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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 36 (1885) · p. Seite 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
36 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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— 143 — „Ein gottbegabtes Land!" rief das sonst in stiller Lethargie versunkene Mädchen aus. „Wie freue ich mich, hier gesunde» zu können!" Und als ob von Minute zu Minute neue Lebenskraft den Körper durchdränge, ward ihr Blick freudiger, die bleichen Wange» schienen sich mit frischem Blut zu füllen, der vereinsamte Zug sich eins zu fühlen mit dem kräftig pulsirenden Leben, das da All durchweht. Ischl war endlich erreicht. Schon auf dem Bahnhof traf man zahlreiche Bekannte, die alle erfreut schienen, die Braun'sche Familie begrüben zu können. „Welch balsamische Luft!" sagte Jlka hochaufathmend. Und Frau Rachelle, die, nur glänzen zu können, hier wieder ihren Fremd Wörter schätz in Bereitschaft hielt, stimmte mit den Worten: Eine Atmosphere refraioliissante! zu. Man »ahm einstweilen in Berers Hotel, >cnem herrlichen, auf malerischer Anhöhe gelegenen, mit allem nur denkbaren Comfort ausgcstattcten Hause Quartier, da die gcmielhete Villa noch nicht vollständig in Bereitschaft war. „Wir werden hier einige Tage bleiben", sagte Alois Braun, „bei der Table d’hote Gelegenheit haben, Bekanntschaften zu machen." „Wozu braucht man hier Bekanntschaften!" cntgegncte Jlka, da sic jetzt die große Balkonthür öffnete und der Blick entzückt über das sich weithin auSbrcckendc Panorama schweifen ließ. — In vollen Zügen athniete sie die erfrischende Bergluft ein und konnte eS garnicht verstehen, wie ihre Mutter, ohne das herrliche LandschaflSbild auch nur eines Blickes zu würdige», sich bei dem Hotelier erkundigte, ob die „Appartements" nebenan langen, ob viel distinguirte Persönlichkeiten im Hause seien, ivo die hier weilenden aristokratischen Familien verkehren, ob die Damen sn toiletts zur table d’höte erscheinen übet nur im Straßcnklcide, ob cs genüge, sich in der Curliste nur als Familie Braun oder mit Angabe der einzelnen Mitglieder, des Hofmeisters, der Erzieherin, der Gesellschafterin re. Anträgen zu lassen. — Der Hotelier meinte, daß letzteres nobler sei, und, wenn die gnädige Frau präsentiren wolle, sic auch, nachdem sie in ihrer Billa installiert, ihren Bekannten ihren jour angeben könne, an dem sie enipfange, daß die aristokratischen Familien in dieser Weise neuen Verkehr unter einander geschaffen haben, der sie von dem Gros der Badewelt ganz absondert, so daß sie eine Colonie für sich bilden. Das Alles zu missen war der guten Frau Braun sehr werthvvll. Sie überließ Jlka ihrem Entzücken, ihrer Naturschwärmerei, machte sich mit ihrer Kammerzofe eiligst daran, für den Abend, wenn man hinunter zum Speisen gehen würde, die geeigneten Toiletten auszupacken; Jlka blieb staunend auf den Balkon; cs war ihr, als könne sie den Blick nicht wenden von den großartigen im Abcndroth goldig erscheinenden Eisesfeldern da drüben, die des Dachsteins diamantene Krone bildeten, von all den 10 und mehr Bergkuppeln, die, mit blaugrünen Schleiern überdeckt, eine Naturfccnerie bildeten, wie sie sie großartiger nie gesehen. Und den Berg zum Hotel hinan stiegen und kletterten lauter gcinißsrohe, heitere Menschen, unten im Garten, plauderte man in fröhlichen Gruppen, Alles schien Lust und Leben! „Ach, ich möchte auch, wie Jene unbcengt aufathmcn können!" sagte sie sich. Habe ich nicht genug gelitten, um hier, in diesem paradiesischem Alpenthale, vergessen zu dürfen! — Für mich existiert er nicht mehr; ich weiß es wohl und doch — Thräncn umflorten den eben noch ruhigen Blick — es wird mir so schwer — so schwer all das zu glauben, was ich glauben muß! — Das geräuschvolle Jschler Curlebcn brachte das junge Mädchen indeß bald auf andere Gedanken. Sie hatte gar keine Zeit für sich allein zu sein. Früh 7 Uhr ging man zur Curmusik, hernach baden, dann eine Stunde zur Inhalation, zum Frühstück, mittags war Concert auf der Esplanade, wo man allerhand Bekannte traf, mit denen man hernach Waldpartieen machte, Ausflüge für den Nachmittag verabredete; in der That ein doloe tar mente, wie man cs sich nicht schöner denken konnte. Madame Rachelle schien hier so recht in ihrem Element. Den ganzen Tag konnte sie allen, die es hören wollte», von ihrem Rcichthum, ihren Connexionen, ihrem eleganten Ameublement daheim, ihren pariser Toiletten re. erzählen, von den großen Plänen, die sie mit ihrer Tochter verfolge; die Gute ahnte nicht, wie sehr sie sich in den Augen aller wirklich Gebildeten mit ihrer Lust zum Rcnommire» lächerlich machte. — Indeß sie amüsirte sich sehr gut, wähnte Jeder und Jede staune sie an, wenn sic ihre Brillanten und Spitzcntoileltcn spazieren führe und als sie gar die mit allem Pomp eingerichtete Billa bezogen, und ihre Equipage zur Verfügung hatte, ihr Gatte diese und jene Bekanntschaft gemacht, die von Einfluß sein konnte, da schien sie, wie sie selbst frohlockend sagte: Au comble du bonheur. Norbert der älteste Sohn war auch zum Besuch eingetroffen und hatte seine Pferde, von denen er unzertrennlich, mitgebracht. Des Vaters Stirn unidüsterte sich zwar, als ihm der junge Dandy gleich am Abend seiner Ankunft mittheilte, er müsse morgen 1000 Gld. zur Begleichung einer Spielschuld nach Hause senden, indeß Norbert sah so elegant und gcntlcmanlike ans, er konnte der Familie hier durch seine Beziehungen zur Aristocratie nützen, der Vater biß in den sauren Apfel, nachdem ihm Norbert bereits zum so und so vielten Male versprochen, nicht mehr spielen und wetten zu wollen. „Weißt Du auch Papa" sagte, wie um sich in sein Vertrauen einzuschmcicheln, der junge Mann, „daß dieser Jud, der Sanders, in den letzten Tagen unser Haus wie ein Spion umschlich? Er will durchaus wisse», wohin Ihr mit Jlka seid. Der Portier sagte ihm nach der Schweiz. Wenige Tage hernach kam er wieder, er habe Erkundigungen cingezogen, daß Ihr in keinem der größten Schwcizer-Curorte seid; er versprach ihm Geld, viel Geld, wenn er ihm Euren Aufenthalt bekannt gäbe. Unser Jean blieb standhaft, ob aber Sanders nichr durch Jemand aus deni Geschäft — „Ich habe strenge Ordre gegeben ihn abzuweisen, wenn er sich einsallen lassen sollte zu kommen" unterbrach stirnrunzclnd Alois Braun. — „Wenn ich nur ein Mittel wüßte, den Kerl unschädlich zn machen!" setzte er verstinimt hinzu. Ich fürchte, er wird mir noch meine schönsten Pläne kreuzen!" „Solch einen Lumpenhund schießt man einfach nieder", sagte, sich stolz in die Brust werfend, der junge Mann. „Was will er von Jlka? Sie mag ihn nicht, ist endlich zur Einsicht gekommen, daß sie zu gut für solch einen jüdischen Advocatenschrciber ist, ich denke, wenn er Ehrgefühl besitzt, drängt er sich nicht in eine Familie ein, die ihm offenkundig bewiesen, daß sie ihn nicht mag!" — Alois Braun cntgcgnete Nichts. Er wußte am Besten selbst, daß er nicht ehrlich zu Werke gegangen und seine stolzen Pläne leicht erschüttert werden konnten. (Fortsetzung folgt.) Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert und zum Thcil auf ihren Ursprung zurückgeführt von Lehrer I. Herzbe.rg. IV. Mi« der Rebb« nt Ui! Der Rebbc (Rabbiner) war stets bei religiösen Fragen die entscheidende Instanz, und seine Entscheidung wurde als Richtschnur hingenommen, seine Interpretation eines etwaigen unklaren Begriffes war maßgebend nach jeder Richtung hin. Nieniand wagte diesem entgegen zu treten und nach eigener Entscheidung zu handeln. War man daher in Zweifel bei der Lösung der einen oder anderen Frage, so äußerte man wohl seine Vermuthung darüber, gab aber keine entscheidende Erklärung ab, sondern stellte diese Lösung ganz und gar

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