Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 45 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1885. M45^ Jüdisches Herausgcgeben von Dr. Rahmer in Magdeburg. Zur Wtrrhaltung u. Mehrung für die israelitische Jugend. /■v < Jnierconfrssionell. Eine Erzählung aus halbvergangener Zeit. Bon vr. Ehrentheil. (Fortsetzung). — Versöhnt. A"ginal-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Zur Eharacleristik des Vaters des Antisemitismus. Von Jda Barbcr. — Räthscl-Ausgaocn und Räthscl-Lösungen. — Briefkasten der Rcdaction. Jntereonfesfionell. ° Kime Krzähkung aus ßakSvergaugener Zeit. Von I)r. Ehrentheil. VII. Knapp am Eingänge der guten kleinen Provinzstadt N. B. des Schauplatzes unserer schlichten, wahrheitsgetreuen Erzählung, am Fuge des von einer Ruine aus dem Mittelalter gekrönten, sagenannten Sattelberges, steht ein Häuschen in dem seit Olims Zeiten schon, immer der jeweilige städtische Nachtwächter seine Naturalwohnung hatte, auch jetzt wohnte der städtische Nachtwächter, genannt der rothe H a n s l, in diesem alten, kleinen Gebäude in einer großen Parterrestubc, die er schon, in jungen Jahren zu dieser hohen Stellung berufen und auch noch Junggeselle, mit seiner alten blinden Mutter bewohnte; für Küche, Reinhaltung und Wäsche sorgte zudem eine alte Tante Hansels, die auch durch ihre in freien Stunde» betriebene Kunst des Spitzenklöppclns manchen blanken Gulden erwarb und zum Haushalte beitrug. — Es war an einem Winterabende, die große Stube war von einer wohlthuenden Wärme, die der große, grüne Kachelofen ausstrvmte, gut durchwärmt, an der weiß getünchten Wand hing der warme Filzmantel und die Schafselmütze, so wie Hellebarde und Horn zum nächtlichen Rundgangc durch die Straßen, im Bette lag die alte blinde und kränkliche Mutter des rothen Hansel, während die alte Tante in der Küche am Waschtroge stand — still war's im Wohnzimmer, der rothe Hansel anticipirte aus der Ofenbank sitzend ein Schläfchen, das ihm ja später bei nachtschlafender Zeit kraft seines Amtes versagt war, da ward er aber auch schon durch ein lautes, kräftiges Pochen an der Stubenthüre geweckt, und raschen Schrittes sehen wir einen alten Bekannten, unseren Friedhofspascha Zalel Großag ins Zimmer treten; — „Grüß Gott, alter College! und komm' hierher aus die Ofenbank, das ist im Winter der Ehrenplatz in meinem Hause", so rief der Nachwächter Hansel dem Leichenhoswächtcr Großag freudig entgegen; bald saßen die beiden flotten Bursche enge aneinandergerückt auf der Ofenbank, zwischen Beiden war nur soviel Raum geblieben, als die grüne, kurzhalsige und dickbäuchige Brandweinflasche einnahm, die heute zur Abwechselung der Gast Zalel Großag in der Rocktasche als Würze des Abendplausches mitgebracht; eben hatte der rothe Hansel einen tiefen Zug aus der famosen Grünen gethan, als er mit der Zunge schnalzte, und frohen Muthcs sprach „Zalel! bei meiner christlichen Wahrheitsliebe und bei Deinem jüdischen scharfen Verstände schwör' ich Dir, Dein selbstgebrauter Enziangeist könnte die von Dir zu bewachende todte Gemeinde da oben aus ihrem jahrelangen, wie man sagt, ewigen Schlafe erwecken, dagegen meine ganze große allnächtlich zu bewachende, lebende Gemeinde bald in den tiefsten Schlaf sinken lassen — ja lieber, bestgehaßter, von mir allein treu beliebter College! ich glaube, so oft ich mich in Deine geistvolle Grüne vertiefe, Du habest von Deinem jüdstchen weisen Könige Salomo das Geheimniß gelernt, wie man die Geister in eine Flasche bannt, — wir wollen die Leute, die uns diesen Genuß nicht gönnen, hübsch ruhig reden lassen und recht fleißig die Flaschengeister citiren, wer will behaupten, daß cs nicht eben dieser Flaschengeist ist, der den Weg geebnet, der von meinem gut katholisch zu Deinem gutjüdischen Herzen geführt, wir haben uns unseres, die Confcssiion verbrüdernden Trunkes nicht zu schämen — und sind es höchstens unsere Nasen die früher oder später, vielleicht vor falscher Scham roth werden müssen?" Hansel Bruder! — sagte darauf Zalel Großag — mein Enziangeist muß heute bei mir ganz besonders seine Schuldigkeit thun, ich muß durch ihn „Bitteres mit Bitterem heilen", -wie schon der Talmud nach meinem Hörensagen irgendwo lehren soll. — Du hättest doch nur den Blick der Verachtung sehen sollen, mit dem der hochnäsige Geldprotzer, der Vorsteher Kalmann, mich in meiner eigenen Amtswohnung, wie einen pflichtvergessenen L>chuljungen abgekanzelt hat, weil ich, wie der heilige Rabbiner ihm hinterbracht, meine Hühner da zwischen den Gräbern herumgehcn lasse, — daß sie da manche Spuren zurückgelassen, das kann man unschuldigem Federvieh ebensogut verzeihen, wie man es ja den kecken Spatzen und den freundlichen Schwalben verzeihen muß, die eben auch nicht zimperlich sind, wen» sie hier oben bei den Gräbern ihren Bedarf suchen; — warum gönnt der heilige Mann, der sich, wie ich weiß, gar oft ein Huhn gönnt, meinen Hühnern nicht ihre freie Bewegung b.i mir ans dem grünenAnger? gelten ihm meine armen Hennen denn gar nichts? und doch, glaube ich, sei von ihnen mehr zu halten, als von der ganzen Rabbinerschaft der Judenheit, wenigstens kommt vom Brüten meiner Hühner doch mehr heraus, als wenn die Herren Rabbiner noch so lange über ihren Talmndfoliantcn brüten; — um die moralgespickten Predigten kräht heutzutage kein Hahn, doch um meine prächtigen Hennen kräht gar oft ein stolzer, seiner Schönheit sich wohlbewußter Haushahn; — wenn der hochmüthige Vorsteher nur nicht mit dem scheinheiligen Rabbiner aus einem Loche pfeifen möchte! oder sollt' eS denn wirklich wahr sein, und hättest auch Du, mein Freund!, auch schon etwas davon gehört, daß die junge Rabbinerstochter über kurz oder lang — Frau Kalmann, V orstehersgemahlin werden soll? mit der Unterzeichnung dieses Ehecvntractes wäre auch mein Laufpaß, glaube ich, schon unterzeichnet; — und wie da der sich so gerne als Gottes Bevollmächtigter gerirende Rabbiner erst die tabakduftige, in alle Gemeinde-Angelegenheiten gerne hcrumlüftelnde Nase hoch tragen möchte — „Na! darüber mein lieber Todtenvogel! laß Dir kein graues Haar wachsen, da sorgt schon immer ein mächtiger Weltgcist dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel, und die Herren Gottesdiencr im Chorhemde oder im Talar nicht zur Höhe einer allzugroßen Macht emporwachsen" — halt! halt! Bruderherz! was der Wächter der Todten nicht weiß, weil ja diese nichts verrathcn, — das weiß oft der Wächter der