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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 44 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
44 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 44 1885. Jüdisches Hervvsgcgcbcn von I)n. Rahmcr in Magdeburg. Zur Uutrrhaltung u. Belehrung für die israelitische Jugend. Sntevconfeifionctt. Eine Erziihlnng aus halbvergangcner Zeit. Von Or. Ehrentheil. — Versöhnt. Original-Roman von Iba ^JUjUW. Sjatber. <Fortsetzung.) — Tobias Covn. — Rüthscl - Ausgaben und Räthscl-Lösungen. Jntereonsesfionell. 4 Hin« Erzählung ans hakkvergangener Zeit. Von Or. Ehrentheil. VI. In seinem, mit einer gewissen Eleganz eingerichtetem Comptoir saß Herr Kalman, der einzige Wechselstubenbesitzer in N. B., allgemein Bankier betitelt, und blies, nachdem er soeben die Posteinläufe des Tages erledigt und die ihm vorgelegten Briefe mit seiner Unterschrift versehen hatte, in sorglosem Sinnen die bläulichen Ringelwölkchen seiner gute» Havannacigarre gegen die Zimmerdecke empor, als nach höflichem Anpochen der von ihm hochgeschätzte und allezeit gern gesehene Ortsrabbiner ins Comptoir eintrat und von ihm freundlichst empfangen, an seiner Seite Platz rahm; — die üblichen gesellschaftlichen Redensarten wurden gegenseitig ausgetauscht, bis endlich Herr Kalman, der es lieble, in seiner Conversation einen unschuldigen Scherz einzuflechten, lächelnd sprach: „Herr Rabbiner haben wahrscheinlich nicht übel Lust bei dem jetzt so niedrigen Course der Rente die Conjunctur zu benutzen, und ein Sümmchen in diesem Papier auzulcgen, und diesem Umstande verdanke ich wahrscheinlich das Vergnügen Ihres Besuches, da Sie mir wohl die Ehre erweisen, Ihnen dies Papier verkaufen zu dürfen". — „Sie irren, lieber Herr Kalman!" sagte darauf der stets schlagfertige Rabbiner, „mein Bankier ist nicht von dieser Welt, ich habe, was ich so an Capital erwerben konnte, eben in meiner Weise angelegt, und in unerschütterlicher Vertrauensseligkeit meinem himmlischen Bankier ganz überlassend, mir nach seinem Ermessen meine Einlagen zu verzinsen — für den Ankauf von Staatsrenten sch einen ist mir bis allher, trotz aller Sparsamkeit und Genügsamkeit, deren ich und meine meinen Haushalt führen: e Tochter uns befleißigen, nichts übrig geblieben, was freilich in Hinblick auf meine erwachsene Tochter schlimm genug ist — doch mein allerhöchster Bankier genießt mein volles Vertrauen, er wird zur rechten Zeit schon aushslfcn". — „Sie wollen also, ehrwürdiger Herr!" — sagte Herr Kalman lächelnd, „von allen bei mir zu habenden in- und ausländischen Staatspapieren keines als Anlage-Capital anschaffen, zur Besprechung von Cultusangelcgenheitcn pflegen Sie mich als Vorsteher in der Regel zu sich bitten zu lassen; daß Sie mich hier in meinem Geschüftslvkale aufsuchen, muß wohl seinen guten Grund haben." „Es hat allerdings seinen eigenen Grund, aber wohl keinen guten, denn mein Weg gilt einer Armen — und cs bleibt immerhin ein böses Ding, bei Mangel an eigenen Mittelw" immer wieder, wen» es gilt, Zwecke der Mildthätigkeit zu fördern, an fremde Kassen pochen zu müssen — ich komme wieder einmal in meiner Eigenschaft als „Landessechtmeistcr", wie man mich scherzweise nennt, und zwar möchte ich heute behufs Ausstattung einer armen verwaisten Braut, Ihre Milde in Anspruch nehmen, „sagte der Rabbiner und war dabei, sich von seinem Sitze erhebend, dem L-itze des Herrn Kalman näher getreten. — „Wohl haben Sie in Ihrer unübertrefflichen Fechtkunst — selbstverständlich für Andere — schon gar manchen gelungenen Angriff auf meine Cassa gemacht, und ich war dann immer gerne derjenige, der die Kriegskosten gezahlt — und werde ich wahrscheinlich auch heute der jüdischen allumfassenden Cassenbcherrschcrin Mildthätigkeit tributpflichtig werden, — aber die Bemerkung kann ich doch nicht unterdrücken, daß ich zu der schon allernächste» Zukunft derartiger, auf Grundlage einer mageren, mühsam zusammengebettelten Mitgift gegründeten Ehre, kein besonderes Vertrauen habe; — wer dem Mädchen seiner Wahl erst mittelst der ihm zu bringenden, erbettelten, armseligen kleinen Mitgift den eigenen Herd und die Existenz zu gründen vermag, soll lieber dem Heiligthuine des ehelichen Lebens ferne bleiben, denke ich, doch Sie, Ehrwürden! folgen dem Zuge Ihres an den alten jüdischen Traditionen hängenden Herzens, diesen Traditionen zufolge nimmt ja die Verheirathung oder auch nur die Förderung der Verehelichung armer Bräute unter den mildthütigen Werken in Israel einen hohen Rang ein, nun denn! Sie sollen mich auch für diesen mir eben nicht plausibel» Ztvcck nicht unerbittlich finden." Mit diesen Worten drückte Herr Kalman dem mildherzigen Rabbiner eine ansehnliche Gabe als Beitrag zur Ausstattung der armen verwaisten Braut in die Hand, nöthigte den edlen Seelsorger aber zugleich, auf seinen früher innegehabten Lehnsessel sich doch wieder nicderzulassen, indem er lächelnd sprach: „bleiben Sie noch ein Weilchen bei mir, Sie frommer Ehestifter! ich muß gestehen, trotzdem wir in Puncto armer, ganz vermögensloser Bräute nicht einer Meinung sind, fühle ich mich doch vom Hauche warmer, allumfassender Humanität, den Ihre Worte ausströmen, wie von einem belebenden Fluidum wunderbar angeregt und mächtig bewegt — ich möchte noch ein wenig plaudern mit Ihnen". — „Gern bliebe ich noch in diesem so freundlichen Raume in Ihrer so wohlthuenden Nähe, doch meine Tochter ist allein zu Hause und muß doch behufs Haushaltungsgeschäste öfters das Haus verlassen, daher ich, wie sie wohl einsehen, niemals länger vom Hause abwesend sein darf", sagte der Rabbiner verbindlich, und wollte schon die Thür öffnen, um sich zu entfernen, doch Herr Kalman wollte seinen Seelsorger heute nicht so leichterdings frei geben, er legte noch einmal seine Hand auf den Arm des Rabbiners, indem er gleichsam zögernd, als hätte er erst den rechten Ausdruck gesucht, gesenkten Blickes sprach: „Ehrwürden! Sic haben vorhin Fräulein Tochter erwähnt, Sie scheinen darauf gesprächsweise anspielen zu wollen, daß Sic zur ehelichen Versorgung derselben, bis allher noch kein Capital zurückgelegt, und es schien mir, als wäre der Gedanke daran, bei Ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen doch ein bedrückender für Sie — Fräulein Mathla recte Mathilda, Ihre liebenswürdige Tochter, aber ist ein Juwel, ein Mädchen, das sich des allerbesten Rufes erfreut, und würde ich selbst mich wahrhaft beglückt fühlen, wenn Sie gestatten wollten, daß ich ihr Herz und Hand anbietcn

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