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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 40-41 (1885) · p. Seite 160

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
40-41 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 160 (sequence 4)
Language
German
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— 160 — sich reden. Die junge Dame beabsichtigt, zum Christcnthume überzutreten und scheint des romantischen Ehcbündnisses, das sie vor kaum 3 Monaten nach jüdischem Ritus mit einem dem Richtersiandc angehörcnden jungen Manne geschlossen, vollständig vergessen zu haben. Ob Letzterer wohl den Entschluß seiner Gattin billigt? —" Das war deutlich genug, um einem der sogenannten Freunde Sanders Gelegenheit zu geben, ihn auf jenen Artikel aufmerksam zu machen. Der junge Mann, der in Folge der Aufregungen und Recherchen, die er stets erfolglos angestellt, sehr herabgekommen war, ward erdfahl, als er das betreffende Zeitungsblatt durchsah. „Eine Ente," sagte er sich, nicht glaubend, das; es möglich sei, daß das Mädchen, das ihn so leidenschaftlich geliebt, nach so kurzer Zeit einem Anderen angehören könne. Doch war ihm ein Fingerzeig gegeben, wo er sie suchen konnte. _ Ohne sich umzuklciden, eilte er zur Bahn; der Zug mußte in einer Viertelstunde abgchen. Er kam gerade noch zeitig genug, um ein Billct zu lösen, warf sich dann völlig erschöpft in eine Wagcncckc, unfähig, auch nur zu denken, welchen Erfolg denn seine Reise haben könne. „Also in Ischl!" murmelte er; „dort lebt man iw dulci jubilo, während ich hier —" Er vergrub sein Haupt in beiden Händen, um nicht laut zu weinen. So sehr er Braun haßte, so sehr er ob der ihm angethancn Schmach gekränkt war, Jlka's Bild stand noch immer in unentweihtcr Schöne vor ihm. Er liebte sie noch, wie ehedem, ja mehr, da er sich sagte, daß sie ein ihm entrissenes theures Gut sei, dessen Besitz er sich ooübs que coüte sichern muffe, um auch sie glücklich zu machen. Daß sie ihre Briefe und Geschenke zurückgcsandt, schrieb er einem auf sie ausgeübten Druck zu, wußte er ja, welche Macht der Vater auf sie ausübte. Daß an der ganzen Sache etwas Wahres, mochte er nicht glauben; es genügte ihm, zu wffsen, wo sie sei, um sie sehen, sie sprechen zu können und sein Unheil, ob er hoffen dürfe, von ihren Lippen zu vernehmen. Nach langer, anstrengender Fahrt langte er endlich todtmllde, nervös aufgeregt und abgespannt in Ischl an. Er stieg im Hotel Elisabeth ab und war nicht wenig erstaunt, aus seine an den Portier gerichtete Frage gleich zu erfahren, daß Graf Zandos hier, die Braun'sche Familie in einer an der Esplanade gelegenen Villa wohne. „Der Herr Graf," sagte der redselige Portier, „ist vor kaum einer Viertelstunde hinübergefahren, man feiert heut das Verlobungssest der — Herr Gott, was ist dem Herrn!" unterbrach sich der Mann, da er sah, daß Or. Sanders dem Umsinken nahe war. „Schnell Wasser, Wasser!" rief er, als er jetzt den Halbohnmächtigcn in seinen Armen auffing. „Dem Herrn ist unwohl! Und mit Hilfe einiger herbeieilender Kellner trug man den Betvußtlosen in ein Zimmer, wollte gerade einen Arzt herbeirufeu, als vr. Sanders die Augen aufschlug und wild um sich stierte. Mit dem Bewußtsein kamen ihm auch die Kräfte wieder. Schnell ermannte er sich, verlangte, daß man ihn allein lasse und nachdem er sich ein wenig erholt, ging er mit sich selbst sprechend im Zimmer auf und ab. „Ich schieße ihn wie einen Hund nieder," murmelte er, „wenn ich ihn mit ihr sehe! — Werde meine Rechte zu wahren wissen!" Er ließ sich die Kurliste geben, um zu erfahren, wo die Familie Braun wohne. — „Also dort feiert man heut Verlobung!" sagte er aufknirschend. „Aber wartet," setzte er gedämpften Tones hinzu, „ich werde Euch Euer Fest stören, Euch zeigen, was es heißt, einem Menschen sein geheiligtes Recht nehmen, ihn um Liebe und Lebensgluck betrügen!" _ Veraiiwortlicher SRcbadcut Dr. Rahmcr, Magdeburg. Druck von Festen Schrittes ging er hinaus. — Der Portier sah 1 dem so entschlossen Dahineilenden verwundert nach. War das derselbe Mann, den er vor kaum 10 Minuten in seinen Armen ausgefangen? „Bei dem ist was im Oberstübchen nicht richtig!" sagte er sich. „Wollen nur ein Auge auf ihn haben!" Or. Sanders schritt die Esplanade hinunter und stand gar bald vor der Braun'schen Villa. Auf einer Bank vis-ä-vis derselben Platz nehmend, konnte er genau beobachten, was da im Garten und auf der Terrasse vorging. ff Das Blut erstarrte ihm in den Adern, als er auf dem! Balkon blühend schön, wie er sie ehedem nie gesehen, Jlka I in einem Schaukelstuhl gewahrte, den Graf Zandos auf und ab bewegte. Sie plauderten mit einander vergnügt und seelensfroh, fast glaubte er Jlka's silberhelles Lachen zu vernehmen. Jetzt stand sie auf, der Graf legte seinen Arm um ihre Taille, sie ihren Kopf an seine Schulter und so flüsternd und kosend durchschritten sie den Garten. Or. Sanders wollte sich ausraffcn, über die Barrisre springen, die Geliebte dem Grafen entreißen, doch die Aufregung überwältigte ihn, er fühlte seine Kräfte schwinden und sank fast ohnmächtig, da er sich eben erhoben, auf die Bank zurück. Die Vorübergehenden, meinend, daß er schlafe, kümmerten sich nicht weiter um ihn. Es ward dunkler und dunkler und als Sanders endlich aus seiner Lethargie erwachte, sah er drinnen im Saale der Braun'schen Villa die Kronleuchter angezündet, eine festliche Gesellschaft versammelt und — cs schwindelte ihm vor den Augen — oben an der Spitze der Tafel Jlka in heiterem Geplauder mit Graf Zandos. „Daß ich das mit ansehen muß," jammerte er und drückte die Nägel tief in das Fleisch, als wollte er sich einen physische» Schmerz zufügen, um nicht dem seelischen zu erliegen. Am liebsten wäre er gleich hincingcsiürnck in den Saal, den Grasen zu fordern, doch cs schien ihm geralhener, sich Zwang anzuthun, Jlka folgenden Tages allein zu sprechen, um aus ihrem Munde zu hören, wie das Undenkbare möglich geworden, was er zu hoffen, was zu fürchten habe. Gesenkten Hauptes, den Tod im Herzen, schlich er still von dannen. Auf den Brücken längs der Esplanade saßen fröhlich plaudernd heitere Menschen. Sie achtete» des gebückt Dahinschlcichenden, der in einem Tage um Jahrzehnte gealtert, nicht. Hier war ja Alles Lust und Leben; wer hatte da einen Blick für den Unglücklichen, der an Gott und der Zukunft verzweifelt und diesem elenden Leben lieber heut als morgen ein Ende gemacht haben würde, hätte ihn nicht doch noch ‘ ein leiser Hoffnungsschimmer, sein Schicksal könne sich noch günstig gestalten, ausrecht erhalten. XVII. Das Rencontre. Im Hotel angclangt, warf sich Sanders ohne sich auszukleiden aus sein Lager. Obschon er keine Ruhe fand, immer und immer wieder sich ausraffcn wollte, um jene Feier zu stören, zwang er sich doch zu bleiben. Endlich, nach Stunden der Qual senkte sich ein wohlthätigcr Schlaf auf die todtmüden Augen. Als er erwachte, war sein erster Gedanke, Jlka zu schreiben. Doch er verwarf denselben; der Brief konnte in andere Hände kommen. Auf jener Bank vor ihrem Hause wollte er Posto fassen, bis sie heraus käme. Aug' in Aug' ihr gegenübertretend, würde er sie fragen, wie diese Wandlung möglich geworden, ob mit ihrer Einwilligung dieses Bündniß geschlossen worden. Kaum hatte er 5 Minuten gewartet, da erschien in reizender Morgentoilette, thaufrisch und freudestrahlend Jlka auf der Terrasse; wenige Augenblicke später war sie, den Garten durchschreitend, an der Barrisre angelangt; sie öffnete die Thür, die auf die Esplanade hinaus führte und stand (Fortsetzung in der Beilage.) | D. L. Wolfs, Magdeburg. Lcrlag von Robert Friese, Leipzig.

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