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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 44 (1885) · p. Seite 174

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
44 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 174 (sequence 4)
Language
German
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antwortete freimüthig und oft mit gutem Witze, was letzteren eher zu ergötzen schien. So ließ Napoleon einst, nach dem Feldzuge von 1805, in welchem er so viel Lorbeeren geerntet hatte, unfern Tobias in die Tuilerien rufen behufs der periodischen Entfernung der Hühneraugen. Tobias, der cs sehr eilig zu haben schien, operirte mit solcher Schnelligkeit, daß Napoleon erschreckt zu ihm sagte: „Mein lieber Freund, wenn Ihr so geschwind machet, werdet Ihr mich zu Grunde richten;" worauf Tobias ohne Zögern erwiderte: „Sir, so geschwind werde ich nie machen können, wie Sie den Sieg von Austerlitz davongetragen haben!" Als „kaiserlicher Hühneraugenoperateur" bezog Tobias ein festes Gehalt von 6000 Franken, trug eine Uniform, Claquehut und Degen. An der Thür seines Hauses in der Rue Chapon befand sich ein Schild mit dem kaiserlichen Wappen. Außer Napoleon hatte Tobias auch die Mitglieder der kaiserlichen Familie und die hohe Aristokratie zu Clienten. Im Jahre 1815, als Papst Pius VH. in Fontaineblau cingeschlossen wurde, begab sich Tobias auf kaiserlichen Befehl zum Pontifex, um an ihm seine Operation zu machen, und dieser war so voll Bewunderung über seine Geschicklichkeit, daß er ihn sehr gut bezahlte. Als Tobias einige Tage später zu Napoleon kam, rief ihm derselbe entgegen: „O, Tobias, ihr habt den heiligen Vater operirt! Ich habe mit ihm darüber gesprochen, und er hat mir Eure Kunstfertigkeit sehr gelobt; als ich ihm aber sagte, daß Ihr ein Hebräer seid, o, da hätrel Ihr seine Grimassen sehen sollen." Und Napoleon brach in lautes Gelächter aus über den Scherz, den er sich mit dem Pontifex gemacht hatte. Die kaiserliche Gunst und seine Stellung am Hofe hatten der Frömmigkeit unseres Tobias in keiner Weise Eintrag gethan. Er war ein täglicher Besucher der Synagoge in der Rue St. Avoye, bekleidet mit Perrücke und Toupet. Die Heiligkeit des Sabbats entweihte er niemals und er wurde mit Recht als ein guter Israelit angesehen. Als das Kaiserreich gefallen war, hatte Tobias darunter nicht zu leiden. Was hat auch die Politik mit den Hühneraugen zu thun? Und die Bourbonen glaubten sich nicht zu entehren, wenn sie zu demjenigen Zuflucht nahmen, der den „Usurpator" Bonaparte behandelt hatte. Einer der tauptclicnten unseres Tobias war der Herzog von Berry, esse Ludwigs XVIII., der ebenso wie Napoleon wußte, daß Tobias Jude sei. An einem Rosch-Haschanah war Tobias in der Synagoge und betete mit dem größten Eifer, als er in sehr dringlicher Angelegenheit abgerufen wurde. Es war ein Bote vom Herzog von Berry, der ihn im Namen des Herzogs aufforderte, sofort zur Operation zu kommen. Man kann sich die Verlegenheit denken, in der sich der so religiöse Hühneraugenoperateur befand. Er fragte den Großrabbinner Michel Seligmann um Rath, und dieser rieth, zum Herzog zu gehen, (eine Weigerung konnte damals böse Folgen haben), aber die Heiligkeit des Festes nur im äußersten Falle zu verletzen. Tobias, ganz verwirrt, eilt nach den Tuilerien. „O, wie ich leide", ruft ihm der Herzog von Berry entgegen, „wenn ich doch schon von dieser Qual befreit wäre!" Tobias besichtigt aufmerksam den Fuß und berührt mehrmals mit dem Finger den Thcil, wo die Hühneraugen sitzen. „O, o, Ihr thut mir weh!" schreit der Herzog. „Da sehen Sie, Monsignore, cs scheint eine Entzündung im Anzuge zu sein. Es würde hier gefährlich sein, zu operiren. Haben Sie noch einen oder zwei Tage Geduld, inzwischen wollen wir Compressen auflegen. Dann komme ich wieder, um Sie von Ihren Leiden zu erlösen". Und durch diese Kriegslist entging Tobias der Gefahr, den heiligen Rosch- Haschanah zu verletzen. Unter den hohen Persönlichkeiten, die unfern Tobias mit einer gewissen Freundlichkeit behandelten, befand sich auch der bigotte Graf T., der so oft zur Messe ging, wie Tobias zur Synagoge. Im Vorzimmer des Grafen war ein großes Crucifix von Elfenbein und Silber an der Wand befestigt. Eines Tages, nachdem kaum die Operation beendet war, wendete sich der Graf zu Tobias mit den Worten: „Lieber Freund, erlaubet, daß ich Euch eine Bemerkung mache. Man hat mir gesagt, daß, wenn Ihr im Vorzimmer beim Crucifix vorbeigehet, Ihr zu grüßen vergesset. Das scheint mir doch wenig respectvoll zu sein". „So ist es", antwortete Tobias, ohne in Verwirrung zu gerathe», „ich habe es das erste Mal gegrüßt; da es mich aber nicht gewürdigt hat, meinen Gruß zu erwidern, so habe ich es für unnütz gehalten, meine Höflichkeit ihm gegenüber fortzusetzcn". Der Graf lachte herzlich, ohne den geringsten Groll zu zeigen und behielt den geschickten Operateur auch weiterhin in seiner Gunst. Dieser aber übte noch lange Jahre hindurch seine Kunst mit immer steigendem Erfolge und sammelte dabei ein nicht unbedeutendes Vermögen. Im Alter von 85 Jahren sah man ihn noch rüstig, aus seinen Stock gestützt, in den Elysäischcn Feldern spazieren gehen und zu Fuß nach seinem. Hause in der Rue Chapon zurllckkehren. Or. S. Sch.*) Uäthsel- Aufgaben. I. Kogogryph. Von I. Herzberg. Im Gotteshause ift'S ein Ort, Wo Du vernimmst manch heilsgeS Wort, Wo Dir ertheilt wird oft der Segen, Der Dich geleit' aus Deinen Wege». Häng' einen einzigen Laut ihm an Stell' d'rauf den Kops nach hinten, — Du hast ein Buch, das ganz profan, Beim Kausmann ist's zu finden. II. Zweisprachiges Mortriithsel. Von 6. in R. Ein deutsches Wort von schönem Klang, Musik veredelnd und Gesang. — Zerlcg's! Hebräisch zeigt's sofort Gebirg' und Speis' und wüsten Ort. III. Kebräisches Räthsel. Ich bin ein sonderbares Wort, Gepriesen und geheiligt gar. Du findest mich an jedem Ort, Bin immer, was ich vormals war. Doch nimmst ein Zeichen Du heraus, Mau tadelt mich allüberall. Mit meiner Heiligkeit ist'S aus, Der mich besitzt hat mich zur Qual. Und was das Schlimmste noch dabei, Ob vorob rückwärts — einerlei. Auflösung der Rölhsel in Nr. 42. I. Belsazar. Elsa. Zar.; H. Leba. Abel. III. nsn (der Löwe) HST (Furcht,. h *) Nach dem „Yessillo Israelitico“. Verantwortlicher Nedactcur Dr. Rahiner, Magdeburg. Druck von D. L. Wolfs, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig.

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