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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 38 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
38 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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/ ^38. Jüdisches 188S. Herausgegeben von l)r. Rahmer in Magdeburg. Zur Wrrhaltuug u. Mehrung für die israelitischk Jugend. Inhalt „Die Stunde kommt, wv Du an Gräbern stehst und klagst!" Gedicht von Spanier- Aklona von Iba Barber. (Fortsetzung.) — Aus den Memoiren eines Amtsrichters. — Allerlei kaiserliche Antwort. — Zu weitläufig. — Kleine jüdische Eharactcrzügc. tragen von Max Weinberg. — Riithsel-Ausgaben und Räthscl-Lösungen. Versöhnt. Original-Roman ur den Familientisch: Eine Aus dem Spruchschatz des Talmud. Poetisch über- „Die Stunde kommt, „T8o Du an Gräbern fickst und klagst!" Wenn Tu den Nächsten hast gelästert und verhöhnt, Wenn Tu an seiner Ehr' Dich hast vergangen, So wisse, dag Jauin Kippur nicht versöhnt, Bis Tu Verzeihung hast vom Feind cmpsangen. Und wenn er tvcilet schon iin Todesschattenthal, Tein Tu begegnet bist mit List und Ränken, So sollst Tii mit des Minjans voller Zahl Zn seinem Grabe Deine Schritte lenken. Und sprich alsdann: „O, Gott, der Leidenschastcn Glut Lieh mich dein heiliges Gesetz vergesse» Und gegen den, der hier im Grabe ruht, Hab' schwerer Kränkung treulos mich vcrincsscn!" Tan» soll das Gnadenwort Dir künde» die Gemein': „Tag Tu gehasst de» Nächsten — statt zu lieben, Es soll vergeben, soll vergessen sein!" Also iui „Schiilchan Aruch" steht'S geschrieben! Spanier-Altona. Versöhnt! I9 Original-Romaii von Jda Barber. lForisctzung.) „Liebe Tochter," sagte sic am andern Morgen mit auffallender Freundlichkeit zu Jlka, „Du wirst mich heut zur Bahn begleiten, da wir Graf Zandos mit Mutter und Schwester erwarten." Jlka erbleichte. Schon wollte sie verneinen, da überkam sie urplötzlich wieder jenes tiesschmerzende Seelenweh, das sie, seitdem sie gewaltsam von Sanders getrennt worden, nicht bannen konnte. „Warum," sagte sie sich, „lebenslänglich auf Glück verzichten, wenn Derjenige, an dessen Seite ich cs zu finden hoffte, sich unwürdig erwiesen?" Und mit der der Jugend eigenen Elasticität trachtete sie, sich in neue Verhältnisse zu finden, ja, sie wollte glücklich sein, wollte leben, ihr warm pulsirendes Herz ail das eines Mannes lehnen, der sie liebte. — Für ein entsagungsrciches Leben war sie nicht geschaffen, jetzt, da ihre Liebe wachgeküßt worden, am wenigsten geneigt, es zu führen. Zum großen Erstaunen der Mutter, die ihren Gedankengang nicht errathen, die schnelle Wandlung nicht verstehen konnte, schien Jlka ganz geneigt, sie zu begleiten. Aus dem sentimentalen, licbebedürftigen Mädchen war im Nu eine leichtfertige Kokette geworden. „Ich gehe unter," sagte sie sich, „wenn ich mich meinem Schmerz, dem Gedenken an ihn hingebe, der mich zu lieben vorgab und mich verließ, als er sah, daß sich ihm Hindernisse in den Weg stellten. — Soll ich ihm Treue bewahren, wo er sich kalt von mir abwendet, als wäre ich ihm eine Fremde? Und selbst wenn er käme, könnte ich ihm verzeihen, daß er jene unglückliche Theresia Holm zur Verzweiflung getrieben, daß er auch mich betrogen, indem er vorgab, ich sei seine erste, einzige Liebe, während er dort ein Mädchen und zwei Kinder in Schande und Elend zurückließ? Hu, wie mich schaudert!" rief sie, den Kopf in beiden Händen bergend. „Diesen Mann glaubte ich lieben zu können! Alles, was er mir sagte, war eitles Geschkvätz! Der Vater hat Recht; er wollte mein Geld, nicht mich, sonst hätte er Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu mir zu gelangen. Ach," fuhr sie mit thränenerstickter Stiinme fort, „wie mich trotz alledem sein Treubruch schmerzt! Ich wähnte ihn zu lieben, rein und wahr, habe seinetwegen das größte Opfer gebracht, das Elternhaus verlassen! Doch er, welches Opfer brachte er. um mich wieder in seinen Besitz zu bekommen? Kein Brief, keine Nachfrage, nicht einmal eine schlecht motivirte Entschuldigung, daß er nicht gekommen! „Bin ich verpflichtet," fragte sie sich iveiter, „solch einem Manne Treue zu bewahren? Selbst wenn er jetzt käme, sich mir reumüthig zu Füßen werfen würde — ich habe ihn erkannt; er ist meiner Liebe nicht würdig und mehr als Alles würde uns das Unglück der Theresia Holm trennen. Ich mag keinen Mann, der eine arme Person und zwei Kinder pflichtlos verläßt; wer bürgt mir batik, wie er dereinst an mir handeln wird, selbst wenn ich jetzt bereit wäre, ihm Alles und Alles zu verzeihen? Jndeß, ich komme ja gar nicht dazu, ihm vergeben zu können! Er sucht mich nicht auf, thut keinen Schritt, sein Anrecht, das er auf mich doch eigentlich hätte, geltend zu machen! Doch," fuhr sie nach einer Pause fort, „ich will Gleiches mit Gleichem vergelten. Hat er mich vergessen, darf ich auch seiner nicht gedenken; cs war ein Traum; — stolz will ich sein und mich auf mich selbst und meine Kraft verlassen! Schwäche, unverzeihliche Schwäche wäre es, einem Manne ein liebendes Andenken zu bewahren, der sich derartiges zu Schulden kommen läßt! Seine Liebe war Heuchelei! Ich habe nur meinem Gott zu danken, daß ich rechtzeitig klar sehe, um mein Leben nicht dem eines Mannes zu einen, der kein Gefühl für mich hat, der, trotzdem er ja sicherlich weiß, wie sehr ich krank und elend war, auch nicht einmal werth hielt, sich über meinen Zustand zu erkundigen!" Und — wunderbare Wandlung des weiblichen Herzens! Was die Mutter in ihren kühnsten Träumen nicht für möglich gehalten, vollzog sich im Laufe weniger Stunden. — Sagte sich das junge Mädchen, daß, wo sie nicht geliebt sein konnte, sie wenigstens beneidet sein wollte? Oder war der Wunsch, ä tout prix sich auszuleben, stärker in ihr, als die Macht der Erinnerung, die Vorsätze, die sie in Stunden tiefster Vereinsamung gefaßt! — Damals hatte sie gelobt, ein mehr einem Manne angehören zu wollen, nie mehr dem pochenden Herzen zu lauschen. —

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