Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 36 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1885. Jüdisches Herausgegcbcn von l)r. Rahmer in Magdeburg. Zur Untkrhaltung u. Kelrhrung für die igraelitische Jugend. Tauer im Wechsel. Von Dr. I. Gold schund i-Wcilburg. — Eine dunkle Erinnerung. Bon Nathan Samuely. (Fortt^rikinkbsctzung.) — Versöhnt. Original-Ronian von Jdn Barber. (Fortsetzung.) — Jüdisch-deutsche Redendartern Bon Lehrer I. Herzberg. — A llerlei für den Familientifch: Anecdote. — Eine Audienz bei Napoleon I. Rathfel-Aufgaben und Räthfel-Lösungen. Dauer im Wechsel. (Zun, W.-A. tzeIN '2 LNN ll'v'2 N'N' NVX sN2N mal (V. B. Moses 26,3.) Es wechseln die Zeiten, es wechseln die Lehren, Es wechselt der Friede, es wechselt der Streit Doch jedes Geschlecht, es muß sich bewähren: »Geh' hin zum Priester deiner Zeit!" Was heute sich schicket, das schickt sich nicht morgen, Was gestern sich schickte, das schickt sich nicht heut'. Du mußt ans die Stimme der Gegenwart horchen: „Geh' hin znm Priester deiner Zeit!" Doch das Gestern allein hat das Heute gegeben, Und das Heute allein das Morgen uns beut' — Znr Ewigkeit muß jede Zeit sich erheben: „Geh' hin zum Priester deiner Zeit!" Dr. I. Goldschmidl - Weilburg. io) Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Sarnuelh. (Fortsetzung) Nächte wie diese voll Jammer und getäuschter Hoffuuugen, mußte sie viele verleben. Kurze Zeit darauf erfuhr sie, daß ihre Tochter in Wien sei, wohin sie unverzüglich auswanderte. Von Wien mußte sie weiter wandern, weil ihre Tochter, wie sie erfuhr, in Prag weilte. In Prag überraschte sie die schreckliche Mittheiluug, ihre Tochter sei im Nonnenlloster. Keuchend stürzte sie die Straße hinunter zum Nonnenkloster. Nur ein einziges Verlangen brannte ihr auf der Seele, sie wollte cs von ihrer Tochter selbst höre», ob sie wünsche, daß ihre Mutter sich das Leben nehme. Die Paar Augenblicke, die sie im Nonnenkloster zubrachte, dünkten ihr eine Ewigkeit — nie werden sie aus ihrem Gedächtnisse schwinden, jene furchtbaren Augenblicke. Weiter als über die Schwelle des Vorhauses durfte sie nicht treten. Warum? Weil sie eine Jüdin ist. Wie ein spitzer Pfeil flog es ihr mitten durch's Herz. Und sie, ihre Tochter, ist sie denn keiue Jüdin, ist sie denn eine — Getaufte? Ja, eine Getaufte! Dieser betäubende Schlag jedoch hatte sie nicht getödtet, ja ihr nicht einmal eine Ohnmacht verursacht, aber verschlossen hat er sie, tief wie das finstere, grausige Grab verschlossen. Sie kehrte wieder nach Hause zurück, allerdings eine gebückte, gebrochene Greisin, aber der Name ihrer Tochter kam nie mehr über ihre Lippen. Sie fastete, sie betete, doch blieb ihr Auge wie die Wüste trocken, thrünenleer.. . . Lange, lange Jahre war der Name ihrer Tochter aus ihrem Herzen weggelöscht. Sie arbeitete wie zuvor, trug wie einst ihre Tochter den großen Korb, ihr Herz schien versteinert. Auch der Schmerz, den ihre Züge ausdrückten, hatte lange kein Leben mehr, er ist seit jener letzten Wahrnehmung auf ihrem Gesichte versteinert geblieben. Ihre Nachbarn hörten nicht auf, zu behaupten, daß sie ihre Tochter lange schon vergessen, daß von der alten Wunde keine Narbe mehr zurückgeblieben sei. Der Zufall jedoch bringt oft seltsame Dinge. Just heute zu einer Zeit, wo der Schatten ihrer Tochter fast hinter ihrem Fenster zu sehen war, wurde sie vom Herrn Piawski gewaltsam an sie erinnert. Es war für sie eine schaurige, entsetzliche Nacht. Einmal hörten sogar ihre Nachbarn sic schrecklich aufschreien, wie mit Jemandem ringen, die Thüre ausreißen, durch diese hinaus stürzen und dann querein in die Felder laufen. Eine der Nachbarinnen wollte eine schlanke Frauengestalt gesehen haben, die einige Augenblicke später ebenfalls das Zimmer verließ und sich im- Dunkeln verlor. — Der nächste Tag, der auf diese lange, schaurige Nacht folgte, brachte dem Städtchen eine überraschende Neuigkeit, die Alles in Aufregung versetzte. — * * * Beide Welten dieses Städtchens, die alte und die neue, sonst in keiner Beziehung mit einander etwas gemein habend, waren heute von einer und derselben Neuigkeit überrascht und überall, wo man hinsah, standen die Leute in Hellen Haufen versammelt und raunten sich halb laut, halb geheimnißvoll die erstaunliche Neuigkeit zu. — Estcrka, hieß es, sei gestern, eine Getaufte, mit einer Schauspielertruppe hierher angclangt und habe gegen Nachts sich aus der neuen Welt, wo sie wohnte, in das Feldhäuschcn zu ihrer Mutter hingeschlichcn. Diese jedoch sollte, als sie ihre Tochter gewahr wurde, sich von ihr mit einem entsetzlichen Aufschrei abgewandt haben und als Esterka sie mit Bitten zu bestürmen und mit ihren Armen ihr Knie zu umklammern suchte, entriß sich diese gewaltsam ihren Händen und stürzte aus dem Zimmer, von wo aus sie querein in die Felder lief. — Es war mehr als ein Gerücht, es war eine Thatsache. Trotz dieses unerwarteten Empfanges, der ihr von ihrer Mutter zu Theil wurde, blieb Esterka weiter in dem Städtchen S., wo sie mit ihrer Gesellschaft gastirte. — Was sie durch Bitten und Flehen von ihrer Mutter nicht erwirken konnte, hoffte sie durch ihr Weiterbleiben von ihr zu erzwingen. Was wollte sie denn mehr, als daß ihr ihre Mutter verzeihe und sie wieder als Kind aufnehme? Sie hatte sich auch nicht verrechnet. Jeden Tag, so oft Esterka auftrat, war ihr ihre Mutter nahe, schlich sie wie ein Schatten um das große Haus herum, wo die Bühne war und starrte bald zu den hellerleuchteten Fenstern des großen Saales hinauf und bald zu dem Heiligcnbilde, das über dem Portale der St. Anna-Kirche gemalt war. Aus ihren Augen jedoch stierte unheimlicher Wahnsinn, ibre Lippen murmelten unablässig vor sich hin und von Zeit zu Zeit