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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 37 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
37 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 37. Jüdisches- 1885. tifcilif **0/f// J Herausgegcben von l>r. Rahmer in Magdeburg. Jur Untrrhultung u. Belehrung für die israelitische Jugend. Sieg. Von I)r. I. Goidschmidt-Wcilburg. — Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samucly. (Schluß.) — Versöhnt, finit' OriflinaNSRoman von Ida Barder. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientisch: Eine conscssionellc Frage. — Eromieux-Halevy — Jüdisch-deutsche Redensarten. Bo» Lehrer I. Herzbcrg. — Kleine jüdische Eharactcrzügc. — Ter Scdanstag und der deutsche Jude. Von F. Mannsbacher. — Räthsel-Aufgabcn und Räthscl-Lösungcn. — Briefkasten. Sieg Zu Rösch haschono. „Ter Herr, mein Licht und mcin Heil!" »’SWl 'ms " iPs. 27,1.) Zahllos sind die wilden Heere, Die mir unbarmherzig droh'», Von der Srd', ans jeder Sphäre Tönet mir der Feinde Hohn. Nachtdurchschaucrt sind die Gründe, Und die Hohe ist so steil .... Nur in Dir de» Sieg ich finde, «Herr, mcin Licht Du und mcin Heil!" Wenn in, Strome meines Lebens Stürmisch hin die Wellen flich'n, Und de» siichcnden vergebens Tiefer Wchmuth Zähren glüh'»; Wen» ich welke, wen» ich schwinde I» der Jahre flüchtgcr Sil' — N»r in Dir den Sieg ich finde «Herr, mein Licht Du und mcin Heil!" Wen» der Schmerz mich niedcrdrücket, Wenn das Leben Wunden schlägt; Wenn das arme Herz zerpflücket Stöhnend seine Laste» trägt; Wenn ich mich verzweifelnd winde, In der Brust den giftge» Pfeil . . . Nur in Dir den Sieg ich finde, «Herr, mein Licht Du »nd mein Heil!" Wen» ich irre, wen» ich fehle, Schweifend von der Tugend Pfad; Wenn der gottcntstammte» Seele Irdisch sich das Laster naht; Wenn im düster» Schacht der Sünde Schamdnrchwühlt, zermalmt ich weil' — Nur in Dir den Sieg ich finde, „Herr, mein Licht Du »nd mcin Heil!" Und so flieht ihr flücht'gen Jahre, Gott lebt über Raum und Zeit! Wie auch Leid an Leid sich schaare, Herr, in Dir ist Seligkeit! Und dem irren Srdcnkinde, Wird die Wahrheit einst zu Thcil: Stets in Dir den Sieg ich finde, „Herr, mcin Licht Du und mein Heil!" Or. I. Goldschmidt-Weilburg. "i Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samuely. (Schluß) Der Rüsttag des heiligen Versöhnungsfestes zog in's Städtchen düster und feierlich ein, wie ein Vorbote, der ernste Mahnungen zu verkünden hat. Wie zum Gegensätze ,edoch zu den ernsten Stimmungen, die jedes jüdische Herz hier bewegen, erschienen heute auf den Häusern, nicht bloS oex neuen, sondern auch der alten Welt, große Theaterafstchen, die das Auftreten der großen Künstlerin Anna Donati anzeigten. In beiden Welttheilen dieses Städtchens herrschte heute rühriges und regsames Leben. Doch wie verschieden. In der alten Welt sieht man die Frauen geschäftig aus den Häusern kommen, jede weiß gekleidet, mit fütterndem Brustlatz und schneeigem Linncnschleier, die Augen mit Thronen gefüllt und in den Händen große, gelbe Wachslichter tragend, die man die „Seelenlichter" nennt. Zu Hunderten und Tausenden flackern heute Nachts und morgen den ganzen Tag solche Lichter in den jüdischen Bethäusern. Keine Jüdin, noch so arm, versäumt es, sich mit eigenen Händen für den Vcrsöhnungstag ihr „Scelcnlicht" zu bereiten. Gar viele, viele Thränen tropfen in das gelbe Wachs hinein. — Wer mag sie zählen, die schweren, blutigen Thräncntropfen? Auch die Männer sieht man heute sich geschäftig aus den Häusern drängen. Fast dünken sie Einem wandelnde Leichen, wenn man sic so in dem Todtenhcmd angethan sicht, in dem weißen Linncnküppchcn und darüber den weißen, mit schwarzen Streifen durchwirkten Bettalar — in jenen Schlafgewändern, in weichen sich der Jude zur letzten Ruhe begicbt. Der ganze riesengroße, tausendjährige Jammer dieses Volkes tritt Einem lebendig vor Augen, wenn man so an diesem Tage die Männer und die Frauen betrachtet mit den thränengcjllllten Augen, den gesenkten Häuptern und mit den Todesgewändern am Leibe. — In der neuen Welt geht es ebenfalls heute höchst rege und lebhaft zu, doch ganz anders, als in der alten Welt. In ihrem schönsten Staate erscheinen heute die Männer und Frauen, die sich schaarenweise zum Casino dahindrängen, um bei der Cassc Karten für die heutige Vorstellung zu lösen. Bereits seit frühem Morgen hockt Herr Pialvski in der Schenke vor einem großmächtigen Glase voll Spiritus, aus dem er eifrig trinkt, wahrscheinlich, weil ihm die Zeit bis zum Abend zu lange dünkt und er sich den geistigen Genuß schon früher verschaffen will. Es gelang ihm auch, was seine lallende, schwerfällige Zunge zur Genüge beweist. Keine sprachühnlichen Laute sind es, die ihm heute aus dem Munde kommen, sondern mehr ein wüstes, unheimliches Krächzen, wie das eines alten Raben. Der Abend dämmert inzwischen immer mehr heran. Schon sind die Fenster des großen Saales hell erleuchtet und aus den innern Räumen lassen sich die Streich- und Blasinstruniente der Musikanten vernehmen. Von Zeit zu Zeit nur zeigen sich auf der Straße einzelne Verspätete, die hastigen Schrittes dem Theater zueilen; alsbald jedoch verlieren sich auch diese und ganz stille wird's rings in dem Gäßchen. Schwere Wolkenmassen ballen sich am dunkeln Horizonte zusammen, welche die einzelnen Sterne, die sich anfangs am Himmel gezeigt hatten, vollends verfinstern. Es ist eine tiefe, schwarze Nacht.

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