Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 45 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 176 — Schlummernden im Leben, die allerdings doch dann und wann unwillkührlich etwas verrathen, was in nächtlich stiller Stunde an ein Nachtwächterohr dringt, und da so lange gut geborgen bleibt, bis es zur Beruhigung und Befriedigung eines Freundcshcrzens zur Mittheitung gelangte — „Also stob >n's Horn, edler Freund! thue auf Deinen geistduftigen Rosen — — — soll heißen Ricsenmund, und erzähle, was Du Beruhigendes für mich auf Deinen Rundgängcn in nachtschlafender Zeit erschnappt hast — ist die Mittheitung, die Du mir machen kannst, eine für mich wichtige und mir zu Gute kommende, dann wisse, Bruderherz!, daß in der schier unergründlichen Tiefe meines Wandschrankes daheim eine dieser Dir so gut zu Gesichte stehenden grünen Flasche auf ein Harr ähnlich sehende Zwillingsschwester der Befreiung vom Joche des Korkverschlusses harrt, sie soll dann an die Reihe kommen, und uns die ohnehin so seltenen Stunden unserer nächtlichen oder eigentlich abendlichen Besuchs-Stunden würzen". Im süßen Vorgefühle dieses Hochgenusses rückte Hansel näher an den Freund heran, legte noch ein knorriges Stück Eichenholz in den weiten Feuerraum des breitspurigen Kachelofens und sprach: „Also, Zalel Brllderl! paß auf!" Versöhnt! Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Der Graf blickte die junge Frau, die ihm jetzt in ihrem Unwillen reizender, begehrcnswerther als je erschienen, verlangend an. Ein tiefer Seufzer entquoll seiner Brust. „O, mein Verhängniß!" jammerte er. „Es scheint, als ob es bestimmt sei, daß ich keine Freude ungetrübt gcnieße!" Offenbar wollte er durch solche Klagen ihr Herz erweichen, doch sie that, als höre sie ihn nicht. — Lange blickte sie wehmulhsvoll zum Fenster hinaus; sie mochte ihn nicht ansehen; er war ihr in tiefster Seele verhaßt, sein Anblick unerträglich. „Und mit diesem Manne, den ich verabscheue," sagte sie sich, „soll ich reisen? Was thue ich nur, um ihn von mir fern zu halten? Ihn beleidigen? Ihn kalt abweisen? Er wird dann um so leidenschaftlicher werden! Ihn mit Verachtung strafen? Ach, ich leide ja selbst so unendlich, daß ich gar nicht die Macht habe, einen Plan auszudenken, noch weniger, ihn auszuführen. Sie lehnte die fieberheiße Stirn an die kalten Scheiben und schluchzte bitterlich. Der Graf, dem ihr Schmerz wohl zu Herzen ging, nahte ihr leise, ohne daß sie seine Schritte hörte; ehe sie es sich versah, hatte er sie umschlungen; auch er weinte, sie fühlte, wie seine Thränen ihre Wangen benetzten. „Siehst Du nicht meine Reue, Jlka," bat er flehentlich. „Kann Nichts Dich versöhnen? Glaube mir, ich leide mehr, als Du, da ich mich schuldig weiß! Ich möchte mich schlagen, mir die härteste Strafe auferlegen, daß ich so rückhaltlos, so unehrerbietig sprechen konnte, daß ich Dir heute, wo ich Dich so glücklich wähnte, dieses Weh bereiten mußte! Denke Dich, Theure, in meine Situation hinein, habe Mitleid niit mir und laß Dir die Versicherung geben, daß fortan —" „Es giebt Worte, die man so bald nicht vergessen kann"' unterbrach ihn kurz die junge Frau. „Wie ich Ihnen schon sagte, vielleicht, daß die Zeit, die ja manche Wunden heilt, auch für die, die Sie mir geschlagen, Balsam hat; — momentan ist das Beste, wir schweigen über die ganze unliebsame Begebenheit!" Wieder ging der Graf erregt im Zimmer auf und ab. „Schweigen? Schweigen?" fragte er sich. „Kann man schweigen, wenn man einander so viel zu sagen hat? Ahnst Du denn, Jlka, wie sehr Du mich strafst? Weiß ich doch selbst nicht, wie ich mich Hinreißen lassen konnte, jene Dich beleidigenden Worte zu sprechen! Glaube mir, ich muß nicht bei Sinnen gewesen sein. War es ja doch, bei Gott, keine Speculation, wie Du annimmst, als ich um Dich freite; ich liebte Dich! Mich blendete Deine Schönheit, Dein Geist, Deine Anmuth; ich wußte sicher, daß ich mit Dir glücklich werden würde! All' jene Worte müssen mir in burschikosem Unmuthe entschlüpft sein! Deines Vaters Geiz reizle mich, ich wollte der Scene schnell ein Ende machen, da cs mir widerwärtig war, über Geldsachen sprechen zu müssen. Was soll ich Dir nur sagen, um Dich zu überzeugen, daß ich anders gesprochen, als ich gedacht, mir jede Absicht, Dich zu beleidigen, fern lag, daß Du das Ideal bist, das ich gesucht!" Die junge Frau lachte laut auf. „Ein Ideal, mit dem man eine Mesalliance schließt!" rief sie höhnisch. — „Doch genug! Halten Sie mich nicht für so einfältig, daß ich Ihren Belheuerungen Glauben schenke. Ich weiß jetzt, daß ich mich verkauft habe; Sie bieten mir en behänge der Summe, die Ihnen mein Vater gegeben, den Grafentirel. Mein Herz werde ich zum Schweigen zu bringen wissen; es gehörte Ihnen und wähnte —" „Jlka," unterbrach sie der Graf bittend, „laß dieses Dein liebes, gutes Herz sprechen und nicht die kalte Reflexion. Wohin soll das führen, wenn wir vom ersten Tage unserer Ehe an in Uneinigkeit leben?" „Nicht uneinig," entgegnete Jlka. „Sie werden von mir fortan keinen Vorwurf hören, keine —" „Das ist's ja, was mich zur Verzweiflung bringt!" rief er. „Klage mich an, schimpfe, fluche, zetere, nur nicht diese Kälte, diese Unnahbarkeit, diese Verachtung, die mich der Verzweiflung in die Arme führt!" „Tu l’as voulu, George Dandin,“ sagte Jlka ruhig. „Im Uebrigen möchte ich noch ein Weilchen mit den Eltern plaudern. Unser Zug geht erst in einer Stunde ab; Sie finden mich dann in Mama's Salon!" Als sie das Zimmer verlassen wollte, machte der Graf noch einmal Miene, sich ihr zu nähern, sie zn umfassen. „Mein Herr," sagte sie streng, „verkennen Sie Ihre Stellung nicht! Die Frau, mit der Sie eine Mesalliance geschlossen, wird Ihnen keinerlei Vertraulichkeiten gewähren!" „Sapristi! Das war deutlich!" sagte Graf Zandos, in sein Zimmer zurückkehrend. „Doch sonderbar," setzte er hinzu, „je mehr sie sich fern hält, desto begehrcnswerther erscheint sie mir! Schön ist sie, bei Gott! Dämonisch schön, wenn ihre Augen wild funkeln, der stolz zurückgcworfene Kopf die Figur noch imposanter erscheinen läßt!" „Sträube Dich, wie Du willst, Täubchen, I mein mußt Du werden! Graf Zandos gehört nicht zur leichten Cavallerie, die sich so bald aus dem Felde schlagen läßt!" XXL Die Hochzeitsreise. Die Stunde bis zum Abgänge des Zuges dünkte ihm eine Ewigkeit! Jlka bei der Schwiegermama aufsuchen und da die unerquickliche Scene erneuen, mochte er nicht, er wartete. Zehn Minuten vor Abgang des Zuges ging er seine junge Frau abholen. Sie schien ruhig, begegnete ihm reservirt, fragte nach dem Gepäck, den Billets, nach allerhand unwichtigen Dingen, die sie erledigt wußte, nur um nicht wieder auf ein Gesprächsthema zu kommen, das sie jetzt, in der Stunde der Trennung, doppelt aufregen mußte. Braun schien dem Schwiegersohn bereits verziehen zu haben, die Schwiegermama gab allerhand zarte Lehren mit auf den Weg, bat, ihr oft und bald Nachricht zu geben und da der Graf seine junge Frau in das Coupe hob, freudestrahlend den „lieben, guten Eltern" das Versprechen gab, ihr Kind glücklich zu machen, wähnten die Beiden wirklich, sie hätten alles denkbar Möglicherreicht, um die Zukunft der Tochter sicher zu stellen. Als der Zug die Bahnhofshalle verließ und der Graf Miene machte, sich Jlka vertraulich zu nähern, schauderte sie unwillkürlich zusammen.