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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 35 (1885) · p. Seite 139

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
35 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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— 189 — „Ich höre, Di\ Sanders war heut wieder da; hast Du ihn gesprochen?" fragte ablenkcnd die Gattin. „Nachdem ich ihm letzter Woche ein für alle Mal erklärt, daß ich seine Ansprüche aus Jlka nicht anerkenne, lasse ich mich nicht mehr von ihm sprechen. Der Bureau- Chef hat die Ordre mich abwesend zu melden, sobald er vorspricht. Gestern schrieb er mir, daß er noch eine endgültige Unterredung wünsche und sich zu diesem Zweck um 10 Uhr bei mir einsinden werde. Als man ihn abwies, ließ er mir diese Zeilen zurück; er reichtt seiner Gattin einen Zettel nur dem von krustiger Hand geschrieben, folgende Worte standen: „Mein Herr! Sie treiben ein unwürdiges Spiel mit mir! Meine Geduld ist erschöpft! Da sie mir andauernd verweigern, meine Frau zu sehen, vvrgebend sic sei verreist, krank, verhindert, erkläre ich Ihnen hiermit, daß ich den Schutz der Gerichte anrufen werde. Ein Eclat dürfte Ihnen so unlieb wie mir sein. Wollen Sie also denselben vermeiden, so sehe ich bis heute 5 Uhr Ihrer endgültigen Willcnsmcinung entgegen; bin ich bis dahin ohne Nachricht, so überreiche ich morgen früh die Klage. Sic haben kein Recht, meine mir vor Zeugen angetrante Gatt», zu entführen und vor der Welt abzusäließen und werden es bereuen, so eigenmächtig gehandelt zu haben. CUimar Sanders." „Und was hast Du ihm geantwortet?" fragte die Frau. „Auf solche Fadaiscu antivortet man nicht," entgegnete fest Alois Braun. „Eine Klage aber macht Aufsehen," wendete die Gattin ein; „wenn Du ihn Dir doch rufen ließest; ihm — vielleicht ist es ihm nur um Geld zu thun — eine Abschlagssumme bötest — Du weißt, man muß jedes öffentliche Gerede vermeiden, wenn man wie Du —" „Du magst Recht haben, Rachelle," sagte Alois Braun. „Ich lasse es mich was kosten, um diesen Juden mundtot zu machen!" Sogleich griff er nach Feder und Tinte und warf folgende Zeilen auf Papier: „Es wäre mir lieb, Sie morgen zwischen 10 und 12 Uhr sprechen zu können. Hvchachtend Alois Braun." Ein Diener, der das Billct dem vr. Sanders überbrachte, fand diesen in hochgradiger Aufregung. Sanders war allen Ernstes daran gegangen, die Klage abzufassen. Versprach er sich auch wenig Erfolg, so wollte er doch den hochmüthigcn Mann, der ihn um sein Lebensglück betrogen, in der öffentlichen Meinung brandmarken. Da kam Braun's Brief. Sich gleich den weitgehendsten Hoffnungen hingebend, hätte er himmelhoch aufjauchzen mögen; schon wähnte er das geliebte Weib in seinen Armen zu halten, schon die Aussöhnung mit den Eltern perfect. — Am liebsten wäre er sogleich zur Conferenz geeilt, doch es galt, sich zu mäßigen. Selbstverständlich verbrachte er eine schlaflose Nacht, die Minuten dünkten ihm Ewigkeiten und als endlich, endlich die Glocke 10 schlug, da läutete er am Braun'schen Hause, fühlend, daß, wenn er in dieser Austegung noch eine Stunde warten sollte, ein Herzschlag cintreten müsse. Herr Braun war noch nicht zu sprechen. Man wies ihn in sein Arbeitszimmer. Rach etwa 10 Minuten erschien kalt und gemessen grüßend der Man», der ihm so herbes Weh zngefügt und den er nichtsdestoweniger jetzt gern — Alles vergessend, — in seine Arme geschlossen hätte. „Ich habe Sie bitten lassen, zu mir zu kommen, Herr Doctor," sagte, ihm einen Fauteuil reichend, Alois Braun, „damit wir endgültig jene Angelegenheit besprechen, die durch eine Uebereilung meines Bruders zu so unangenehmen Verwickelungen geführt hat. Sic gaben vor, meine Tochter zu lieben, offenbar glaubten Sie, eine gute Partie zu machen, da Ihnen bekannt war, daß Jlka eine ansehnliche Mitgift —" „MeinHerr, Sie beleidigen mich," unterbrach Or.Sanders. „Ich bitte, mich ausreden zu lassen," sagte gelassen Alois Braun; „Sic glaubten, ein gutes Geschäft zu machen, überredeten Jlka, das Elternhaus zu verlassen —" „Weder das Eine noch das Andere," unterbrach heftig vr. Sanders. „Ich weise die schmachvolle Anschuldigung zurück, daß ich auf Jlka's Mitgift speculirt, auch den Vorwurf, daß ich sie veranlaßte, daß Elternhaus zu verlassen. Jlka wollte einfach der Taufe —" „Das steht auf einem ganz anderen Blatte," nahm Alois Braun das Wort; „bleiben wir bei der Sache! Sie haben es dahin zu bringen gewußt, daß Jlka sich mit Ihnen trauen ließ; obschon diese Trauung, wie Ihnen sehr wohl bekannt, keinerlei Gültigkeit hat, mache ich Ihnen doch einen Vorschlag!" vr. Sanders horchte gespannt auf. Er wähnte, daß für ihn Leben und Tod von den Worten abhinge, die Braun jetzt sprechen sollte. „Ich gebe Ihnen, wenn Sie die Trauung als nicht geschehen betrachten, eine Abschlagssumme von 30 000 Gld., die —" „Tod und Teufel," polterte vr. Sanders, „mit wem glauben Sie zu thun zu haben!" Er schlug mit beiden Fäusten auf den Tisch, daß es dröhnte und, seiner Sinne kaum mächtig, lief er wie ein Rasender hinaus, schimpfend und fluchend, daß man es wagen konnte, ihn so zu beleidigen. Als er nach Hause kam, warf er in Eile und ohne recht zu wissen, was er schrieb, folgende Zeilen hin: „Ich verzichte, nachdem, was Sie mir mitgethcilt, auf die Ehre, jemals wieder von Ihnen und den Ihrigen zu hören; Ihr Vorschlag entehrt mich; ich bin nicht der Mann, der um eklen Mammons willen seine Selbstachtung opfert! Lernen Sic erst Menschen kennen, ehe Sie es wagen, mit Ihrem Maaßstabe deren Fühlen zu beurtheileu. Sie sind in meinen Augen der Elendesten Einer, da Ihnen jedes Gefühl von Menschenwürde abhanden gekoinmen! Ich sehe ein, daß ich, solcher Familie angchörend, wohl nie Hütte glücklich sein können. Es war ein Wahn, von dem ich heute geheilt bin. Elliinar Sanders " Finstere Zornesröthe deckte Braun's Stirn, als er das Schreiben erhielt. Schon wollte er cs zwischen seinen Fingern zerknittern, da besann er sich eines Bessern. „Ein werthvolles Document!" sagte er sich. „Wenn sie, woran ich nicht zweifele, doch noch an ihm hängt, werde ich diesen Trumps ausspielen. Ich denke, das Spiel gewonnen zu haben!" Und gleichgültig, als wäre Nichts vorgefallen, ging Alois Braun, nachdem er den Brief sorgfältig verschlossen, an seine Geschäfte. Jlka konnte, da sich ihre Kräfte schnell erneuerten, schon nach wenigen Tagen eine Ausfahrt machen. Die Eltern begleiteten sie und schienen von besonderer Liebe für die leidende Tochter erfüllt. Diese, die Wandlung erkennend, war ihrerseits dankbar für jede ihr bewiesene Freundlichkeit; allgemach glaubte sie einsehcn zu müssen, daß die Eltern, die wohl eigentlich ein Recht gehabt hätten, ihr Vorwürfe zu machen, sie mit übergroßer Nachsicht behandelten. Sie begann zutraulich zu werden, der Eltern Wünsche mehr als sonst zu beachten. — Nach der ersten Spazierfahrt führte der Vater selbst sie in ihr Zimmer zurück, schier besorgt, ob sie sich auch nicht zu sehr angestrengt, und da sie im Gegentheil meinte, sie fühle sich heute wohler, denn seit lange, habe sogar vas Verlangen, den heutigen Abend im Familienzimmer zu verleben, schien Alois Braun sehr erfreut. Er sprach der Tochter davon, daß er, che sie krank wurde, die Absicht hatte, mit der Familie nach Ischl zu fahren, daß vielleicht jetzt, da erst im Juli die eigentliche Saison für Ischl beginne, noch Zeit sei, den Plan auszuführen, selbstverständlich nur, wenn sie sich damit einverstanden erkläre. (Fortsetzung folgt.)

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