Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 40-41 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 159 — Jlka schloß die Augen; — sich ganz der Illusion hingebend, Ellimar spräche zu ihr, all das, was sie inzwischen erlebt, sei ein banger Traum gewesen, lehnt sie ihr Haupt an die Brust des Grafen, „Sag, daß auch D» mich liebst, Jlka", bat er dringend, daß Du mein sein willst!" „Dein! ganz Dein!" flüsterte das hocherröthende Mädchen, Immer noch barg sie ihre» Kopf an seiner Brust, als schäme sic sich ihn anzuschcn; doch er nahm das heiße Köpfchen in beide Hände, drückte einen Kuß auf den glühenden Mund und schien überglücklich, endlich das schone Mädchen sein nennen zu können. Arm in Arm, Schwüre ewiger Liebe tauschend, glitten ■ sie noch eine Zeitlang auf der spicgelklaren Wasserfläche dahin. Es war, als ob die Berge ihnen mit ihren balsamischen Düsten ihre Glückwünsche zu dem eben geschlossenen Hcrzensbunde sandten, „O, daß diese Stunde ewig währte!" rief in schwärmerischer llmwandlung Graf Zandos, „Sic ist zu schön, als daß ich wünschen sollte, nach derselben in den Kreis des porfancn Lebens, der conventionellcn Rücksichten einzutreten!" „So leben wir für uns, abgeschieden von der Welt ein Leben reinster Seligkeit", cntgegnctc Jlka, „Auch mir ist es, als sollte ich das Wonncngefühl, das mich jetzt erfüllt, festhaltc», als gälte cs all den Stürmen aus dem Wege gehen, die — „Nur nicht schwarz sehen, „Geliebte" unterbrach sie zärtlich Gras Zandos, „An meiner Seite wirst Du keinerlei Stürme kennen lernen. Mich erfüllt nur ein Wunsch, der, Dir von Minute zu Minute das Leben angenehmer zu gestalten!" Und wie sie so Arm in Arm dahinglitten, schien cs den Beiden wirklich, als sei ihre Zukunft sonnenklar, wie die sic umgebende Landschaft, Sic wollten mit einander glücklich sein und hofften, daß cs Ihnen vergönnt sei» werde, den Wille» zur That werden zu lassen, — Drüben auf der Hallstädter Terrasse saßen die Verwandten, die sich nicht genug wundern konnten, daß das junge Paar all ihrer Rufe und Zeichen zurückzukommcn, nicht achteten. Die Beiden, die einander heut so viel zu sagen hatten, achteten übcrhanpt der sie umgebenden Menschen nicht; sie waren sich genug, wußten gar nicht, daß da noch außer ihnen andere Menschen auf dem See und an seinen Usern waren, — Ruhig und leicht glitt die Gondel dahin; der Graf brauchte nur dann und wann dem Ruder einen leisen Stoß zu geben, die lautlose Stille in der Natur gab den Beide» das Gefühl des Alleinseins, der innigen Zusammengehörigkeit, Als sic eine Stunde später an SceauerS-Tcrrasse landeten, der Gras Jlka als seine Braut vorstellte und der Eltern Jawort erbat, da gab es ein Küssen und Herzen, eine Freude, wie sie inniger nicht gedacht werden konnte. Die alte Gräfin schien ebenso überrascht, wie entzückt, daß ihr Sohn, der zeither, wie sie sagte, allen Heiraths- Jdeen fern geblieben, eine so vorzügliche Wahl getroffen und das Braun'sche Ehepaar spielte die gleiche Comödie, als ob das Alles so von selbst ohne irgend welches Zuthun, irgend welche Beeinflussung gekommen. Gar bald knallten die Champagnerkorke; man ließ das Brautpaar hoch leben, trank auf eine glückliche Zukunft und Erfüllung aller Wünsche. Jlka lebte wie im Traume. Sie wähnte sich glücklich und fühlte doch einen stechenden Schmerz, eine Art Alpdrücken, das sie nicht verlassen wollte. Es war ihr immer, als ob da in der Luft, in verschwommenen Umrissen ein anderes Gesicht vor ihr austauche, das sie an eine Schuld mahne. — Ihr Blick verschleierte sich; Wehmuthsgedanken erfüllten ihre Seele, Und wie ihr Blick schien sich jetzt der Himmel zu verfinstern , drohende Gewitterwolken zogen sich zusammen, es war, als ob die Himmlischen da oben ihnen ihr Glück neidete», . „Wir werden das Gewitter hier abwarten," sagte Alois Braun; „es dürfte bald vorüber sein," Die Gesellschaft zog sich in den Saal zurück, da jetzt ein wolkcnbruchartiger Regen, von furchtbaren Stürmen gejagt, herniederfiel. „Das ist kein Glückswctter," konnte sich Jlka nicht enthalten zu sagen; „als wir uns dorten auf dem See das Wort gaben, war es lachender Sonnenschein und jetzt —" „Nur keine pessimistische Anwandlung, Liebchen," unterbrach sie der Graf. „Sonnenschein und Regen, das wechselt so in der Natur, wie im Leben; kein Erdgeborener kann sich diesen Einflüssen entziehen," Indes; Stunde auf Stunde verrann, der Regen schien nicht Nachlassen zu wollen. Da urplötzlich hörte man einen furchtbaren Krach, ein Brausen und Dröhnen, als ob alle Naturkrästc entfesselt seien, "Das Wasser! Das Wasser!" rief der Wirth, wie ein Rasender hereinstürzcnd. Er zeigte nach dem Seitentisch und als man an die nach doit gehende» Fenster trat, bot sich das Bild grenzenloser Verwüstung, Felsgcröll und mannshohe Steine wurden mit den von dem Berg hcrabstürzcnden Wasserfluthen in die Straßen geschleudert, im Verlaus weniger Minute» standen die kleinen Häuschen fast zur Hälfte im Wasser, immer mächtiger schwoll die schäumende, tosende, Alles überstürzende Fluth an, man sah Menschen, die sieb schon halbnaß aus den Häusern auf die Bäume rettete», hörte ihr Schreien und Jammern, ohne helfen zu können, denn Niemand vermochte dem einer Wasserhose gleich anstürmenden Schwall Einhalt zu gebieten. Ehe man es gedacht, standen alle Straßen in der Nähe des Marktes unter Wasser; die noch vor einer Viertelstunde so friedliche Stadt bot ein trauriges Bild, Ein Elementar - Unglück war über sie hereiugebrochen, das Hunderte armer Familien an den Bettelstnb brachte. Jetzt endlich schien der von der Saline kommende Wassersturz nachzulassen; kräftige Männer wagten sich auf Kähnen hinaus, um in den unter Wasser stehenden Häusern zu recherchiren, ob man ihrer Hülfe bedürfe. Die Armen, die sich bereits, da das Wasser höher und höher stieg und im Nu alle Thüren versperrt hatten, dem sicheren Tode geweiht glaubten, waren froh, jetzt nur das nackte Leben retten zu können. Man führte sie in die hoch im Ort gelegene Kirche, wo sie einstweilen geborgen waren. Jlka zitterte an allen Gliedern, als sie vom Fenster des Gasthauses aus die grauenvolle Verwüstung überblickte, „Soll auch mein Glück so in Trümmern gehen?" fragte sie sich, „Ist das Gottes Stimme?" Der erste Gang, den sie, gestützt auf den Arm ihres Verlobte», that, war wenig geeignet, sie heiter zu stimmen. 'Als das Unwetter sich gelegt, führte der Dampfer die Fremden hinüber zur Bahn. Verstummt und aufgeregt von all dem Unglück, dessen Zeugen sie gewesen, langten sie in Ischl an. Niemand war in der Stimmung, die beabsichtigte Verlobungsfeier heut zu insceniren; man vertagte sie, um sie heitern Herzens begehen zu können. Nichtsdestoweniger hatte das Gerücht, daß Graf Zandos sich mit der Tochter des reichen Banquier Braun versprochen, bald die Runde durch die Badewelt gemacht. Xsl. Dr. Landers. Ein müßiger Zeitungs-Reporter, der nach sensationellem Stoff dürstete, um sein Blatt mit demselben zu versorgen, veröffentlichte schon TagS darauf folgenden Artikel in einem der gelesensten Wiener Blätter: „I s ch l. Gegenwärtig macht hier die Verlobung eines ehedem vielgenannten ungarischen Grafen mit der Tochter eines reichen Banquiers, richtiger mit deren Millionen, viel von