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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 35 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
35 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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V 35 1885. "Sr? W 23 ötfifofftr ^ABBBc ] ' & G G G G H! »«»U nmv 1 Buchstaben fmb etaittWt ijigui ™B krzkbni einen dkm Seiet jtfe ihfel. Jüdisches Utftilini’lltf// Herausgegcben von l>r. Rahmer in Magdeburg. Muttcrmuth. Bvn vr. I. Ävldschmidl-Weilburg. — Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) versöhnt. Original-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) — Allerlei für den Familientisch: Wenn nicht wahr — doch gut erfunden. Eurivsum. Russische Gesittung. — Kleine jüdische Characterzüge. Wenn's aber regnet. — Gedanken einer trostsuchenden Mutter. Bon Bertha Zpeier in Heinebach. — Räthscl-Ausgaben und Räthscl-Lösungen. _ Mutter m u t h. (Zum W.-A. Kitkl '2) V? 0KN npn kV (Y. B. Moses 22,0.) Himmel und Wüste! Die Sonne brennt heiß, Ich wandre dahin, ich verschmachte! Kein sprudelnder Quell im weiten Kreis, Kein Fruchtbaum, der freundlich mir lachte! Horch, horch! Ein Zwitschern im nahe» Gebüsch — Ein Nest, voll von Vogeleiern! Die Eier, fie solle» mir decken den Tisch, Daß ste die Kraft mir erneuern. Doch die Mutter stch nicht vom Neste bewegt! „Was fliegst d» nicht in die Weite? Ist der islügel erlahmt, der zur Höhe dich trägt? Ich nehme dich selber als Beute!" „Eine Mutter nimmer die Ihren verläßt, Ich könnt' mich z»m Himmel erheben, Doch weiche ich nicht, und nimmst du mein Nest, So nimm auch der Mutter Leben!" „Nein, heldenhaft Vöglein, dich nehme ich nicht, Erhebst d» auch nicht deine Schwingen: Daß du mnthig erfüllest die Mutterpflicht, Soll nicht dir Gefangenschaft bringen! „Doch Mütterlei», nun verlaß mir den Ort, O mache von dannen dich eilig, Ich plündre dein Nest — o fliege fort, Dein Mutterschmerz sei mir heilig!" Dt. I. Goldschmidt-Weilbutg. 9) Eine dunkle Erinnerung. Bon Nathan Samuely. (Fortsetzung) Joseph machte sich an jenem letzten Sonntage wie gewöhnlich mit der Geige unter dem Arme auf die Wanderung. Doch war wieder Donnerstag, um die Zeit, in welcher er immer zurück zu sein Pflegte, er blieb diesmal aus. Es war Freitag früh, keine Spur von ihm. Die Sonne neigte sich dem Abende zu, er ist noch immer nicht da. Soll ihm vielleicht ei» Unglück zugestoßcn sei»? dachte die arme Frau und schaute ängstlich in die prasselnde Flamme, die auf dem Herde brannte. „Mutter, kommt Papa zu uns nicht mehr zurück?" fragte just in diesem Augenblick das kleine Esterchcn, als hätte es die Gedanken der Mutter begleitet. Und wieder verfloß Stunde aus Stunde, es nachtete. Mußten vielleicht, er und der Graf, wieder einmal mit einander gescherzt haben, suchte sich die arme Frau auszureden, und da hat der Graf seinen großen Hund auf ihn losgehetzt! Schier hätte sic es errathc», die arme Frau, nur war der Scherz noch ein bischen grausamer. Sie erfuhr es einige Stunden später aus dem Munde ihres Mannes. Donnerstag früh langte Joseph beim Grafen S. an und wurde von ihm für die Nacht bestellt, um seine Gäste zu unterhalten. Die Unterhaltung dauerte bis zur Morgenstunde. Die ganze Nacht über belustigte Joseph die hohe Gesellschaft, sang, spielte, schnitt verschiedene Fratzen, ließ sich von den Herrschaften in's Gesicht speien und beim Barte herumzerrcn, ganz nach Belieben eines jeden Einzelnen. Erschöpft von den verschiedenen Bocksprüngen, die er machte und den rohen Späßen, die man mit ihm trieb, fiel er gegen Morgen irgendwo in einem Winkelchen der Küche nieder und entschlief. Kaum jedoch, daß er eingeschlafen, riß ihn eine herbe Hand auf. „He, Jude, Faulpelz Du, auf! Sing uns was von Deinen verfluchten Liedern vor. Auch die folgende Nacht bleibst Du hier, um meine Gäste zu unterhalten. Auf, mach's schncll, Jude!" „Aber hochgnüdiger Herr," stammelte der verschlafene, schnell sich aufrasfende Joseph, der die Stimme ves Grafen erkannte, „aber hochgnüdiger Herr, wie kann ich! Morgen ist ja bei uns Sabbat!" Allein der hochgnädige Herr wurde roth und blaß vor Zorn. „Du widersprichst?" kreischteer, mit dem Fuße stampfend, „Du wagst's?!" Plötzlich jedoch hielt er inne. „Ein guter Gedanke!" murmelte er vor sich hin, indeß er das Augenglas sich zurecht rückte und gar grausam lächelte. „Mvschko Jtzik!" begann er darauf laut, „oder wie Du sonst zu allen Teufeln heißt. Meinetwegen kannst Du zu Deinem Weibe zurllckkehren, iabcr unter einer Bedingung. Du machst den ganzen Weg bis zu Dir nach Hause weder gehend, noch reitend, »och fahrend, sondern schwimmend, — verstanden, Jude?! Mit den Kleidern schwimmst Du stromaufwärts, bis zu Dir nach Hause. Du hast ja Deine Kunststückchen uns oft im Wasser gezeigt, das wird meine Gäste amüsiren — verstanden, Jude!" Der Jude stand starr, der Graf fuhr fort: „Ein gutes Mittagsmahl ist für Dich vorbereitet — doch Du ißt ja nicht von unseren Speisen. Saufe Dich meinetwegen voll, so viel Dir lieb ist. Das erlaubt Dir ja Deine Religion. Aber merk Dir's gut, Jude. Mich betrügst Du nicht, nicht Du, nicht Dein ganzes Volk, das Hundegesindel. Einer meiner Leute wird Dich am Ufer bis nach Hause begleiten. Verstanden, Jude!" Und so geschah es. Vor den Augen des Grafen und seiner Gäste, die mit wildem Gejohle sich eine Stunde später am Ufer versammelten, mußte Joseph sich in den Kleidern in's Wasser werfen und den Strom aufwärts schwimmen. — Und das war Ursache, daß Sara vergebens seit gestern auf ihren Mann wartete. Düster, todtbleich, ein Bild des Entsetzens, erschien Joseph in später Nachtstunde in seiner Wohnung, zitternd an allen Gliedern und in seinem Barte und Kopfhaare hingen große, schwere Tropfen, während von seinen Kleidern Ströme Wassers herunterliefen. „Gott!" stieß die arme, entsetzte Frau hervor, als sie ihren Mann in diesem Zustande erblickte. „Was ist geschehen?"

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