlief sie ein. Das schöne Haupt in die Wagenecke gelehnt, bleich, schwermuthsvoll saß sie da. Leise erhob sich der Graf; vorsichtig, daß sie ja nicht erwache, setzte er sich an ihre Seite; es genügte ihm, ihren Athem zu fühlen, den Duft ihres Haares, das Parfüm, das ihren Kleidern entströmte, zu athmcn. Ohne daß er sich Rechenschaft gab, was er that, lehnte er das Haupt an ihre Schulter. Wie ward ihm? So nahe dem holden Weibe und sie nicht umfassen dürfen??Die Sinne schwanden ihm, nicht wissend, was er that, schlang er leidenschaftlich beide Arme um ihren Hals, bedeckte sie mit seinen Küssen, zog die Widerstrebende an sich und so sehr sie auch, erwachend, sich frei zu machen suchte, ihn von sich zu stoßen, ihren Abscheu ob seiner Willkür zu erkennen zu geben, er hielt sie wie mit eisernen Armen umklammert. „Sag', Jlka," rief er, „daß Du mir vergiebst, daß Du mein sein willst, sonst, bei Gott, ich weiß nicht, was ich thue, ich zerdrücke Dich in meiner Umarmung, ich werde Dich so lange halten, bis die in mir wogende Gluth auch Dich ergreift, bis Du selbst über Dein stolzes Herz triumphirst! Denn Du bist nur ein Weib, mußt wie ein Weib fühlen, Liebe für Liebe geben!" „Laß mich frei, Dagmar, ich beschwöre Dich!" rief die junge Frau. „Ich ertrage Deine Liebkosungen nicht, sie widern mich an! Ich ersticke in Deinen Armen, unter dem glühenden Hauch, der Deinen Lippen entströmt!" Mit übermenschlicher Kraft hatte sie sich von dem stärkeren, leidenschaftlich erregten Mann losgerungen. „Das ist nicht Liebe," sagte sie zornglühend, „das ist Sinnenransch! Meinst Du, das Weib wüßte keinen Unterschied zwischen beiden zu machen? Glaubst Du, ich selbst hätte mich nicht nach dem Augenblick gesehnt, da ich mich dem geliebten Man» ganz, rückhaltlos hingcben könnte? Wie oft in einsamen Stunden malte ich mir mit aller Vollkraft der Empfindung das Glück aus. — O, laß mich schweigen," unterbrach sie sich selbst. „Wozu Bilder wach rufen, die für mich nur Schatten, keinen einzigen Lichtreflex haben? Du hast mich elend gemacht und solltest mich in diesem Elend schonen, nicht das Unmögliche von mir fordern!" „So soll denn," sagte der Graf, sie freigebend, „mein Verzicht Dir ein Beweis meiner Liebe sein! Wie auch das Blut in meinen Adern toben mag, ich gelobe Dir feierlich, Dich nicht eher wieder an mein Herz zu ziehen, bis Du selbst, Jlka, Du selbst zu mir kommst, mir sagst: Dagmar, ich war hart und grausam, ich sehe, wie Du leidest und will Deiner Qual ein Ende machen! Nimm mich hin!" „Glaubst Du wirklich, daß Du mich je wirst dieser Schwäche zeihen können?" sagte die junge Frau höhnisch. „Ich weiß, Jlka, daß Du mich trotz alledem und alledem liebst. Dein gutes Herz wird wieder die Oberhand gewinnen und dann — Du müßtest kein menschliches Gefühl haben, wenn Du diesen Zustand auf die Dauer ertragen könntest. — Bis dahin aber, Jlka, sei menschlich! Laß mich nicht Deine Verachtung fühlen, rede gut mit mir, wenn auch nicht wie mit Deinem geliebten Gatten — das Recht habe ich ja leider verwirkt, — so doch wie mit einem alten Bekannten, den Du einst gern gehabt, der für Dich sorgte, Dich hegte, Dich pflegte. Versprichst Du mir das?" „Es sei", sagte Jlka sich überwindend, „vorausgesetzt, daß Du nie andere Rechte geltend machst, als wie sie einem alten Bekannten zustchen!" Der Graf, froh, das vertrauliche Du von ihren Lippen wieder zu hören, hoffte, er werde successive das Terrain erobern. Heut sagt sie „Du", morgen wird sie Dir eine Umarmung, übermorgen einen Kuß gestatten!" dachte er. Es heißt aber Geduld haben bis sich die Festung ergiebt. _ (Fortsetzung folgt.) Zur Characteriftilr des Malers des Antisemitismus. Bon Jda Barber. Als ich jüngst zur Zeit meines Aufenthalls in Leipzig meine Freundin, Charlotte Rosen, besuchte, fand ich die sonst ruhige, an Selbstbeherrschunng gewöhnte Frau in hochgradiger Aufregung. Auf meine Frage was geschehen sei, zeigte sie mir ein antisemitisches, von Heinrich Marr redigirtes, Blatt, das in der That ein Sammelsurium der gröbsten Unfläthigkeiten

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