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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 42 (1885) · p. Seite 165

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
42 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 165 (sequence 3)
Language
German
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— 165 — «in Edelmann davon," sagte er halblaut für sich, „wenn «r sich mit diesen Juden cncauaillisirt! Feig sind sie Alle!" Als er Mittags die Esplanade entlang ging, um sich nach dem Befinden seiner Braut zu erkundige», begegnete er Dr. Sanders. Beide Männer warfen einander giftige Blicke zu. Graf Zandos fuchtelte mit feiner Reitpeitsche, die er absichtlich zu sich gesteckt, in der Luft. Sanders, dies sehend, trat dicht an ihn heran, um ihm zu zeigen, daß er ihn nicht fürchte. „Werden Sie abrciscn," fragte er ihn, ohne ein Zeichen des Grußes. „Elender Feigling!" rief der Graf, den Nichts Ahnenden zu Boden werfend und seine Peitsche schwingend, ließ er sie wieder und wieder mit aller Kraft aus den Körper des Wehrlose» fallen, der sich untcr seinen wuchtigen Schlägen wand, ohne sich erheben zu können. Im Nu hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt; man nahm für und gegen den Angreifer Partei, forderte, daß Polizei einschrcite, und während die Ruhigeren zum Frieden mahmcn, sich des fast Erschlagenen annehmcnd, war cs Graf Zandos gelungen, zu entkommen. Niemand wollte gesehen haben, wohin er sich gewendet; genug, er war verschwunden. Man suchte ihn im Hotel Elisabeth, in der Villa Braun, nirgends eine Spur von ihm. Seine Freunde sagten, er habe sich diese Genugthuung verschaffen müssen, um keinen Flecken auf seiner Ehre zu lassen und freuten sich wohl gar, als sie den von seiner Brutalität Getroffenen fast leblos darnicderliegen sahen; er hatte Niemand, der für ihn plaidirte, mochte auch Niemand in's Vertraue» ziehen, den» was konnte er von Fremde» hoffe», wenn sie, die ihn mit den Armen der Liebe umschlungen, ihn in diese Situation gebracht? Nachdem man ihn mittels Tragbahre in sein Hotel geschafft, ihn entkleidet, den vollständig wund geschlagenen Körper durch Umschläge gekühlt, überlegte er, was eigentlich zu thuu sei. Ein zweites Mal durfte er sich einer derartigen Attaque nicht aussctzcn und ein Duell? So gern er demselben ausweichen tvollte, er sah wohl ein, daß er sich stellen müsse; aber dann auch — Aug' um Aua' und Zahn um Zahn. — Er schwur sich, daß sein Gegner den Wahlplatz nicht lebend verlassen solle. Im Laufe des Tages stellten sich heftige, brennende Schmerzen ein. Der ihn behandelnde Arzt war empört, daß ein Mann der gebildeten Stände so unmenschlich handle, sich so von blinder Wuth Hinreißen lassen konnte. „Das ist ja ein vorsätzlicher Mord," rief er, als er die Wunden und Striemen, die die Peitsche verursacht, betrachtete. Der Patient stöhnte und jammerte und stärker als die körperlichen Schmerzen peinigte ihn der Zweifel: Was wird aus dem Weibe, das ich einst geliebt? Wird sie sich diesem Unmenschen wirklich vermählen?" — Er sandte, da er hörte, daß Graf Zandos, ohne nochmals in das Hotel zu kommen, seine Koffer habe holen lassen und abgereist sei, nach der Braun'schen Villa, um Erkundigungen einzuziehen, ob Jlka um seinen Zustand wisse, «in beiderseitiger Freund tvollte vermittelnd wirken. Er kam verstört zurück. Auch Jlka mit ihrem Vater sei gestern, um allem Eclat aus dem Wege zu gehen, abgereist, die Mutter werde mit der Familie in wenigen Tagen folgen, sie sage, der Aufenthalt hier sei ihr, so verlockend schön er ehedem gewesen, verleidet. — Dr. Sanders konnte nicht so bald an die Rückreise denken, er lag ernstlich krank darnieder, war gebrochen an Leib und Seele, lebensmüde und verzweifelt und wäre lieber heut als morgen von dieser Erde geschieden, hätte ihn der Wunsch, Rache zu nehmen, nicht aufrecht erhalten. In ruhigen Stunden fragte er sich, wie cs überhaupt möglich gewesen, daß Zandos ihn derart habe maltraitiren können. War er ja selbst kräftig, athletisch gebaut, ein guter Fechter; offenbar hatte er ihn, den Nichtsahnenden, durch einen Kunstgriff oder eine Fußstcllung zum Liegen gebracht, dann derart festgchalten und im Nu bearbeitet, daß er betäubt war und an einen Widerstand nicht denken konnte. Das Schimpfliche des Attentats empörte ihn dermaßen, daß ihm oft die Thränen in die Augen traten; er, er der Stolze, der vor Keinem zurückschrcckte, dem Furcht ein ungekannter Begriff war, hatte sich schlagen lassen, schlagen wie ein Schulbubc, dem eine Züchtigung gebührt. Obschon er nach etlichen Wochen so weit hergestellt war, daß er die Heimreise hätte autrcteu können, sträubte er sich dagegen. Im Geiste sah er all' die höhnischen Blicke, hörte er die ihm geltenden Sticheleien; er wollte, daß die Zeit erst Vergessenheit bringen sollte und beschloß, noch eine Fahrt nach Venedig zu machen und hier einige Wochen zu verbringen. Seine Freunde daheim hatte» ihm geschrieben, Zandos sei verschollen, vermuthtich nach Amerika gegangen; die Braun'sche Familie sei noch auf Reisen, das Verhältnis; als gelöst zu betrachten. Nichts schien ihm glaubwürdiger, als das. Welche Macht der Erde hätte nach seiner Meinung Jlka zwingen können, Demjenigen anzugehören, der ihren Namen, den sie ihren Gott, ihr Ideal, ihr Alles genannt, in dieser Weise maltraitirte? Und doch, wie unberechenbar ist das Menschenherz! Jlka, anstatt sich von dem Grafen abzuwenden, schwur, ihn erst jetzt, da, wie man ihr jagte, er ihretwegen sich diesem Afront ausgesctzt, inniger zu lieben. Sic wußte nur, daß Graf Zandos beleidigt worden, aber nicht, daß er so brutale Rache genommen. Als er ihr nach jenem Attentat schrieb: „Theuercs Lieb! Meines Bleibens ist in Ischl nicht; ich reise heute ab, da ich sonst einen Mann, der Dir einst werth gewesen, niederschießcn müßte," da dankte sie ihm in warmen Worten für seine Rücksichtnahme, versprechend, daß auch sie, um mit ihm vereint zu sein, Ischl verlassen werde. (Fortsetzung folgt.) Allerlei für den Familientifch. Gut ntzgefüffrt. Das in Trier erscheinende „St. Paulinusblatt" weiß immer wieder von der Lächerlichkeit der protestantischen „Bekehrer" zu erzählen. Da bei den bevorstehenden Wahlen das Gerede von der Freundschaft aller „christglüubigen" Parteien bereits wieder beginnt, so sei aus der Nummer 30 des Blattes eine Probe herausgehoben, wie man diese Freundschaft auf Seite der Ultramontanen im Volke betreibt: „Ein Katholik, ein Protestant und ein Jude. In einem Eisenbahn - Coups saß neben einem katholischen Priester ein kleiner alter Mann mit gebogener Nase, der recht lebhaft aussah. Dem Priester gegenüber saß ein protestantischer Prediger, der sich bemühte, mit dem Alten, der sich als jüdischer Rabbiner vorstellte, besonders freundlich zu thun, doch der Jude schien ihn links liegen lassen zu wollen. Noch ehe sich der Zug in Bewegung setzte, begann der Protestant spöttisch: „Das trifft sich ja schön, ein Rabbiner, ein apostolischer Missionar und ein Anhänger der „Kircheuverbesserung" sitzen zusammen, wer von uns Dreien mag wohl im Besitze der Wahrheit sein?" Der katholische Priester fand diese Frage sehr unpassend, wollte sich nicht in eine unerquickliche Unterhaltung einlassen und machte Miene, ein anderes Coupä zu wählen, als der Rabbiner ihn freundlich bei der Hand faßte und lächelnd sagte: „Bitte, bleiben Sie, ich will die Frage beantworten. Daun wandte er sich an den vorlauten

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