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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 36 (1885) · p. Seite 142

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
36 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 142 (sequence 2)
Language
German
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— 142 - ballte sich krampfhaft ihre Hand zu einer Faust, die sie drohend emporschwang. — Inzwischen kamen und wechselten die Tage, die letzten Sommermonate näherten sich ihrem Ende und die heiligen jüdischen Feste, bte man die „furchtbaren Tage" nennt, waren im vollen Anzüge. Auch au diesen Tagen, welche bei den Juden stiller, ernster Beschaulichkeit gewidmet sind, trat Esterka jeden Tag auf, sowohl an den beiden Ncujahrstagcn, als an den Abenden der späteren „Bußetagc". Wenn das Herz der Mutter durch Bitten und Flehen sich nicht erweichen lügt, so mutz sie dasselbe durch gewaltsame Mittel erschüttern und cs so an sich reißen. Da trug sich in der neuen Welt ein furchtbares Ereignis; zu, daß das Herz darob erschauern mutz und die Feder sich mir in der Hand sträubt, es niederzuschreiben. Doch es mutz geschehen. Es ist die Hand des furchtbaren Verhängnisses, die es so gefügt. (Schluß folgt). Versöhnt! 17 Original-Roman von Jda Barber. Jlka, nicht ahnend, datz bereits dort Wohnung gcmiethet, alle Vorkehrungen und Verabredungen getroffen seien, begrüßte mit Freuden den Plan, hoffend, so all' Denen, die von ihrer Verirrung Kenntnitz hatten, entrückt zu werden. Sie selbst ordnete an, was sie mitnehmen wolle, was für sie auzuschaffen sei und kam so, ohne selbst zu wissen wie, auf andere Gedanken, die sie von der Beschäftigung mit sich selbst und ihrem Hcrzwch ablenkten. Ihre Beziehungen zu den Eltern, denen sie viel zu danken meinte, da sie ihres Fehls mit keinem tadelnden Worte erwähnten, wurden herzlicher, als sie je gewesen, ja, als der Vater ihr einst, da sie nach dem Souper in traulichem Geplauder bei einander saßen, mitcheilte, daß er vor Wochen, ihr Seelenleidcn erkennend, selbst Schritte gethan, um vr. Sanders einc Anknüpfung zu ermöglichen, war sie so gerührt, daß ihr Thränen in die Augen traten. „Das hättest Du wirklich gethan, Vater?" fragte sie, dem sie genau Beobachtenden herzlich die Hand reichend. „Ich sah ein" erwiderte ausweichend Alois Braun, „daß Dein Zustand sich von Tag zu Tag verschlimmerte. In schlaflosen Nächten fragte ich mich, wie Dir zu helfen sei. Wenngleich ich wußte, daß Dir an Sanders Seite kein Glück erblühe, da er ein Don Juan, ein Verschwender, mit einem Worte ein leichtsinniger, unbedeutender Mensch ist, schrieb ich ihm doch, er möge sich zu mir bemühen!" „Und er kam?" fragte Jlka, während Fiebergluth ihre Wangen bedeckte. „O warum habt Ihr mir das verschwiegen? „Weil wir Dich nicht kränken wollten, Kind", entgegnete der Vater. „Ich bitte Dich, sprich" bat Jlka dringend, „was habt Ihr miteinander verhandelt?" „Ich stellte ihm Bedingungen, mein Kind" sagte gedehnt Alois Braun, „die einzugehen er sich weigerte. Die finanzielle Frage stand im Vordergrund; Du weißt, daß mir die Sicherung Deiner Zukunft am Herzen liegt! Wir konnten uns nicht einigen, ich will Dich auch nicht, da ich sehe, die Sache regt Dich auf, mit all den Details unserer Unterredung behelligen. Sanders verließ mich wie ein Rasender und sandte mir eine Viertelstunde später ein von Gemeinheiten strotzendes Schriftstück, das mich eigentlich veranlassen sollte gegen ihn zu klagen" — „Unmöglich" unterbrach Jlka. „Er konnte Dich beleidigen! Ich bitte Dich, laß mich den Brief lesen, damit ich klar sehe, was zwischen Euch vorgegangen!" „Warum willst Du Dich unnöthig aufregen?" entgegnete der — zärtliche Vater. „Du würdest ihn verachten, wenn Du das Geschreibsel läsest; bewahre ihm ein wie immer geartetes Andenken in Deinem Herzen; ich will Dir keine» Schmerz bereiten!" „Aber den Brief laß mich lesen, Vater" bat Jlka dringender. „Du weißt ja, ich habe mit ihm gebrochen; er könnte mir zu Füßen liegen, ich würde ihn jetzt nicht anhören, da ich seine» Charakter erkannt, daß er es aber wagen darf, Dich zu beleidigen — „So lies", sagte Alois Braun, ihr den letzt erhaltenen Brief Sanders hinreichend, der selbstverständlich ohne Comentar ganz anders gedeutet werden konnte. — Das junge Mädchen erbleichte. — „Solche Worte wagte er Dir zu sagen?" lispelte sie. Das Blatt entfiel ihren Händen. Doch als traue sie ihren Augen nicht, griff sie wieder nach demselben. „Verzichte auf die Ehre jemals wieder vor Ihnen .. . und die Ihrigen .. . Sie sind der Elendesten Einer... . Ein Wahn von dem ich heut gepeilt bin." Ja das Alles war da klar und deutlich von seiner Hand geschrieben. Das Herz stand ihr still. Und solche Beleidigungen dem Manne zu schreiben, der ihn hatte rufen lassen, uni — Ihre Sinne verwirrten sich. „Ein Wahn, von dem ich heut geheilt bin" tönte es in ihren Ohren tvieder. Wohlan, auch sie wollte von dem Wahn geheilt sein, — für immer und ewig, — ihn geliebt zu haben! Schnell sich aufraffend verließ sie das Gemach, eilte in ihr Zimmer, schloß den Schreibtisch auf und ein Packet Briefe, und etliche Geschenke, die sie von Sanders besaß, zusammeupackend, schrieb sie selbst die Adresse „Herrn Or. E. Sanders" mit fester Hand darauf und übergab sie ihrem Vater, sie ihm zurückzusendcn und ihre Briefe gleichfalls znrückzufordcrn. Erschöpft sank sie dann in einem Sessel zusammen. Alois Braun triumphirtc. Das hatte er gewollt! Sein Plan war gelungen; jetzt wußte er, daß er siegreich werde weiter operircn können. xm In Ischl. Tags darauf, als man Sanders das von Jlka gesandte Päckchen übergab und dieser an die Möglichkeit nicht glaubend, daß Jlka wirklich zeither im Einverständnis! mit ihren Eltern gewesen, wie wahnsinnig im Zimmer auf und ab lies, ohne sich beruhigen zu können, trat die Braun'schc Familie die Reise nach Ischl an. Jlka ivar, wie sie meinte, auch ihrerseits von einem Wahn geheilt. Sie sehnte sich hinaus unter andere Menschen zu kommen, dort ein neues Leben zu beginnen. Wahrend der Fahrt war sie auffallend schweigsam. Nichts vermochte ihr Interesse abzugcwinnen. — Sie lag apathisch in ihre Kissen gelehnt und gedachte jener vcrhängnißvollen Reise, die sie zu ihren Verwandten angetrctcu, jener anderen nach Marienbad, da sie dem Dampfroß Flügel gewünscht Hütte, um desto eher dem Manne, den sie zu lieben wähnte, in die Arme fliegen zu können, dann jener unseligen Rückreise — o Gott, wie wcchselvolle Eindrücke waren in der letzten Zeit auf sic eingestllrmt, es war ihr, als sei sie nun ein Jahrzehnt gealtert. — Die Mutter sprach ihr von den neuen Toiletten, die sie für sie bestellt, von den reizenden Fichu's, den eleganten Pariser Hüten, in denen sie gewiß in Ischl Aufsehen erregen werde, — das Alles, so sehr es sie sonst intcressirt hätte, lag ihr heut fern. — Als man Gmunden erreicht hatte, der Traunsee mit seinen malerischen Felspartieen vor ihr lag, schien die großartige Natursccncrie den Blick von dem Innenleben abzulcnkc». , Ihr Auge^belebte sich; traumverloren starrte sic ins Weite. — Ja, diese Gebirgswelt mit ihren herrlichen Fernblicken, den steil anstrcbenden Felsen, den dichtbelaubten Wäldern, den fröhlichen, nach Erholung dürstenden Menschen schien ihr ganz geeignet, auch ihrem wunden Herzen Stärkung zu gewähren. Da war, wie in den See hineingebaut das liebliche Traunkirchen, drüben des Traunstcines mächtige Höhn, der Ebensee mit seinen reichen Waldungen.

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