Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 38 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/6492351-9586216-9585253--0448-9585256- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ — 151 — Deshalb erschien mir Chaskel, wie alle Juden, ein schlechter Kerl. Eines solchen Menschen Mobilien sollte ich heute verkaufen. Ich hatte eben angefangc», alle für den Verkauf nöthigen Papiere zurcchtzulegcn, als ein Greis in Uniform in's Zimmer trat. „Sind Sic, mein Herr, der Amtsrichter?" so wendete sich der Eintrctcnde an mich, während ein leichtes Lächeln seine Lippen umspielte. „Was wünschen Sic?" „Officier P." (stellte er sich vor). „Meine Schwester, die Wittwe L„ hat mir Vollmacht gebeben, in ihrer Proceßsache gegen Sußmanowitsch." „Sehr erfreut; bitte Platz zu nehmen, mein Herr. Noch heute lasse ich das Beschlagnahmte versteigern." „Sehr dankbar sür Ihren guten Willen. Es wäre mir jedoch sehr lieb, wenn ich erfahren könnte, ob noch andere Urthcile gegen S. zu den Acten gegeben sind. Es ist doch bekannt, daß die Juden Betrüger sind und immer solche Dinge treiben." Ich stellte an ihn die Frage, in welcher Weise die Juden, wie er sagte, immer betrügen. „Ha, ha, ha! Wie es scheint, kennen Sie sie noch gar nicht," — lachte der Offizier laut auf. „Wenn Sie auch nur kurze Zeit werden hier gewohnt haben, werden sie alle die Mittelchcn schon kennen lerne», in deren Anwendung die Juden stark sind. Man sieht, daß Sie erst hergckommen und noch nicht lange im Amte sind. Also, um Ihnen einen Begriff davon zu geben, was die Juden treiben, hören Sie: Wenn man eine Schuld von einem Juden einfordert, erstehen ihm Helfer von allen Seite». Der Schuldner stellt fingirte Wechsel aus, welche eingeklagt werden und für die ein Theil des bei der Auctio» Erlösten zurllckbehalten wird, so daß wirklichen Gläubigern kaum Nennenswerthes übrig bleibt, während der Jude fast Alles wieder zurück bekommt. Freilich das thun sie nur, wenn ein Christ der Gläubiger ist. denn das „Kahal" hat's ihnen verboten, einem Juden das Gleiche anzuthun." „Jst's möglich, daß das Staatsgesetz den Christen nicht hilft, solchen Menschen Schranken zu setzen!?" Diese Worte entflohen unwillkürlich meinem Munde; war's doch vergeblich, eine Antwort auf diese Frage zu erhoffen, da ich ivußte, daß es dem Gesetzgeber unmöglich ist, allen Pfiffen und Schlichen vorzubcugen. „Suchen Sie übrigens selbst in diesen Acten, ob Sie Etwas finden. — Ich habe nichts darin gesehen, was eincnr fingirten Wechsel — wie Sie's geschildert haben — ähnlich sieht." „Das nimmt mich sehr Wunder, sehr Wuttder," wiederholte P. mehrmals. „Ist dieser Sußmanowitsch reich oder arm?" fragte ich ihn. „Ja , ja, sehr reich ist er. Er hat ein großes Haus und ist ein weithin bekannter Kaufmann, der bedeutende Geschäfte macht." „Wenn's so ist, wohlan, so wollen wir gehen," sprach ich zu ihm und zog während des Sprechens schon meinen Mantel an. P. verbeugte sich voller Freude. „Ich bin bereit, Sic zu begleiten," wiederholte ich. „Herr Amtsrichter," stotterte P., „wollen Sie nicht gütigst vorangchen, ich komme nach, nur einen Augenblick habe ich zu thun, dann komme ich." „Was haben Sie noch zu thun? Die Auctionsanzeige hängt schon an allen Straßenecken. Die Kauflustigen sind benachrichtigt, kommen von selbst oder warten wohl schon gar auf uns." „Man sieht, daß Sie, geehrter Herr, unsere Leute hier nicht kennen. Nicht ein Mensch kommt. Die Meisten sind ja Juden." P. ging Käufer holen und ich eilte in das Haus des Schuldners. Das Haus der Erben Sußmanowitsch war baufällig. Die Straße, in welcher dieses Gebäude stand, sollte nach dem Wortlaute der Auctionsanzeige die schönste Straße der Stadt sein. In seiner ganzen Haltung unterschied sich dieses Haus von den gewöhnlichen Judcnhüuscrn, deren Anblick schon bekundet, daß ihre Erbauer weder auf schöne Formen, noch auf bequemes Wohnen ihre Sorgfalt hingelenkt hatten, sondern mit dem Erwerb vollauf beschäftigt, im Hause nur ein Unterkommen suchten. Dieses Gebäude dagegen bezeugte, daß sein Herr Geschmack hatte und eine Lebcnsrichtung, welche von der der anderen Juden sehr abwich. Wie ich später erfuhr, hatte der Vatcr des S. das Haus erbaut. Er zählte früher zu den reichen Leuten im Orte und lebte etwas üppig. Nach seinem Tode fiel das Haus seinen fünf Söhnen zu, aber sie alle zusammen konnten es nicht vor dem Verfall bewahren, da sie nicht einmal etwas Geld für Reparaturen aufzubringen vermochten. Einzelne Wände hatten schon Risse bis zum Bode», andere hatte» sich gesenkt — und so war Chaskel S. der Besitzer eines Fünftel aller Ziegel, welche den Zusammensturz des Hauses überdauern möchten. Ich kam zur Wohnung des S., die aus 3 Räumen bestand. Das Hausgeräth erzählte Jedem, daß ihr Besitzer arm sei und daß er sich bemühe, dies jedem fremden Auge zu verbergen, indem er das Aeußere so schön, wie nur möglich erhielt. Der Verdacht, den ich gehegt hatte, daß S. alle werthvollen Gerüthe bei Seite geschafft habe, verschwand, denn ich fand auch nicht eine leere Stelle, von der sich annehmen ließ, daß dort irgend Etwas vorher gestanden habe. An den Wänden und in den Ecken stand uraltes Hausgeräth — und jedes Stück war mit dem Gerichtssiegcl bezeichnet. Fünf Kinder traf ich im Hause, die uni einen Mann in vorgerückten Jahren herumsaßen, in dessen Gesicht Kummer und Elend ihre Spuren eingcgraben haben. Und doch, als er die Locken seines kleinsten Knaben erfaßte, verscheuchte ein leises Lächeln die Furchen. „Ist hier die Wohnung des S.?" frug ich. Der Jude stand auf und als er das Actcnbllndel unter meinem Arme erblickte, erfaßte ihn sichtlicher Schrecken. „Ich bin S., ich freue mich, Sie, mein Herr, in meinem Hause zu sehen," erwiderte der Mann. „Verzeihen Sic mir," suhr ich fort, — „mir ist es Pflicht, Ihr Hab und Gut zu verkaufen." „Sind Sie der Amtsrichter?" frug S. und erbleichte. „Weh, weh!" rief eine Judenfrau mit Weinen. „Werden Sie verkaufen? Er wird verkaufen? Kann man so hartherzig sein, das zu thun? Giebt's denn gar kein Mitleid mehr auf Erden? Sind wir denn ganz verlassen?" „Still!" rief S. ihr laut zu. „Bitte, nehmen Sie Platz, mein Herr," so wendete er sich zu mir, „noch ist der Stuhl mein und dadurch habe ich den Vorzug, ihn Ihnen anbietcn zu dürfen. Einige Minuten später werde ich freilich dies Recht nicht mehr besitzen." Wie lächelnde Ironie flog es dabei über seine Lippen hin. „Weither Herr," sprach die Jüdin weinend zu mir, „wollen Sie denn so bald unser bischen Vermögen verkaufen? Ist cs schon unabänderlich bestimmt? Weh. weh mir!" „Mutter, Mutter! Was wollen sie verkaufen?" frägt da ein lljähriger Knabe und Thränen treten aus seinen Augen. „Alles werden sie verkaufen," antwortet die Mutter mit Weinen; „den Tisch, das Bett, den Kasten . .. Alles .... Alles! — Kein Bett, kein Kissen mehr, meine lieben Kinder, Ihr werdet auf dem bloßen Boden schlafen müssen!" Die Kinder umhalsen ihre Mutter und weinen bitterlich. Nur S. stand still und stumm da, das Haupt zur Erde niedergesenkt. „Lieber Vater, werden sie auch die llhc verkaufen?" frägt ein öjähriges Mädchen. „Laß sie doch nicht verkaufen, Vatcr!"