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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 37 (1885) · p. Seite 147

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
37 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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— 147 — „Das habe ich Gott sei Dank nicht nöthig", entgegnete hochmllthig Norbert, „dafür hat mein Herr Papa in seinen jungen Jahren genug zusammengeschachcrt, daß ich als Cavalicr lebe» kann!" „Geschachert?" rief Alois Braun voller Entrüstung. „Mensch Du wirst frech! Du hast kein Gefühl, keine Pietät für die Eltern, keine Religion, keine — „Bin ich Schuld daran?" unterbrach Norbert, „daß ich keine Religio» habe? Das Bischen Taufwasscr hat mir den alten Gott, den ich abgeschworen, nicht ersetzt; — in den Tempel darf ich, in die Kirche mag ich nicht gehen; Feiertage werden bei uns nicht gehalten; Du selbst weiß nicht, ob — „Ich weiß, was ich weiß" rief ganz seine Fassung verlierend Alois Braun. „Habe ich nöthig meinem vorwitzigen Herrn Sohn Rechenschaft über me>» Thun zu gchen? Nein! Mich von ihm Hofmeistern zu lassen? Nein! Seine höhnische» Worte mit anzuhörcn? Nein! „Wahrlich" fuhr er heftig im Zimmer auf- und abgchend fort, „es ist schön, sehr schön um unser Familienleben bestellt! Meine eigenen Kinder machen mir Vorwürfe, machen mich lächerlich! Für wen mühte und plagte ich mich mein Lebtag, wenn nicht für sie? Und dies der Dank! Da beneide ich ja jeden Tagelöhner, der abends, wenn er schweißtriefend und todtmllde heim kommt, im Kreise der Scinige» Liebe und Erholung findet! — „Papa, Du wirst sentimental wie ein sechzehnjähriges Mädchen", sagte lachend Norbert Braun. „Ich könnte Dir sagen, „tu l’as voulu, George Daudin" indeß das wäre wenig respcctvoll; so viel steht fest, das sehe ich trotz meiner Jugend, Du verrechnest Dich, Papa! Da Du zu hoch hinaus willst" — „Schweig, Dummkopf" unterbrach zornfunkelnd der Vater. „Hoho! Dummkvpf?" rief Norbert „und das Deinem Sohn, den Du zum Ritter machen willst? Glaubst Du wirklich, ich wäre hierher gekommen, um mir von Dir solche Schmcichclnamen geb'n zu lassen? Ich empfehle mich Dir, Papa!" und spornklirrend verließ der junge Mann das Zimmer, dem Diener den Befehl gebend, seine Effecten nach Hotel Bauer zu schaffen, da er dort wohnen werde. — ^2 Alois Braun schäumte vor Wuth, „ist er nicht werth" sagte er sich, „daß ich ihn mit der Reitpeitsche züchtige?" Das hat man davon, wenn man zu nachsichtig ist! Hütte ich den Burschen, als er sich das erste Mal nnchrcrbictig benahm, einen Denkzettel gegeben, ich — „Aber um’sS Himmels Willen, Alois" ries jetzt Madanie Rachcllc in voller Erregung hercinstürzend, „was hattest Du mit unserem Sohn vor? Er läßt seine Sachen fortschaffen, sieht furchtbar verstört aus — „Es ist ein elender Bub!" unterbrach sie der Gatte. „Mag er gehen, wohin er will!" „Aber bester Alois" entgegnete erregt die Frau, wir dürfe» ja hier, wo uns jeder kennt, keine Scene aufführc»! Du mußt doch auch wissen, wie Norbert zu nehmen ist! Er ist kein Kind mehr, ist Dein ältester Sohn, muß standesgemäß austrclcn, Du thust vielleicht Unrecht, ihn gar zu knapp zu halten". — „Davon ist keine Rede," unterbrach Braun; „habe diesem Lumpen eben erst meine Tausende geopfert und nachdem er sic halte, nahm er sich heraus, mich zu hofuieistern, mir meine Freunde lächerlich zu machen!" „Du bist empfindlich, Alois," begütigte die Gattin; „gewiß wollte er Dich nicht beleidigen; er hat ein weiches, gutes Herz, ist wie ein Kind zu behandeln; wenn Du ihm ein paar Zeilen schriebest —" „Nimmermehr," unterbrach der gekränkte Bater. „Glaubst Du, ich sei mir mciucr Würde nicht bewußt, ich ließe nach fortgesetzt von solch einem Laffen hänseln und necken? — Die ersten Männer des Staates beehren mich mit Auszeichnungen und Freundschaft und mein eigener Sohn wagt es, mir den Rcspcct zu versagen?" „Ich werde ihn mir rufen laffen," erwiderte die Gattin, „ihm in's Gewissen reden; sei auch Du, wenn er zur Rückkehr geneigt, nicht unnachgiebig." „Ich habe jetzt gar keine Zeit für ihn," unterbrach unwillig der Gatte; „muß für Graf Zandos, der morgen mit der Gräfin und der Comtesse eintrifft, Quartier besorgen, Anordnungen treffen rc." Frau Rachellc's Gesicht war, als sie die Nachricht erhielt, wie von goldigem Schein verklärt. „Mit seinen Damen kommt er," rief sie hocherfreut," und im Geiste sah sic sich schon zwischen der Gräfin und der Comtesse auf der Esplanade dahin wandeln, all ihren Bekannten die beiden Damen vorstellend, deren neunzackige Krone sicher auch ihr Haupt mit einer Art gräflichen Nimbus umstrahlen mußte. Die eitle Frau konnte vor Aufregung die ganze Nacht nicht schlafen. Sie vergaß, indem sie sich die kommenden schönen Tage, die sie im Verein mit der Gräfin verleben wollte, ausmalte, der Scene mit dem Sohne, des Wiederstandes, den die Tochter vermuthlich einer intimeren Beziehung zum Grasen entgegensetzen würde, — Alles schien ihr in Gold gedacht, Alles von poetischem Zauber verklärt. - (Fortsetzung folgt). Allerlei für den Familientisch. Eine confessionelle Farbe. In Nr. 33 der „Gegenwart" beschäftigt sich Rudolf Klein Pa ul mit der Symbolik der Farben. Weiß gilt für die Farbe der Unschuld, Roth für die der Liebe, Grün für die der Hoffnung, Gelb für die des Neides. Er sucht die Entstehung dieser Bezeichnungen nachznwcisen und kommt bei „Gelb" zu folgendem Resultat: Die Abneigung gegen diese Farbe sei physikalisch zurückzuführen aus die des Feuers und des Schwefels, Begriffe, die mit vulkanischen Gegenden und danach mit der Hölle unzertrennlich verbunden seien; physiologisch auf die des Eiters und der Galle, welche letztere den Neid charakterisire. Diese Auseinandersetzung hätte vollständig genügt, denn eine breitere Erklärung widmet er den übrige» Farben auch nicht. „Aber ich denke mir, sagt der Bcrf. des Artikels, man mag Gelb in der Toilette noch aus einem andern Grunde nicht, es knüpft sich daran eine Rcminisccnz aus der Zeit der Judenverfolgungen. Gelb ist eine jüdische (!!) Farbe, das ganze Mittelalter hindurch mußte der Jude im deutsche» Reiche au seinem Rocke einen gelben Tuchring und einen hohen gelben Hut auf seinem Kopfe tragen. Es fragt sich allerdings, wie mau dazu kam, gerade diese Farbe den Juden zu octroyircn". — Nun sollen gar Farben confessionell geschieden werden; weil also christliche Behörden bei Inden die gelbe Farbe als Unterscheidungszeichen vorschricben, darum muß die Farbe jüdisch sein, ebenso logisch oder unlogisch wäre es, die Farbe eine christliche zu nennen. Der Vers, müßte dann noch beweisen, daß die Antipathie gegen die gelbe Farbe sich mit dem Augenblicke entwickelt habe, als die Juden par ordre de Mufti die gelbe» Abzeichen zu tragen anfingen. Religiöse Borurtheile machen blind — farbenblind. M. Sp. Krömieur-Kakvvy. „Revue politique et litteraire“ veröffentlicht eine Anzahl von Antographcn aus der Sammlung des verewigten Herrn Adolf Cremieux, darunter ist auch ein Brief des berühmten Componisten der „Jüdin", Fromcnthal Halevy. Eremieux hatte die Vcrtheidiguug der Leierkastcnmänner und ähnlid)er Straßenmusikanten übernommen, welche des Plagiats angeklagt waren, weil sie Melodien ohne Erlaubckß des Componisten spielten. Halevy sieht darin einen Nutzen für den Componisten, da er^dadurch populärer gemacht wird. Der Musiker schließt das schreiben mit den Worten: „Retten sie also von der Verfolgung die unschuldigen Instrumente. Sic, der Sie so viele Male schon den Triumph der Unschuld herbcigesührt haben".

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