Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 40-41 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 158 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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den Kugeln einer der ersten Plänklerschaarcn niedcrgestreckt fallen zu jeden. — Nun hatten nach an demselben Schrcckenstage, der Schmerz und die furchtbare Gemüthsbcwegung, sie durch den Tod mit dem Gatten vereint — und das nun völlig verwaiste Kind schlummerte auf den Armen des kathvlischcn Geistlichen, der zum Glücke ein wahrhaft frommes edles Herz im Busen trug, und in diesem Augenblicke auf dem blutgedüngten Boden cs sich unter dem Sternenzelte im Stillen gelobte, dem Waisenkinde ein liebevoller zweiter Vater zu werden. — II Abseits von der Heerstraße, am Saume eines Wäldchens, in einer Thalschlucht eingeengt, liegt das Dörfchen Pr. . . . ., dessen wenige Häuschen fast alle heute die Spuren des gestrigen, so heißen Tages von Chlum trugen; nur das auf einer Anhöhe am Ende des Oertchens knapp an der Kirche stehende Pfarrhaus schien von den Projectilen, die sich vom weitgedehnten Schlachtfelde nur allzu oft bis hierher verirrt hatten, verschont geblieben zu sein. — Es ist noch früh am Morgen, ringsumher herrscht tiefes Schweigen, in der Dorfgassc rührt sich kein Wesen, selbst die Thierstimmcn, die sonst die stillen Räume ländlicher Menschenwohnungen belebe», waren verstummt — die Thüren der Häuser und Hütten waren fast alle geschlossen; — nur die eichene Pforte des Pfarrhauses stand offen, war doch erst vor wenigen Minuten der Pfarrer durch dieselbe auf den nahen Feldweg hinausgegangcn, um, getrieben vom inneren Drange seines von Menschenliebe erfüllten, frommen Herzens, ins nahe Nachbardorf Ne... . zu gehen, allwo, wie er wußte, im dortigen herrschaftlichen vom Besitzer verlassenen Schloße eine große Anzahl schwer Verwundeter untergebracht war, eine nur allzudichtc Schaar, die des Arztes, wie des Seelsorgers in gleichem Maaße bedurfte. Wir begleiten den guten Hirten im Geiste mit unseren besten Segenswünschen, wir gönnen ihm das kühle, milde Morgcitlüftchen, das seine hohe Denkerstirnc umfächelt, er wird heute in Ne... . ivie in den improvisirten Nothspitülern der Umgegend ein schweres Tagewerk haben — der kräftige von eiserner Willenskraft gestählte Mann, wird des Aufgebotes aller seiner Kräfte bedürfen, um seinen heiligen Amts- und Hcrzenspflichtcn gerecht zu werden. — Wir wenden uns mit geistigem Auge dem Pfarrhausc zu; — dort sitzt eben jetzt Annuska, die alte Haushälterin des Pfarrers, auf einem Schemel, und läßt ihre mit einer großen schwarzen Hornbrille bewaffneten Augen auf dem vor ihr in einem Wäschekörbe gebettet liegendem Kinde ruhen, indes; ihr gegenüber, die Hände über den Rücken gekreuzt mit bitterböser Miene in's Freie blickend, der junge vierschrötige Caplan P. Dominik steht. — „Seht doch nur Herr Pater! wie schön das ist, wenn so ein' kleines Engelein im Schlafe lächelt" — sagte Annuska — „Halt's Maut alter Drache! und sündige nicht!" — herrschte der Pater ihr entgegen", red' doch nicht in Deiner Dummheit so gotteslchterisch daher, das kleine gottverfl . .. . Judendankert ein „Engelein" zu neiinen, das kann nur so eine gottverlassene Person wie Du, die in jedem Milchgesichtchen gleich den Himmel sieht — dafür aber, daß der Teufel da in den schwarzen Judenaugen des kleinen jüdischen Balges schon heute sein höllisch' Feuer angezündet, hast Du gar kein Auge, das siehst Du nicht, alte Närrin! und Seine Hochwürden, der Herr Pfarrer, scheint auch wieder einmal, wie schon oft früher, seine schwache Stunde gehabt zu haben; —■ wie hätte er sonst aus den sündigen Gedanken kommen können, unser gut christ-katholisches Pfarrhaus durch diesen teuflischen Zuwachs verunreinigen zu wollen? — geh' Alte! gieb mir das Frühstück in die Hinterstube, damit ich den kleinen Judeujungen nicht sehen inuß, und mir das Essen nicht verbittert werde — ich gehe indeß ein wenig in den Garten, sorge dafür, daß ich das Kind so wenig als möglich zu sehen bekomme."- Mit einem giftsprühenden, gehässigen Seitenblick auf das noch immer im Korbe sanft schlummernde Knäblein ging der fanatische Caplan aus der Stube, während, als er die Thüre zürnend hinter sich ins Schloß geworfen hatte, die gute alte Annuska die Hände ringend, mit Thränen in den Augen zu dem armen Kinde gewendet schluchzend jagte: „Armes Hascherl! kann's denn wirklich eine Sünde sein, Dich kleinen Wurm aus Mitleid in's Haus genommen zu haben? sollte man Dich verschmachten lassen, weil Deine Eltern Juden waren? das kann ja unser Herrgott von frommen Christenmenschen nicht verlangen, und Seine Hochwllrden der Herr Pfarrer muß doch wohl besser wissen, als der Herr Caplan, was Christenpflicht von uns verlangt und was er als christ-katholischer Geistlicher zu thu» verpflichtet und berechtigt ist; — soll der Herr Pater daher nur immer brummen, und bitterböse Reden führen, m i r hat mein Brodherr und Beichtvater, der Herr Pfarrer, das Kindlein hier auf die Seele gebunden, mir hat er aufgetragen, es zu pflegen, gut zu halten, und bis ans weiteres demselben mütterlichen Schutz zu gewähren, und das will ich als gute Christin gewissenhaft thnn; wcnn's, wie Pater Dominik sagt, eine Sünde ist, weil die Eltern des Kindes Juden waren, dann muß mir ja der liebe Herrgott diese Sünde wohl vergeben, da ich ja auf Befehl meines Herrn Pfarrers und Bcichlvaters gehandelt, und am Ende muß doch, wie mir mein Herz sagt, so ein armes Judenkind doch auch eine Menschenseele in sich haben — —• doch bei meiner eigenen armen Seele! da hätte ich ja bald vergessen dem heute gar so griesgrämigen Herrn Caplan das Frühstück zu bereiten, mit dem Herrn Pater ist ohnehin nicht gut Kirschen essen, und das arme Judenkind hat ihn heule gar rebellisch gemacht — nun! das Kindchen schlaft, ich gehe um Milch und Zucker zu holen, das Haus mag wohl der Herr Pater indeß bewachen, er muß ja nicht gerade in die Wohnstube gehen, wenn er das arme Kind nicht sehen will, der liebe Gott wird es indeß bewachen, bis ich wieder heimkomme — wenn's nur nicht inzwischkli erwacht uiib schreiet, der süchtige Herr Pater Caplan — Gott verzeih' mir die Sünd' — wäre im Stande, ihm was anzuthun". —Mit diesen Worten entfernte sich Annuska, nachdem sie noch vorher dem Herrn Pater gebeten, Acht darauf zu haben, daß während ihrer Abwesenheit sich kein Dieb in's Haus schliche. — _ Kortsctzung folgt.) Versöhnt! 21 Original-Roman von Jda Bar der. XV. Die Verlobung. Einst da man eine Partie nach Hallstadt^ verabredet hatte und von da aus eine Fahrt auf dem Lee machte, waren der Graf und Jlka allein in einem Boot. Das junge Mädchen betrachtete bewundernd die herrliche Landschaft. Ruhig und spiegclklar lag der «ec da, umgeben von steil ansteigenden Felskegeln, üpptg grünen Waldungen, die ihre Wohlgcrüche herabsendeten. „Wie schön ist diese Welt", rief sie begeistert aus. Ich kenne keinen höheren Gennß, als hier still und abgeschieden von der Welt zu träumen!" „Dünkt es Ihnen nicht schöner, holde Jlka", erwiderte ihre Hand ergreifend, Graf Zandos, „inmitten des gesellschaftlichen Lebens als gefeierte Schönheit zu gelten, sich von einem Manne, der sie liebt, aichetcn zu lassen, seinen Lebensweg mit Rosen zu schmücken? Jlka schlug beschämt die Augen nieder. Diese Sprache, die sie schon einmal vernommen, von einem Anderen zu hören, verwirrte sie. Der Graf, durch ihr Schweigen ermuthigt, ward vertraulicher; er legte den Arm um ihre Taille, zog die fast bebende Gestalt an sich und ihre Verwirrung zu seinen Gunsten deutend, flüsterte er ihr in Tönen, die sie erbeben machten, all das zu, was ihr ja ehedem ein Anderer bereits gesagt, daß er sie liebe, nicht ohne sie leben könne, daß sie ihn zum Glücklichsten der Sterblichen mache, wenn sie ihn angehören wolle.