Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 44 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 173 — Klatsches, lag mir an der Bezahlung meiner Wechsel! Unsere Interessen gehen Hand in Hand! Ich hoffe, wir werden dereinst noch gute Kameraden!" -Und seinen Schnurrbart drehend, blickte er in den Spiegel, fand,.daß der „fatale Handel" ihn doch angegriffen und war eben dabei, eine Flasche Wein zu bestellen, als die Frau Schwiegcrmama, blauroth im Gesicht und an allen Gliedern bebend, eintrat, „Das muß ich sagen," begann sie mit wuthverhaltener Stimme, „daß ich Sie, Herr Schwiegersohn, für mehr chevaleresquc gehalten hatte, meiner Jlka an ihrem Ehrentage Worte zu sagen, die ihr die Thränen in die Augen pressen! Das arme Kind weint und kann sich nicht beruhige», spricht von zertretenem Glück und getäuschte» Hoffnungen; ich bitte Sie, wenn solche Scenen noch in unserem Beisein und kaum eine Stunde nach der Trauung sich ereignen, wie kann ich da mein Kind beruhigt mit Ihnen reisen lassen!" „Ereifern Sic sich nicht, theure Mama," sagte der Graf, die erregte Frau zu einem Divan führend und sich zu ihr setzend, „ich bin an der ganzen Scene unschuldig wie ein neugeborenes Kind; habe nie die Absicht gehabt, Jlka zu verletzen. Ich gebe Ihnen mein gräfliches Ehrenwort, daß nur der Zufall —" „So erzählen Sie mir doch," unterbrach die erregte Frau, die wohl von dem gräfliche» Ehrenwort nicht viel halten mochte, „was denn eigentlich gewesen, Jlka hüllt sich in absolutes Schweigen," „Schickt mir der Teufel auch noch die Schwiegermutter über den Hals," dachte der Graf, doch galant und mit der größten Ehrerbietung reichte er ihr den Arm, sie bittend, mit ihm zu Jlka zu gehen, damit diese selbst bestätige, wie er, vhne zu ahnen, daß sie Zeugin einer geschäftlichen Unterredung sei, nur einige Worte habe fallen lassen, die, ohne an ihre Adresse gerichtet zu sein, sic verletzt hätten. Als Jlka die Mutter mit ihrem Gatten eintrcten sah, suchte sie schnell Fassung zu gewinnen, um nicht noch einmal in Gegenwart der Mutter die fatale Sache zur Discussion zu bringen. „Dagmar sagt mir," begann Frau Braun, „daß Du gar keine» Grund hattest, Dich aufzuregen. Sei nicht empfindlich, theure Tochter," fuhr sie begütigend fort, „und laß uns die wenigen Stunden, die uns vor Eurer Abreise noch zusammen zu sein vergönnt sind, in Frieden und Freude verleben," Der Graf reichte der jungen Frau die Hand, doch sie that, als sähe sic Nichts und setzte sich, ihre Handschuhe glättend, in eine Fensternische, „Schon ein Schmollwinkel?" fragte die Mutter erstaunt. „Jlka ist doch sonst nicht so empfindlich. Sagen Sie mir doch, Dagmar, was vorgefallen!" Und als er immernoch schwieg, fuhr sie fort: „Unmöglich kan» ich doch mein Kind in dieser Stimmung reisen lassen! Haben Sie sie beleidigt, so müssen Sie ihr doch ein gutes Wort geben, sie zu versöhnen." „Aha," dachte der Graf, „die gute Frau zeigt sich als leibhaftige Schwiegermutter; sie tritt ihre Würde in allen Ehren an!" „Wir haben uns bereits ausgesprochen, Mama," sagte Jlka; „beunruhige Dich nicht! Es lag nur ein Mißverständniß meinerseits vor; ich habe die Situation nicht richtig erkannt," „So lasse ich Euch allein Kinder," sagte, die Doppelbeziehung in Jlka's Worten nicht verstehend, Frau Braun. — „Seid nur besorgt, daß kein Schatten Euer junges Eheglück trübe," Sie ahnte nicht, daß das Unglück bereits tiefe, schwarze Schalten vorausgeworfen hatte und die junge Frau selbst an einen Sonnenblick des Glückes nicht mehr denken wollte. — ■ Der Graf feilte seine Nägel, strich seinen Schnurrbart, während seine junge Gattin, thuend als sähe sic ihn nicht, in einem Album blätterte. „Jlka," begann er, als das Schweigen denn doch gar zu unerträglich wurde, „sei nicht unversöhnlich! Wie habe ich mich auf den heutigen Tag gefreut, auf die Stunde, da ich allein mit Dir —" „Nur keine Bethcncrungcn, Herr Graf," unterbrach ihn kalt die junge Frau. — „Ich bin von meinem Jrrthum geheilt, auch von dem Wahn, daß Sie mich geliebt, daß ich mit Ihnen glücklich werden könne. Geben Sie sich keine Mühe, mich durch leere Redensarten zu gewinnen. Sie haben all' mein warmes Fühlen mit einem Schlage erkaltet; — wie Schneefrost auf junge Blüthen, so fielen Ihre an meinen Bater gerichteten Worte auf mein liebeathmendes. Ihnen erschlossenes Herz. — Mich fröstelt! Ich fühle, daß ich, im Jnncrstcn getroffen, diese Katastrophe —" „Jlka, theures Weib," unterbrach sie der Graf, sie wider Willen in seine Arme ziehend. „Du mußt, mußt mir verzeihen! Ich ertrage Deine Vorwürfe nicht, kann es nicht überleben, mich so von Dir verkannt zu sehen!" „Verkannt?" fragte Jlka, sich aus seinen Armen befreiend, „Ich habe Sie erkannt, Herr Graf!" „Du bist grausam, Jlka, unmenschlich," entgegnete der beleidigt scheinende Gatte, „Nur Dir zu Lieb', um Dir eine sorgenfreie Zukunft zu sichern, Dir Alles, was Dein Herz begehrt, gewähren zu können, mußte ich so mit Deinem Vater reden. Glaubst Du, er hätte mir, wenn ich nicht energisch vorgcgangcn, das bewilligt, was wir zum standesgemäßen Leben gebrauchen?" „Davon verstehe ich leider herzlich wenig," entgegnete die junge Frau, „ich weiß aber, daß mein Vater nur mein Bestes will und die von ihm festgesetzte Summe ausreichend gewesen wäre, wenn Sie nicht Schulden in beträchtlicher Höhe —" „Ich bitte Dich, Jlka, „unterbrach der Graf, „mische Dich nicht in meine Privatangelegenheiten!" „Und dann," fuhr die junge Frau erregt fort, „konnten Sie bei meinem Bater erreichen, was sie wollten, ohne all' jene entehrenden Worte, die mich wie Messerstiche verwundeten, gebrauchen zu müssen?" „Es war Dein Fehler, Jlka, daß Du gehorcht," entgegnete der Graf, die Schuld von sich abzuwälzen suchend. „Mir wie Dir würdest Du die ganze unerquickliche Situation erspart haben, wenn Du Dich gleich bemerkbar gemacht hättest!" „Wohl mir, daß ich es nicht that," entgegnete die junge Frau; „zum Mindesten sehe ich jetzt klar und weiß, wem zu Liebe ich meinen Gott verleugnet, meiner Religion untreu geworden bin!" Wieder herrschte minutenlanges Schweigen. (Fortsetzung folgt.) Tobias Coen. Am Hofe Napoleons I. gab es einen jüdischen Beamten mit Namen Tobias Cosn, gewöhnlich Vater Tobias genannt, dessen Dienste dem mächtigen Kaiser unentbehrlich waren. Der siegreiche Eroberer hatte nämlich einen Feind, der ihm viel zu schaffen machte, und dem er selber nicht beikommen konnte; das waren seine — Hühneraugen. Und zu jener Zeit lebte in Paris Niemand, der sich auf die Beseitigung dieser Quälgeister besser verstand, als unser Tobias Cosn, der deshalb bei Napoleon in hoher Gunst stand. Ihm freilich präsentirte sich der ruhmvolle Kaiser nicht gerade im Glanze seiner Majestät oder als Kriegsherr mit großem Gefolge, sondern in einer etwas weniger poetischen Haltung: auf dem Kanapee ausgestreckt, unruhig, stöhnend, fluchend auf jene kleinen Teufel, die ihn in seinem Kabinet eingeschlossen hielten. Die Ankunft von Vater Tobias genügte, um die düstere Stirn des Monarchen aufzuheitern. Während der erlösenden Operation fand Napoleon einen Gefallen daran, mit seinem Hühneraugenoperateur zu plaudern, und dieser, ermuthigt durch die heitere Stimmung des Kaisers,