Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 44 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 172 — dürfte." — Ein Heirathsantrag in unzweideutigster, allerbester Form, ein Heirathsantrag seitens eines, freilich schon nicht mehr jungen, aber doch sehr rüstigen, wohlconservirten reichen Mannes, in bester Absicht gestellt, einem Rabbiner einer kleinen Landgemeinde für seine Tochter, der bis heute zur ehelichen Versorgung, nur die einzige Kleinigkeit — eine Mitgift fehlte, was Wunder, wenn dem sonst um den Ausdruck nie verlegenen Rabbiner für den Augenblick das Wort fehlte, um dem so zuvorkommenden, reichen Brautwerber eine weder dessen Ehre, noch die Vaterpflicht der geliebten Tochter gegenüber verletzende Antwort geben zu können. Einige Minuten lang herrschte peinliche, fast bedrückende Stille im Comptoir, die beiden gereiften und wortgeübtcn Männer hielten die Blicke gesenkt, als wagten sie einander nicht in die Augen zu schauen — da endlich hatte die reich verzierte Cvtnptoirspendulc zum harmonischen Schlage ausgehobcn, da schien cs als wäre der Rabbiner plötzlich aus tiefem Sinnen erwacht, rasch erhob er sich von seinem Sitze, ging auf Herrn Kalman zu, ergriff dessen Hand und sprach mit zivar noch ein wenig vibrirender, doch fester Stimme: „Ich fühle mich hochgeehrt durch Ihren Antrag, um so mehr, als ich bei einem gereisten und charactcrvollen Manne wie Sie, voraussctzen kann, daß cs nicht etwa die Eingebung einer aufwallende» Leidenschaft, sondern das Resultat einer vorhergegangencn, reiflichen Ueberlcgung und Selbslprllfung war, das Sic bewogen, um meiner Tochter Hand zu erwerben, und so weist mich denn in erster Reihe mein Gottesglaube darauf hin, dem die Mcnschenherzen lenkenden Vater im Himmel dafür zu danken, daß er mein schlicht und einfach erzogenes, bescheidenes Kind Gunst finden ließ in Ihren Augen, in zweiter Linie aber auch Ihnen, Herr Vorsteher!, dafür, daß Sie meine Tochter würdig und tüchtig genug erachten, um als Gattin an Ihrer Seite durchs Leben zu gehen;. — und doch werden Sie mir nur beistimmen, wenn ich Ihnen für den Moment nicht nur keinen bindenden, sondern selbst einen Ihnen Hoffnung gebenden Bescheid zu geben, einstweilen nicht vermag; mein einziges Kind, früh der Mutter verlustig geworden, ist gewöhnt, mir, dem sie zärtlich liebenden Vater alle, auch Ihre Herzensangelegenheiten, die eine Tochter sonst nur in die Schatzkammer des Mutterherzens niederlegt, vertrauensvoll mitzutheilen, wohl wissend, daß ich, so gut ich als Mann dies vermag, den bescheidenen Wünschen und Regungen ihres jungen Mädchenherzens gerecht zu werdeit; — so werde ich nun auch in dieser Angelegenheit nicht etwa einen Sturm ans ihr Herz unternehmen, oder auch nur irgendwie versuchen, ihr reines, unverdorbenes Gcmüth durch eine, wenn auch der Wahrheit vollkommen entsprechende Schilderung ihrer glänzenden Zukunft als Frau Kalman irgendwie zu bestechen — nein! meine Mathla ist verständi'g, genügsam und bescheiden, ich will ihr den sie im hohen Grade ehrenden Antrag mittheilen, und wenn ihr Herz mit Ihrem und meinem Wunsche llbereinstimmt, und sie sich berufen fühlt, ihre Geistes- und Herzensgabcn zum Wohl und zur vollen Befriedigung des sie begehrenden Gatten zu verwerthen, dann wird sie mir einen klaren Einblick in ihr Herz gewähren, und gerne will ich dann der Erste sein, der Ihnen das Jawort meiner Tochter bringt, für den Augenblick „Gott befohlen!" sagte der Rabbiner und entfernte sich, bis auf dem Hausflur von Herrn Kalman begleitet, der ihn noch bat, sein warmer Fürsprecher bei Mathla zu werden. Versöhnt! Original-Roman von Jda Barber. XX. Die Auseinandersetzung. Die junge Frau that, als höre sie ihn nicht. Sie weinte still in ihr kostbares Brauttuch hinein, beweinte ihr verlorenes Lebensglück und schien so fassungslos, daß der Graf selbst daran zweifelte, sie beruhigen zu können. Er fiel ihr zu Füßen, schwur ihr, daß es sein heißester Wunsch sei, sie fortan glücklich zu machen, bat ob der gethanen Aeußerungen um Verzeihung, — Jlka blieb stumm. Ein Diener trat ein, dem Grafen ein geschlossenes Portefeuille überreichend. „Zählen Sie," sagte Jlka jetzt in verletzendem Tone. „Das ist zu viel!" rief zornig der Graf. „Noch in dieser Stunde reise ich ab, wenn Sie mich derart behandeln." Die junge Frau richtete sich auf. „Was verlangen Sie von mir, Herr Graf?" fragte sie stolz. „Liebe, Rücksicht, Zartgefühl? Sie haben jeden Anspruch auf meine Achtung verwirkt, da ich erkannt, daß Sie — lassen Sie cs mich gerade heraus sagen — einen Schacher mit Mädchenherzcn treiben, der sicher in den Augen aller rechtlich Denkenden verwerflicher ist, als der von Ihnen so gegeißelte Schacher der armen Juden, die eben auf Erwerb angewiesen sind!" „Jlka, um aller Heiligen willen," bat der Graf, „nicht diese Sprache. Ich weiß, ich bin in Ihren Augen ein Unwürdiger und doch liebe ich Sie, doch kann ich Sie nicht frei geben, doch müssen Sie mir verzeihen! Die Sprache, die ich Ihrem Vater gegenüber wagte, war, ich gestehe es, übereilt, unwürdig, mich selbst entehrend. Versprich mir, Jlka, daß Du mich das, was Du gehört, nicht entgelten lassen willst! Nie, nie soll ein Laut, der Dich oder die Deinen verletzen könnte, Dein Ohr berühren! Sag', sag', geliebtes Weib, daß Du vergessen kannst, mich wieder in Gnaden aufnehmen willst!" Er hatte ihre beiden Hände ergriffen, bedeckte sie mit seinen Küssen, seinen Thränen und schien von Reue überwältigt. Die junge Frau fragte sich, ob das echte Reue oder Berechnung sei, doch gewann gar bald die ihr innewohnende Weichheit die Oberhand. Vielleicht berechnete auch sie, daß sie einen Eclat zu vermeiden hatte. Sollte die Welt sich erzählen, daß der Graf sie nach der Trauung verlassen, daß ihr Vater die verabredete Mitgift nicht habe geben wollen? „Wir wollen den Leuten nicht Stoff geben, sich mit nns zu beschäftigen," sagte sie nach einer Weile ruhiger Ucberlegung. „Ich werde trachten zu vergessen, was ich gehört; werde ich es können, so will ich Ihnen verzeihen. Bis dahin lassen Sic uns ruhig neben einander hergehen, wie zwei Menschen, die ihr Schicksal gemeinsam tragen müssen." „Ich danke Dir, Theure," sagte der Graf, indem er Miene machte, sie zärtlich zu umfassen, doch kalt und hoheitsvoll erhob sie sich, wies ihn strenge von sich und sagte: „Ich bitte, keinerlei Vertraulichkeiten! Auch ich habe meinen Stolz und weiß, was ich gelte!" Ruhig, als wäre Nichts geschehen, verließ die junge Frau das Zimmer. „Wann sehe ich Dich wieder, Jlka?" rief ihr nacheilend der Graf. „Ich denke," sagte sie, „wir reisen mit dem Abendzuge; nachdem ich mich umgekleidet, werde ich im Salon sein und Sie erwarten." „Verdammt," rief der Graf, nachdem sie sich entfernt, „mußte sie gerade und gerade heute diese fatale Unterhaltung mit anhören! An jedem andern Tage und jedem andern Orte wäre Alles, was wir gesprochen, weniger verletzend gewesen, doch heut, ich kann es ihr nachfühlen, mußte sie das Gehörte tief kränken; indeß," setzte er gedehnt Hinzu , „sie müßte kein Weib sein, wenn nicht doch schließlich in ihr der Wunsch, geliebt zu werden, stärker wäre, als der, die Beleidigung zu rächen!" Mehrmals ging er im Zimmer auf und ab; da fiel sein Blick auf das Portefeuille. „Ja, wenn mir das Messer nicht an der Kehle säße," sagte er sich, „glauben Sie dann, theure Jlka, daß ich mich erniedrigt hätte, Sie fußfällig um Verzeihung zu bitten? Nimmermehr! Wie Ihnen an der Vermeidung eines Stadt-