Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 39 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585258--0453-9585261- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ — 155 — niedrig ist, daß man Zuschüsse leisten muß und dann, hoffe ich, werden sie mehr geben. Und auch bei der Arbeit werden wir es schon anders einrichten. Kurz, ich rathe Dir, nimm's an. — Ich glaubte seinen Worten und er stellte die Bedingung, daß ich ihm 1000 Rubel für seine Hilfe zahle. 600 gab ich ihm baar und für die andern 500 einen Wechsel auf seine Schwester. So erhielt ich den Austrag — aber bald sah ich, wie viel Verlust mir bcvvrstand. Ich wandte mich an P., er solle mir Helsen. Aber er gab mir kein Gehör! So verlor ich mein Alles und die Gläubiger nahmen meinen ganzen Besitz, bis aus diesen armseligen Rest. Nun hatte ich gemeint, P. würde nicht so frech sein, auch noch auf Bezahlung des Wechsels zu dringen — aber er ist zu Allem fähig — ich wurde vcrurtheilt und werde das Letzte verlieren." S. bedeckte mit der Hand sein Gesicht und wischte die hcrvorquellenden Thränen ab. In diesem Augenblicke trat P. mit 6 Käufern ein. „Herr Amtsrichter," wandte P. sich bittend an mich, „wollen Sie gefälligst jetzt zum Verkaufe dieser Sachen schreiten!" »Herr P., machen Sie uns nicht unglücklich," schrie Hendl auf. „Verkaufen Sic nicht den Rest unserer Habe! Denken Sie doch an Gott, den ewigen Richter!" „Frau," rief ihr S. laut zu. „dringe nicht in diesen Mann. Wie kann Gott in seinem Herzen sei», da er doch kein Herz hat. Mag er doch verkaufen! Da hast Du, da" — rief S. verzweifelt und stieß ihm einen kleinen Tisch näher. „Nimm, nimm!" Einige Juden kamen in die Stube. Das Wehklagen Hendl's und die Verzweiflung bekundende Stimme des Sußmanowitsch hatten ihr Mitleid erregt. Sie besprachen sich leise und traten dann an P. heran. „Herr," sprach Einer zu ihm, „möchtest Du nicht ein gutes Werk thun?" „Mit solchen Redensarten wcndeDich an Euren Rabbiner," fuhr ihn P. barsch an. „Nein, nein, nicht so, — wir wollen Dir für diese Sachen zahlen, was der Taxator als ihren Werth bezeichnet." S. merkte, was da vorging und rief laut und flehentlich : „Meine Brüder, tretet doch meine Ehre nicht mit Füßen, denn ich werde keine Almosen annehmcn. Sußmanowilsch wird nie unverdiente Gaben sich reichen lassen; ich will lieber Alles, als meinen guten Namen verlieren." Die Juden wandten sich zur Seite, ohne etwas zu erwidern. „Herr P.," sprach ich zu diesem, „vielleicht hätten Sie die Güte, den Verkaufstermin hinaus zu schieben. Bedenken Sie das Elend des Schuldners, denn sicher dieser Mann „Ist so Etwas erhört, Herr Amtsrichter? Auch ohnedies habe ich genug Plackerei mit diesem Menschen gehabt. Man sieht, sie kennen diese Leute noch nicht. Das geforderte Geld besitzt er, und wenn nicht, so bezahlt es die Chewrah, denn sie haben ein „Kahal" und sie bezahlen Alle für Einen." Nachdem ich dies gehört, ließ ich die Versteigerung beginnen. Ich konnte ja nichts dagegen thun. Der erste Gegenstand, der ausgeboten wurde, war ein Kasten, verwittert durch Alter, der aus 3 Rubel taxirt war. „3 Rubel," rief der Auctionator, „3 Rubel für den Kaste», wer bietet mehr?" Hendl schluchzte laut auf und die Kinder weinten mit ihr. „Wer bietet mehr? zum zweiten Male." Ein Käufer bol noch 20 Kopeken. Der Kasten wurde ihm zugeschlagen. „Weh'mir, Mutterlieb," schrie Hendl auf, „dieser Kasten war mir ein ewiges, theueres Andenken an Dich. — Ach und Weh mir!" Der Kasten wurde hinausgetragen und ein Pelz vorgezeigt. „18 Rubel für einen Pelz. Wer giebt mehr?" „19, 20, 21," riefen verschiedene Stimmen durcheinander. „Chaskel, Chaskel! Der Pelz ist Dein letztes anständiges Gewand," wehklagte Hendl, „warum weinst Du nicht und raufst nicht die Haare aus?" Chaskel wandte sein Gesicht zur Wand, stierte sie an und so rollten die Thränen ihm die Wangen herab. „Chaskel, sieh zum letzten Male Deinen Pelz an — er ist doch das Brautgeschenk, das ich Dir am Hochzeitstage geschickt habe." Chaskel rührte sich nicht. Der Pelz war verkauft. Run kam der Spiegel an die Reihe. Hendl beweinte und bejammerte jedes Stück. Denn jedes Stück war ihr an's Herz gewachsen; rief es doch die Erinnerung an bessere Tage wach. Chaskel jedoch hatte sein Gesicht noch nicht von der Wand fortgewandt. „Für 130 jüdische Bücher 10 Rubel! Wer giebt mehr?" Sußmanowitsch warf sich in einem plötzlichen Ausbruche des Schmerzes über die Bücher und weinte bitterlich: „Rührt diese Büche nicht an. — Verkauft mir doch die Bücher nicht," flehte er. Die Juden, welche bis dahin geschwiegen hatten, wandten sich an mich und sprachen einmüthig: „Wir bezahlen dafür!" „Gebt mir 50 Rubel, sonst verkaufe ich nicht," sagte P. „10 Rubel, wer giebt mehr? Zum Zweiten," rief der Auctionator. „Die Bücher nehme ich selbst," sagt P., „und ich werde sie verkaufen," erklärt P. Damit fängt er an, die Bücher zusammenzulesen. „Ich beschwöre Dich bei Allem, was Dir heilig ist, nimm mir meinen letzte» Trost nicht," sagt Chaskel thränenden Auges. „Nimm mir Alles, nur die Bücher nicht." Aber P. wollte seine Bitte nicht hören. „Helft mir," wandte P. sich zu den Soldaten, die die Sachen forttrugen, „helft mir, die Bücher zusammenzubinden." Aber die Soldaten rührten sich nicht vom Fleck. Ich bemerkte sogar, wie dem Auge des Einen eine Thräne entquoll. Mein Herz krampfte sich zusammen und ich eilte, fertig zu werden, um das Elend nicht länger ansehen zu müssen. „Herr, gieb ihm doch seine Gebetbücher," sagte ein Soldat zu P., „es bleibt dem Armen ja nichts übrig." „Du hast hier nichts hineinzureden," schnauzte P. ihn an. „Deine Pflicht ist's, nur die Bücher hinauszutragen. Haltet ven Juden zurück, denn er will die Bücher nicht freigeben." Die Soldaten drückten Chaskel an die Seite. Wie Einer, der den Verstand verloren hat, so glotzte er die Bücher an! „Tragt die Bücher fort," herrschte P. und in 2 Packeten wurden sie hinausgetragen. Dem Munde des Sußmanowitsch entrang sich ein lauter Schrei; dann fiel er auf einen Stuhl. Ich ging fort mit gebrochenem Herzen. Lange Zeit vermochte ich dieses schmerzensreiche Bild nicht aus meinem Gedächtnisse zu scheuchen. Lange Zeit stand der trostlose Chaskel mir vor Augen, der so ruhig und muthig sehen mochte, wie Alles ihm genommen wurde, und der schwach wurde, als ihm seine Bücher entrissen wurden, die Bücher, welche sein Geistesleben und den Ruhm seines Stammes enthielten. In diesem Chaskel erkannte ich den Typus des schonungslos verfolgten Juden. Allerlei für den Familientisch. Krinnerungeu a« Montefiore. Wie innig er seine Frau Judith geliebt hat, weiß ein Jeder. Und trotzdem dürsten nur Wenige ahnen, wie bestimmend ihr Einfluß auf ihn gewesen ist. Als Sir Moses