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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 35 (1885) · p. Seite 138

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
35 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 138 (sequence 2)
Language
German
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138 - „Mich friert!" mar die Antwort des armen Joseph, dem ein heftiger Fiebcrfrost alle Glieder schüttelte, „Mich friert, bilf mir nur schnell ins Bett!" Die arme Frau lief, nachdem sie ihren Mann zu Bette gebracht, eiligst um den Barbier, „Schlecht, sehr schlecht!" sagte dieser, nach dem Pulse des Kranken fühlend, „Sie müsse» rasch einen Arzt herbeiholcn!" „Er ist ja ganz vcrkältet," entschied auch der bald herbcigcrufene Arzt, „Unsere Kunst vermag hier nichts, höchstens ist noch etwas von der Natur zu erhoffen, wenn diese Gnade üben und der Krankheit einen günstigen Verlauf geben sollte!" Die Natur jedoch wollte keine Gnade üben und so war Joseph zwei Tage später eine Leiche, Wer jedoch Gnade geübt hat, war kein anderer als der Graf S., der durch einen seiner Leute der Wittwc die Gabe von zwanzig Gulden zukommen ließ, „weil der Jude ein guter Spieler war und seine Gäste immer trefflich unterhalten hat," Und dieser Mann, tobten tausend Stimmen in ihrem Herzen, dieser Mann lebte nach dem Willen Gottes, war ein Mann von Herz und Gefühl? Hatte ihre Tochter Recht, daß sie ihre Mutter verließ und sich diesen Leuten anschloß? Es war ein Haß, bitterer, giftiger als der Tod, den sie seit jener Zeit gegen alle Andersgläubigen in ihrem Herzen nährte. Diesen Haß suchte sie auch ihrer Tochter wie eine Giftwurzel ins Herz zu legen, doch kam ungeahnt ein mächtiger Sturm und riß ihr diesen aus dem Herzen und das ganze Herz riß er mit aus dem der armen, verzweifelten Mutter. „Fluch, ewiger Fluch treffe diejenigen, die mir mein Paradies zerstört, die das einzige Kind niir aus dem Herzen gerissen, die ihr durch's Ohr Schlangengift in die Seele geträufelt haben, die verwundet und vergiftet das Herz einer Mutter, sie seien vcrffucht, verflucht, verflucht!!!" Anfangs erfüllte sie die Flucht ihrer Tochter mit einer Art Wahnsinn, doch ein großes Unglück ruft bald wieder alle Kräfte in uns wach und stählt unsere« Muth. Auch sic raffte sich zusammen und wanderte aus, um die verlorene Spur ihrer Tochter zu finden. Sie müsse sie finden, gelobte sie sich, und sei cs am Ende der Welt, Wie ein welkes Blatt jagte es sie umher, von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, Jeder Tag traf sic irgendwo anders. Zuerst hieß es, ihre Tochter sei in Krakau, Sie setzte ihr dorthin nach. Dort jedoch erfuhr sie, ihre Tochter sei lange schon von dort nach Lemberg abgereist, wo sie die Gesangsschule besuche. Ohne sich einen Augenblick Rast zu gönnen, brach sie nach Lemberg auf. Mitten in den Mauern der Stadl angelangt, fragte sie den ersten Besten, der ihr in den Weg kam, wo das Singhaus wäre. Dieser wies sie an das Theatergebäude. Furchtbar war für sie jener Tag, noch furchtbarer die Nacht, Stundenlang stand sie in der Borhalle, eine stumme, leblose Figur, an eine Säule hingelehnt. Plötzlich raffte sie sich auf, als wäre auf einmal ein Strom Lebens über sie gekommen, „Guter Mann," redete sie den alten Portier, auf den sie zuging, an, „Sie hatten wohl einst eine Mutter und ihre Kinder mögen vielleicht noch jetzt eine haben. Erbarmen Sie sich, haben Sie Mitleid mit einer armen, unglücklichen Mutter und sagen Sie mir, durch welche Seite die Sänger und Sängerinnen sich aus dem Theater entfernen." Der verblüffte Portier vermochte wohl den Zusammenhang ihrer Worte nicht zu fassen, doch aus ihrem Gesichte und den irren Blicken sprach Schmerz, tiefer, unnennbarer Seelenschmerz und er zeigte ihr genau die Richtung, wo sie die Schauspieler und Sänger zu erwarten habe. Wieder lehnte sie sich, eine stumme Statue, an die Säule. Jeden Augenblick glaubte sie, die Stimme ihrer Tochter zu hören, wodann es clectrisch durch alle ihre Glieder zuckte, „Gott, großer, gnadcnvoller Gott," betete ihr Herz, „sie ist ja nur ein junges, unerfahrenes Kind, übe mit ihr Gnade, Lasse Deine harte Strafe über mich kommen; mich, einen alten, morschen, zerbrochene» Stamm, möge der Blitzstrahl Deines Zornes treffen, «ie jedoch verschone, gnadenvoller Gott im Himmel, sie ist mein einziges Kind, ich decke sic mit meinem Leibe und meiner Seele!" Lange stand sic so an die Säule gelehnt. Schwarze, düstere Gedanken umschwirrten ihr Haupt, während dessen die Worte, welche einst ihre Tochter zu ihr sprach, immer ihr in den Ohre» sortiönten: „Gott will es nicht, daß wir fühlloS wie das Vieh unsere Tage dahinlebcn!" — Und so kann es Gott recht sein? Ist cS nicht eine große, furchtbare Sünde, mit Männern im Vereine zu singen? — Sie konnte diesen Gedanken nicht ganz ausdcuken, denn plötzlich stahl sich ihr etwas wie ein stechender Zweifel in's Herz hinein. Soll es möglich sein? kämpfte sie dagegen. — Mein Vater, meine Mutter, meine Eltern, mein ganzes Volk, soll ihr ganzes Leben, ihre Vcrg> ngenheit, ihr Kämpfen und Ringen nur ei» Trugbild, ein Jrrlhum gewesen sein? — Ein gewaltiger Sturm, der sich in diesem Augenblicke aus dem Zuschauerraume vernehmen ließ, störte sie wie aus einem Traume auf. Sie erinnerte sich, daß sie eigentlich ihre Tochter hier erwarte und abermals fragte sie den Portier, ob ihre Tochter, die hier Singen lernt, schon bald das Singhaus verlassen werde. „Singen lernt?" sah sie dieser groß an. „Singen wird ja nicht hier, sondern aus dem Conservatorium gelehrt!" Vergebens hier mehrere Stunden zugebracht, vergebens ihre Tochter hier zu sehen gehofft! Was nun anfangen? Wohin sich wenden? Fortsetzung folgt.) Versöhnt! i6 Original-Roman von Jda Barber. XII. Die Lüge triumphirt. Im Bibliothekzimmer traf sie mit ihrem Gatten zusammen, Nachdem sic sogleich die Thür verriegelt, sagte sie, einen Fauteuil an den Tisch heranziehend, an dem Alois Braun in Büchern blätterte: „Die Schwester Marie ist doch eine brauchbare Person! Du solltest sehen, wie sie nun Jlka gefügig macht! Die Briefe haben ihre Wirkung gethan, Jlka ahnt nicht, daß Sanders hier ist und täglich unser Haus bombardirt; sie wähnt ihn wohl gar noch in Maricnbad! Wir niüssen nun nur darauf denken, wie wir ihn abfertigen und Jlka, wenn sie noch einige Tage hin hat, entfernen. Schärfe dem Portier nochmals streng ein, alle an Jlka gerichteten Briefe Dir zu geben, Niemand zu ihr vorzulasscn; dann denke ich, mußt Du mit dem Hausarzt sprechen, daß er sie irgend wo hinschickt, wo sie auf andere Gedanken kommt, Zerstreuung und Erholung findet. — „vr, Bels" entgegnete Alois Braun, „sagte mir gestern, daß Graf Zandos nach Ischl geht. Es wäre vielleicht das Einfachste, daß wir, ohne, daß sie ahnt zu welchem Zweck, gleichfalls nach dort reisen! In einem Badeort macht sich die Bekanntschaft ganz von selbst; man fiept sich täglich so und so oft, verkehrt harmlos mit einander, — ich zweifle garnicht, daß der Graf Eindruck auf Jlka machen wird und dann —" „O Du solltest sie reden hören" unterbrach daun Rachelle; sie ist mit aller Welt zerfallen, will von keinem Vorschläge hören!" „Es wäre auch gefehlt, ihr jetzt einen solchen zu machen" entgegnete verweisend Alois Braun, Rüste Du nur jetzt zur Reise. Wir nehmen die ganze Fainilie sammt Gouvernante und Hofmeister mit, werden dort groß austreten, Equipage miethen, Gelegenheit haben werthvolle Bekanntschaften zu machen, da fast der ganze österreichische und ungarische Adel dort vertreten ist, — auf ein Paar Tausende mehr oder weniger kommt es nicht an, wenn ich mein Ziel erreiche!"

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