Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 37 (1885) · p. Seite 146

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
37 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585248--0442-9585250
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 146 — Dort auf der Steintreppe vor dem St. Anna - Ktoster taucht eine Gestalt auf, die sich duckt und zusammenkauert. Die Wittwe Sara ist es. Die Beine hinter sich gekreuzt, das Gesicht auf beide Arme gestutzt und mit den Augen unheimlich glotzend, so lagert sie wie das lauernde Verhängnitz vor dem Eingänge der Kirche. Was weiß sic vom Vcrsöhnungstage? Ihr versteinertes Herz hat nichts mit Versöhnung zu thun. Was soll ihr heule Gebet? In ihrem Herzen sitzt der schwarze Dämon des Fluches. Was kann ihr ei» „Seelenlicht" frommen? Ihr Seelcnlicht ist ausgeblasen, in ihr ist Nacht. Sie hat übrigens kaum eine dunkle Ahnung davon, daß heute der Versöhnungstag ist. Kaum wie ein Traum scheint es ihr, huschende Gestalten mit Wachslichtern in den Händen gesehen zu haben, Männer in Todtenklcidern. Alles nur im Traum! Von Zeit zu Zeit fährt sie empor, convulsivisch zuckt es in ihrem Gesichte und etwas wie brennende Erwartung leuchtet aus ihren wilden Blicken. Aus dem großen Saale ließ sich in diesem Augenblicke ein langanhaltender, brausender Beifallssturm vernehmen. Drinnen sank und hob der Vorhang sich zu wiederholte» Malen, um jedesmal die Künstlerin vor dem Publikum erscheinen zu lassen, das stürmisch nach ihr verlangte. Endlich wird es stille. Der Vorhang fällt, das Stück ist aus. — Die «eitgeöffnetcn Thorc entließen das Publikum, das strvmweisc sich über die Gasse ergoß und nach verschiedenen Richtungen einmiindcnd, sich bald in Dunkeln verloren hatte. Auch die Acteure verließen den Thcatersaal und waren bald dem Auge verschwunden. Endlich, endlich trat auch Estcrka langsamen Schrittes und den Kops sinnend auf die Brust gesenkt, aus der Garderobe. Da geschah etwas Entsetzliches. Wie ein Raubthicr sprang sie plötzlich eine dunkle Masse an und schwang sich rasch wie der Blitz zu ihr hinaus. Die kurzen Beine um ihre schlanken Hüften geklammert, schlägt sie die bcnügelten Finger wie zerfleischende Krallen ihr in den Hals, so daß es unter denselben roth hcrvorquoll. Einen Augenblick lang hängt die dunkle Masse auf ihrem Opfer, wie eine Tigcrkatze auf einer Gazelle. Ein kurzes Ringen, und das Opfer stürzt unter der würgenden Last jählings zu Boden. Ein jäher Blutstrahl schießt empor, der die dunkle, auf ihrem Opfer kniccnde Gestalt roth anspritzt. Das arnle Opfer stieß im Sturze auf ctnen zackigen stein und zcrschmctteric sich die Hirnschale. Als kurze Zeit daraus mehrere Leute auf den blutigen Schauplatz zusammenlicfeii. sahen sie eine verröchelnde, in Blut getauchte Müdchcngcstalt, zu deren Füßen ein altes Weib kauerte, das mit wilder Leidenschaft sein in Todeskämpfcn zuckendes Opfer küßte und jedesmal ein wüstes, wahnsinniges Gelächter ausstieß. . . . Eine Stunde später war Estcrka eine Leiche. Mit schwerer Mühe gelang es, die Wittwe Sara von der Leiche ihrer Tochter, die sie mit beiden Händen umklammert hielt und sich mit ihrem Munde an ihre blassen, tobten Lippen festgesaugt, lvszulöscn und in's Strafhaus fvrtzubringcn. Bevor jedoch noch ein Monat vorüber war, wurde sie auf ärztliches Gutachten als Wahnsinnige cntlassen. Seit jener Zeit sah man sie immer am Ende der Brücke. Die Augen geisterhaft glotzend, das entblößte Haupt mit den grauen Haaren tief auf die Brust herabgesenkt und die Beine hinter ihrem Leibe gekreuzt, so konnte sic stundenlang auf einem Orte hocken, ohne sich zu regen. Lange, lange Jahre später sah ich sic noch immer am Ende der Brücke, zusammengeschrumpft, grau und fast bemoost vor Alter. Es schien fast, als ob der Tod sic vergessen hätte, oder als Hütte er sich, wie es mir einst geschah. von ihr täuschen lassen, indem er sie für eine tobte Fleischmasse hielt, in welcher kein Lebensfunkcn mehr auszublascn sei. So lag sie wie ein versteinerter Fluch auf der Brücke zwischen der alten und neuen Welt. Versöhnt! ,8 Original-Roman von Jda Barber. XIV. Graf Zaiidos. Indem Braun noch so nachdachte, brachte ein Diener auf einem silbernen Tablette eine Anzahl Briefe, die soeben angelangt waren. Brauns Züge erhellten sich. „Vom Grafen Zandos", sagte er erfreut. „DaS ist schön" rief er, nachdem er gelesen. „Graf Zandos wird morgen mit Mutter und Schwester auf 14 Tage hier eintreffen und bittet mich, ihm im Hotel Elisabeth 2 Zimmer zu bestellen!" „Das heißt so gut, als Sie für ihn zahlen" sagte spöttisch der Sohn. — „Und wenn selbst" cntgegncte Alois Braun. „Die Paar hundert Gulden machen mich nicht arm. Der Graf ist ein Cavalier vom Scheitel bis zur Sohle! Durch ihn werden wir in aristokratische Kreise eingcführt werden, er wird Vorarbeiten. daß die Adclsverlcihung — „Daß seine Schulden bezahlt werden", verbesserte Norbert Braun. „Glaubst Du denn wirklich, Papa" setzte er spöttisch lächelnd hinzu, „daß dieser Graf Deinetwegen Deine Freundschaft suchte? „Ich bin kein Idealist, Norbert" cntgegnete Braun unwillig, „gebe mich nicht gern Täuschungen hin. Hier liegt die Sache so: Er braucht mich — und ich bewillige ihm gern einen gemessenen Credit — ich brauche ihn. — Wir nützen einander wie gcschcidte Leute, ohne unsere Position zu verkennen. Ich glaube übrigens. Du wirst es Deinem Vater dereinst danken, wenn er Dich der bürgerlichen Sphäre entzogen und Du von den Leuten, mit denen Du verkehrst, als Gleichgestellter angesehen wirst!" „Soll ich Dir aufrichtig sagen. Papa", entgcgnete Norbert, seinen wohlgepflegtcn Schnurrbart drehend, „man hält nicht viel von dem neugebackenen Adel, zumal wenn man weiß, wie derselbe erworben ivorden. Wenn Du mir etliche Hundcrttausender zur Verfügung stellst, gelte ich auch ohne das Wörtchen „von" und kann — „Das verstehst Du einfach nicht", unterbrach der Vater. „Du bist eben ei» Mensch ohne Streben und Ehrgeiz; — eine üppige Maitrcsse ist Dir lieber als eine glänzende Carriörc!" — „Wer weiß, ob ich nicht Recht habe", entgcgnete Norbert den blauen Dampf seiner Cigarre betrachtend. „Ich werde mich mit Dir in keine derartige DiScussion einlasscn" entgcgnete Alois Braun. „Deine Grundsätze sind glücklicherweise nicht die Meinen." Er läutete dem Diener und trug ihm auf. nach Hotel Elisabeth zu gehen und anzufragen, ob noch 2 Zimmer im ersten Stock Vorderfront frei wären. „Und wenn der Herr Graf von Habenichts den hinteren Tract bewohnt", sagte höhnisch Norbert Braun, „oder den zweiten Stock —• „Ich verbiete Dir ein für alle Mal und allen Ernstes" unterbrach ihn erzürnt der Vater, „Deine Glossen über Graf Zandos zu machen! Verkehrt er mit uns, so hast Du ihm mit aller erdenklichen Achtung und Ehrerbietung zu begegnen, widrigenfalls" — „Aber Papa, mache Dich doch nicht lächerlich" unterbrach der rcspcctvollc Sohn. „Du willst mir drohen wie einem Kinde und vergissest, daß ich bereits großjährig bin und meine eigenen Lcbcnsanschaunngcn habe. „Lcbensanschauungen ohne was zum Leben" höhnte Alois Braun. „Hast Du mal versucht, ob cs Dir möglich ist, Dir 10 Gld. zu verdienen?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.