Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 43 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 169 „Lassen Sie mich offen reden," sagte der Graf; „meine Schulden belaufen sich auf circa 50 000 Gld. Wie soll ich sie, ohne mein Ansehen zu schädigen, mit 20 000 Gld. begleichen? Von den Zinsen der 100 000 Gld., die Sic auf Ihr Haus eingetragen, kann ich nicht standesgemäß leben; ein Verfügungsrecht über das Capital gestehen Sie mir nicht zu; ich bin also heut schlechter, daran, als vor einem Jahr; damals ließen Sie mir durch Ihren Vermittler sagen, Sie gäben Ihrer Tochter eine halbe Million Gulden, wenn ich mich bereit finden ließe, ihr meinen Namen —" „Da hat der Mensch gelogen," rief Braun entrüstet. „Nie ist cs mir eingefallen, so kopflos zu handeln. Ich proponirtc Ihnen die Summe auf Ihr Gut, deren Sie bedurften, zu geben, Ihnen weiteren Credit, soviel als zur Deckung Ihrer Schulden, deren Höhe ich sehr wohl kannte, zu bewilligen. Da zwischen uns nie etwas von einer Mitgift gesprochen worden, meinte ich, daß Sie es mir überlassen, für meine Tochter standesgemäß zu sorgen, und wahrlich mit den Zinse» von 100 000 Gld. —" „Das hätten Sie früher sagen sollen," unterbrach unwillig der Gras. „'Man sieht, der Jude verlernt das Handeln nicht, und wenn er sich auch mit Taufwasser bespritzt hat!" „Um lumpiger 200 000 Gulden willen ein Judenmädchen heirathen," fuhr er fast entrüstet fort, „wahrlich, Sie dachten in mir einen Gimpel zu fangen, ich werde Ihnen aber beweise», daß iä> nicht der Gimpel bin, für den Sie mich ansehen!" Schwere Schritte dröhnten durch das Gemach; cs war der ängstlich horchenden Frau, als wolle der Graf das Zimmer verlassen „Wo wollen Sie hin?" vernahm sie jetzt die Stimme ihres Vaters. „Mir eine Kugel durch den Kopf schießen," erwiderte ihr Gatte. Sie zitterte an allen Gliedern, wollte sich erheben, doch die Glieder tvaren ihr wie gelähmt. Schwere, heiße Thränen rollten ihr über die bleichen Wangen. Sie wußte jetzt, wie es um des Grafen Liebe bestellt war. „Alles Lug und Trug," jammerte sie. „O Gott, nimm mich fort von dieser Welt, auf der es für mich keine Freuden, nur Enttäuschungen und Herzweh giebt!" Von drinnen hörte sie jetzt, wie ihr Vater den Grafen zurückzuhalten suchte, leise und eindringlich mit ihm sprach, ohne Einfluß auf ihn gewinnen zu können. „Ich mag diese Abhängigkeit nicht, will nicht von Ihrer Gnade leben," hörte sic den Grafen. „Eine Rente ist in meinen Augen gar nichts. Können Sic Ihrer Tochter kein Kapital mitgebcn, so thun Sie besser, sie mit nach Hause zu nehmen! Ich werde meinen Weg durch die Welt finden, ohne es nöthig zu haben, mich in die schmachvolle Abhängigkeit eines Juden zu begeben!" „Nur nicht so hochmllthig, Herr Graf," entgegnete Braun, „Sie vergessen, daß Sie seit Jahren in der Abhängigkeit von Juden sind und sich ohne deren Hülfe längst hätten eine Kugel durch den Kopf jagen müssen! Reden wir wie verständige Leute! — Sie versprechen mir Ihren Einfluß beim Minister zu meine» Gunsten geltend zu machen. Eine Standeserhöhung ist mir erwünscht! Sobald Sie dieselbe erwirkt, zahle ich Ihnen die fraglichen 300 000 Gld., auf die Sie heut schon Anspruch machen. Sind Sie damit einverstanden, dov, sind Sie es nicht, so thun Sie, was Sie für gut halten." „Ihr Wort in Ehren," entgegnete der Graf. „Ihr Adelsdiplvm kann Ihnen in 3—4 Monaten zugehen; bis dahin aber beanspruche ich etliche Vorschüsse zur Regulirung meiner Angelegenheiten, die Sie mir nicht versagen dürfen!" „Wie viel ungefähr?" fragte Braun. „50—60 000 Gulden" entgegnete nach einigem Ueberlegcn der Graf. „Das ist zu viel," entgegnete Braun. „Sie werden wieder spielen, wetten —" „Wollen Sie mich Hofmeistern?" unterbrach unwillig der Graf. „Ich glaube, ich bin alt genug, um zu wissen, was ich thue!" „Ich bewillige Ihnen jetzt 10 000 Gld. für die Hochzeitsreise," entgegnete Braun; „alles Andere wollen wir besprechen. wenn Sie zurückkehren!" „So machen Sie mit Ihrer Tochter eine Hochzeitsreise," entgegnete unwillig der Graf; „ich bin nicht gewillt, unterwegs in Hotels zweiten Ranges —" „Aber wer verlangt das von Ihnen," unterbrach Braun; „leben Sie so nobel, als Sie leben wollen. Ich verlange keine Einschränkungen!" „Weshalb handeln Sie denn, als ob Sie an Ihrer eigenen Tochter was verdienen müssen," entgegnete der Graf. „Glauben Sie mir, Sie sind sic billig genug los geworden, wenn Sie sich jetzt auf noch 50 000 mit mir einigen!" „Welche unwürdige Sprache!" erwiderte unwillig der Vater. „Sie thun wirklich, als wäre meine Tochter ein Handels-Objekt! Ich hätte wirklich von Ihnen mehr Delicatcsse und Tact erwartet." „Wollen Sie die Freundlichkeit haben, Herr Braun, mir zu sagen, ob Sie meinen Vorschlag acceptiren?" entgegnete kalt der Graf. „Sie werden einsehen, daß ich meine Maßnahmen danach treffe» muß." „Ich verstehe Sie nicht," entgegnete Braun. „Sie werden von mir Horen!" erwiderte der Graf, der Thür zuschreitend. „Vater. Vater!" konnte sich Jlka nicht enthalten zu rufen. „Laß es nicht bis zum Aeußersten" kommen," bat sie, als Braun jetzt erstaunt in der geöffneten Thür stand. „Du hier? Wir wähnten Dich in Deinem Zimmer?" sagte er verlegen. Auch der Graf war herzugetreten und suchte nach Worten, seine Handlungsweise zu entschuldigen. „Liebe Jlka," staminelte er, „eine Auseinandersetzung geschäftlicher Art —" „Genug, genug." unterbrach ihn die junge Frau; „ich habe Alles gehört; auch ich werde meine Maßnahmen treffen müssen, nicht Sie allein, Herr Graf." „Aber Kind, nur ruhig! Ich bewillige ja Mes," rief der Vater; „ja, ja, Dagmar hat Recht, es war kleinlich von mir! Rege Dich nur nicht auf! Ihr werdet reisen, sollt glücklich sein, Alles —" „Glücklich?" unterbrach ihn weinend die junge Frau. „Glücklich ich mit dem Manne, dem ich nur als Kaufpreis seiner zu deckenden Schulden Werth habe" „Aber Jlka, Du wirst doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen," mahnte der Graf. „Hätten wir geahnt, daß Du unser Gespräch belauschtest —" „Sehr gut, daß Sie es nicht geahnt, mein Herr Gemahl," sagte Jlka mit beißendem Spott. — „Ich sehe jetzt wenigstens klar und weiß, welche Rücksichten ich Ihnen schuldig bin!" „Ich verstehe Dich nicht," stammelte der Graf verlegen. „Sie haben mir Ihren Namen v erka uft; gut, mein Vater wird als ehrlicher Mann den Preis zahlen. Im Uebrigen gestatten Sie mir, für mich zu leben, wie mir beliebt, und aus Ihre Aufmerksamkeiten Verzicht zu leisten! Die Tochter des „Juden" Braun ist zu stolz, sich an einen Mann hinzugebcn, für den sie den Werth einer Waare hat!" „Sie wird sich beruhigen," mahnte Alois Braun; „ich ziehe mich zurück; sehen Sie, Herr Schwiegersohn," setzte er halblaut hinzu, wie Sie sie versöhnen. Ich sende Ihnen das Portefeuille mit der gewünschten Füllung!" Und während Alois Braun die Papiere sortirte, wendete der Graf all' seine Ueberredungskunst an, Jlka für sich zu gewinnen. Umsonst. (Fonsetzung folgt.)