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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 38 (1885) · p. Seite 150

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
38 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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150 — Und nicht ahnend, wohin sie sich begab, stürzte sie sich von Neuem in den Strudel. Ja, sie wollte glücklich sein, sie hatte erkannt, daß in der Entsagung für sie kein Heil zu suchen sei. — Hoch klopfte ihr Herz, als wenige Stunden später der Zug, mit dem die gräflich Zandos'sche Familie kam, in der Halle einfuhr. „Wie sieht er aus?" fragte sie sich. „Wird er danach angethan sein, mich das Bild jenes Anderen, den ich zu lieben wähnte, vergessen zu machen?" „Ah, bester Freund," hörte sie jetzt eine wohlklingende Stimme, sie sah einen hochgewachsenen, eleganten Mann ihrem Vater beide Hände entgcgenstrecken und ihn herzlich umarmen! Er war nicht jung, nicht hübsch, doch von gewinnendem Acußern; schien lebhaft, herzlich, auch wie er jetzt seiner alten Mutter den Arm reichte, um sie aus dem Wagen zu heben, besorgt und liebevoll. Nachdem all die diversen Hut-, Hauben- und Kuchenschachteln aus dem Wagen befördert waren, Plaids und Reisedcckcn, Kissen und Schirme in Sicherheit gebracht, stellte Herr Alois Braun mit fast komisch wirkender Grandezza seine Familienmitglieder vor. Graf Zandos küßte den Damen ehrerbietig die Hand und bat um die Erlaubniß, ihnen morgen seine Aufwartung machen zu dürfen. „Sie werden uns willkommen sein und dürfen während Ihres hiesigen Aufenthaltes unser Haus wie das Ihrige betrachten," sagte vorschnell Frau Rachelle. Die alte Gräfin war entzückt über die Liebenswürdigkeit der Damen, die sich selbst zum Empfange herbemüht hatten; sie entschuldigte ihre Tochter, die in Ebensee bei einer befreundeten Familie noch auf einige Tage zurückgeblieben sei, sprach aber zuversichtlich die Hoffnung aus, daß sie mit Fräulein Jlka gut stimmen werde. Die Damen fuhren in einem Wagen, Braun mit dem Grafen in einem zweiten; man geleitete die Fremden in ihr Hotel und da der Graf durchaus nicht ermüdet schien, wurde noch für den Abend eine Zusammenkunft im Kursaale verabredet. „Nun, wie gefällt Dir der Graf?" fragte Frau Braun, als sie mit Jlka den Heimweg antrat. — „Mein Ideal ist er nicht", sagte das junge Mädchen, indeß" setzte sie gedehnt hinzu — „er ist ein Mann, mit dem man sich zeigen kann! Ich werde ihm, ivenn es ihm Ernst ist, sagen, daß mein Herz — „Nur keine Uebereilung", unterbrach die Mutter; wird er Dir beichten, ob er schon ein Verhältniß gehabt? Gewiß nicht! Unter verständigen Menschen geht man über solche Sachen mit Stillschweigen hinweg. Du hast nicht nöthig ihm nachzuspioniercn, er wird sich nicht darum kümmern, ob Du Dich für Jemand interessirt hast. Das sind kleinbürgerliche Gewohnheiten, die — „Aber Mama", unterbrach Jlka, „wenn er hernach erführe, daß ich ja eigentlich Sanders angetraute Gattin bin, daß — „Er kennt die ganze Comödie, die Ihr da in Marienbad aufgeführt und hat herzlich darüber gelacht" wie mir Papa sagt. — On n’en parle pas. — Für Dich ist jetzt Hauptsache, Dir durch ihn eine Position in aristokratischen Kreisen zu sichern; er muß Dich mit Ehren seinen Bekannten vorstellen können, man mutz ihn beneiden, daß er Deine Gunst errungen und, wenn Ihr dann beide ein Paar seid, wirst Du als Gräfin Zandos vergessen, daß Du je die thörichte Idee gehabt, die Frau eines simplen Advokaten zu werden. Man war vor der Villa angclangt; Jlka ging sogleich in ihr Zimmer und warf sich da in ein Fauteuil, lange vor sich hinbrütend, als gälte es noch einmal Einkehr bei sich zu halten. „Ce n’est que le premier pas qui ooüte“ — sagte sie nach einer Weile und dieser erste Schritt wäre gethan! Ob er Glück bringt? Wieder sann sie eine Weile, da kam die Mutter und mahnte, sie solle sich für heute Abend schön machen, ein wenig Roth auflegen, auch wohl ein Schönheitspflästerchen, feines Parfüm nehmen, eine frische Blume und dcrgl. — Wie war diese Mutter, die einer echten Liebe gegenüber kalt und abweisend blieb, jetzt besorgt! Sic selbst instruirte die Kammerfrau, wie sie Jlka zu frisircn habe, sie wählte die Handschuhe, den Schleier, jede Kleinigkeit ward in Betracht gezogen und als Jlka's Toilette endlich beendet, sagte sie selbst: ve ckernier gerät! (Fortsetzung folgt.) Aus den Memoiren eines Amtsrichters. Aus dem Russischen von Samuel Lew in. Aut dem Hebräischen von A. L. Meine Dienstzeit ist vorüber und hat manche schmerzliche Erinnerung in mir zurückgelassen. Niemals hätte ich geglaubt, daß ich heute noch Erinnerungen aus jener Zeit schreiben würde. . . . Doch nicht von mir will ich sprechen. . Durch Verfügung des OberfriedenSrichlers in W. wurde ich zum Gehilfen eines Amtsrichters ernannt. Das ist ein kleiner Posten für einen studirten Mann, der zu Höherem sich fähig und berufen glaubte. — Mein Vorgänger hatte mir viele Arbeit zurückgelassen, so daß ich alle Hände voll zu thun hatte — und ich hatte mir vorgenommen, fleißig zu arbeiten. Am ersten Tage lag es mir ob, Hab und Gut eines Juden, Chaskel Sußmanowitsch, zu verkaufen. In meinen Büchern hieß cs: Chaskel Sußm. hat 500 Rubel, die er laut einem Wechsel der Beamtenwittwe L. schuldet, nicht bezahlt und so ist seine Habe auf 47 Rubel taxirt, zur Versteigerung zu stellen. Ich gestehe, ohne mich dessen zu schämen, daß ich zuerst eine ganz schiefe Ansicht über diese Sache hegte. Selbstverständlich traute ich dem Juden alles Böse zu. Dieser Chaskel erschien mir als ein Betrüger und Bösewicht, der schlau und listig seine Gläubiger betrügt und um sie nicht zu bezahlen, hat er (so dachte ich) sein Eigenthum versteckt, alles Werthvolle bei Seite geschafft und nur für knapp 47 Rubel zurückgelassen. Die arme Wittwe aber, die ihm ihr ganzes Vermögen anvertraut hat, mag nun sehen, wo sie bleibt, wo sie auch nur zu essen hernimmt. Der Kerl ist nichtswürdig — so schloß ich bei mir — und stellte mir den Sußmanowitsch vor, wie er lustig und guter Dinge ist, und daneben die arme, hagere, dürre Wittwe, deren verwaiste Kinder weinen und schreien nm sie her nach Brod — das sie ihnen nicht schaffen kann Kann denn Meinesgleichen anders meinen bei der Vorstellung, daß der Jude vom Christen geliehen hat? Die Juden sind das Urbild alles Bösen und die Quelle aller unserer Leiden — so haben meine Eltern geglaubt. Meinen Lehrern und Erziehern war es unzweifelhaft, daß es sich so verhalte und als Beweis dafür erzählten sie mir oft eine Menge von Geschichten, in welchen die Juden als Auswurf der Menschheit und hartherzige Bedrücker figurirten. Dasselbe Urthcil fällte auch ein Professor, der zugleich Mitarbeiter einer bekannten Zeitung war. Von den jüdischen Schülern forderte er immer, sic sollten „Mah Josts" singen, oder ihm erzählen, >vie man „die Kugel" macht. Kurz, so dachten alle Menschen, mit welchen ich in Berührung kam. Freilich die jüdischen Studenten auf der Universität wollten mich überzeugen — und sie selbst waren ein lebendiger Beweis dafür, daß meine Vorstellungen von den Juden nicht der Wirklichkeit entsprachen. Aber waren diese Studenten denn noch wirkliche Juden? Ich zweifelte keinen Augenblick daran, daß die jüd. Studenten gar keine Beziehung mehr zu ihren Glaubensgenossen haben, daß sie losgelöst sind voin „Kahal" der Juden und alle Chaskcls und Jankcls so hassen, wie Einer von uns Christen.

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