Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 39 (1885) · p. Seite 154

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
39 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585258--0452-9585260
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 154 — nach einem Freier oder standesgemäßer Versorgung jede Gelegenheit wahrnimmt, ihre Vorzüge zur Geltung zu bringen. In ihrem verblichenen Seidenkleide, dem alten unmodernen Spitzenshawl war ihr das nicht gut möglich; mit scheelen Augen betrachtete sie die eleganten Toiletten der Braun scheu Damen und ließ es sich ruhig gefallen, wenn Jlka ihr heut einen Hut, der ihr gerade gefiel, morgen ein Fichu, das ihre Bewunderung wach gerufen, verehrte. — Allmählich metamorphosirle sich das ältliche Fräulein in ein coquettes Weltkind, das mit Hilfe all der modischen Luxusartikel ganz reizend aussah. Comtesse Sidonie war für diese Metamorphose dankbar; mit Wohlgefallen betrachtete sie sich in dem neuen Spitzenileide, das Madame Rachelle für sie, da sie ein gleiches bei ihr schön gefunden, hatte anfertigen lassen. Sie fand diese zarte Anfmerksamkeit überaus rührend und ließ es sich fortan angelegen sein, Alles, was die kleine, dicke Frau trug, schön zu finden. Madame Rraun wollte nur bewundert sein; es kam ihr nicht darauf an, etliche Costüme zu zahlen, wenn sie Comtesse Sidonie eine Freude machen, sich selbst eine Freundin sicher« konnte. — Die 14 Tage, die die gräflich Zandos'sche Familie in Ischl verleben wollte, waren längst vergangen. Niemand dachte an die Abreise; ließ es sich ja hier so herrlich leben! Täglich machte man, da Braun seine elegante Equipage zur Verfügung gestellt hatte, Ausflüge i» die reizende Umgebung, täglich wurden die Beziehungen herzlicher, inniger; Jlka fand, daß der Graf ein ganz charmanter Mann war und nannte sich selbst eine Thörin, daß sie des Vaters Willen ehedem so wenig respeclirt hatte. — „Wie manche bittere Täuschung wäre mir erspart geblieben", sagte sie sich. In aller Stille und mit ihrer vollkommenen Einwilligung wurde Jlka's Uebertritt zur katholischen Kirche vorbereitet. — Wohl trat noch manchmal die Frage an sie heran: Was wird der Onkel sagen, wenn er von Deiner Wandlung hört! Doch beruhigte sie sich gar bald mit der Ansicht, daß sic ja mit „diesen Leuten" jetzt nicht mehr zusammenkommen werde. Sie war berufen, in ganz anderen Kreisen zu leben, würde ja als Gräfin Zandos die Gattin des Predigers einer orthodoxen Gemeinde kaum kennen. Und so oft sie ihrer gedachte, jener glücklichen jungen Frau, die sie ach so oft beneidet, wenn sie sie umgeben von der Liebe ihrer Eltern, von ihrem Gatten als Ideal verehrt sah, da überkam sie doch inmitten aller Fröhlichkeit, allen Glanzes ein Gefühl, das sic nicht bannen konnte. „Wird es Dir vergönnt sein, in dieser Weise glücklich zu sein?" fragte sie sich. „Ich werde cs in anderer Weise sein", sagte sic sich dann; muß ja, nachdem ich an meinen liebsten Hoffnungen Schiffbruch gelitten, »och froh sein, daß ich" — Da verwirrten sich ihre Gedanken. So oft sie sich ein reines Herzensglück ausmalte und der Wunsch in ihr auflebtc, es zu genießen, sagte sie sich dennoch, daß Graf Zandos nicht der Mann sei, es ihr zu gewähren. Sie wußte, daß das wahre Eheglück nicht darin besteht, daß man vor den Leuten glänze, sondern, daß im trauten Verein, in des Hauses stillen Tusculum jene Wunderblume gepflegt werde und blühe, die man echte Liebe, Hingebung, Treue, seelische Uebereinstimmung nennt. Doch, was half da alles Grübeln! Es war ihr nicht bestimmt sich der Pflege und Einwirkung dieser Wunderblume hinzugeben; sie war entschlossen, das Leben zu erfassen, wie es sich ihr bot; zu vergessen und keinen Idealen nachzustreben, die sich nicht verwirklichen ließen. (Fortsetzung folgt.) Aus den Memoiren eines Amtsrichters. Aus dem Russischen von Samuel Lew in. Aus dem Hebrtiischen von A. L. (Schluß.) Dieses betrübende Bild rührte mich tief. Ich fing an, das Gesicht des S. eingehender zu betrachten und fand, daß Einfalt und Redlichkeit daraus hervorleuchteten. Mir gefiel der Mann. „Deine Hartnäckigkeit ist an Allem Schuld," sagte die Frau. „Man hat Dir doch gcrathen, Deinen Bekannten Wechsel zu geben, und Du . .. ." S. sah seine Frau umdüstert an: „Hendl," sprach er zu ihr mit weichem Tone, „ich bitte Dich, verschone mich mit solchen Reden; ich werde dergleichen nie thun." „Sieh' aber, wie Andere Dir Böses thun für Dein Gutes: Was kann Dir noch an Ehre gelegen sein? P. zieht Dich nackt aus, die Kinder brauchen Brod, wir haben's nicht. Nur die Ehre haben sie Dir übrig gelassen. — Was hast Du davon?" Ich kannte dal- Verhältniß des P. zu Sußmanowitsch nicht Und trotzdem begriff ich nicht, weshalb S. auf die Mahnung seiner Frau nicht hatte hören wollen. Hätte er fingirte Wechsel gegeben, so hätte er's ruhig mit ansehen können, wie ich ihm seine letzten Vermögensstücke versteigere! „Wenn Sie meinen Rath hören möchten, dann würden Sie Ihren Gläubiger um Ausschieben des Verkaufes bitten," sagte ich zu ihm. „Versuchen Sie cs doch, vielleicht thut er es." „Der ist nicht so weichherzig," antwortete S. „Theurer Herr," wandte sich die Frau an mich, „erbarmen Sie sich unserer und ersuchen Sie ihn darum, vielleicht thut er cs in Rücksicht auf Sie — er hat ja schon so viel Geld von uns genommen. — Wir haben doch nicht einen Pfennig von ihm bekommen." „Ich verstehe nicht, was Sie sagen." „Hat denn P. oder seine Schwester uns jemals Geld geliehen?" „Wie könnte er die Zurückzahlung fordern, wenn er nicht gegeben hat?" „Die Geschichte ist zu lang und es nützt doch nichts, wenn ich sie erzähle. Ich habe sie dem entscheidenden Richter erzählt, aber er hat mir nicht geglaubt, sondern gesagt, daß das unbewiesen ist und nur erdachtes Schwindelzeug eines Juden; so haben meine Worte mir nur Schande eingetragen." Ich bat ihn, mir zu erzählen, wie er dem P. den Wechsel gegeben hat. Nach einigem Sträuben und Zögern erzählte mir S. das Folgende: „Früher habe ich allerlei Geschäfte betrieben, wie es ein Mensch thut, der kein Geld hat und doch leben will. Besonders bei Lieferungen und Verdingungen, die voin Staate ausgeschrieben werden, z. B. wenn ein Regierungsgcbäude reparirt worden, oder Feuerung, Mehl und Sonstiges für Staatsanstalten vergeben werden sollte, da fallen hungernde Menschen in Masse darüber her; Einer unterbietet den Andern, in der Hoffnung, durch allerlei Manipulationen doch noch einen Gewinn herauszuschlagen. Um aber dabei etwas zu erlangen, muß man eine Hand mit den Beamten machen — und diese thun nichts umsonst. Ein solches Geschäft hatte ich mit P. und ich war es schon gewohnt, ihn mit Geschenken mir gewogen zu erhalten. Da sagte er mir eines Tages: Chaskel, laß Dir rathen und nimm diese Arbeit an, ich werde alles Mögliche zu Deinen Gunsten thun. — Aber wenn mir Niemand beisteht, verliere ich noch Geld dabei, entgegnete ich. — Mach Dir keine Sorge, sprach er darauf, Du hast nur nöthig, das Geschäft zu übernehmen. Ich werde nicht ruhen noch rasten, bis ich alles Nöthige vollbracht habe. Gewiß ist der Preis nicht hoch, aber wir können mitten in der Arbeit aufhören und ihnen vorstellen, daß der Preis zu

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.