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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 34 (1885) · p. Seite 135

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
34 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 135 (sequence 3)
Language
German
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Ich bin namenlos unglücklich!" und weinend barg sie ihr Haupt au der Mutter Brust. „Fasse Muth," sagte Frau Braun, „es werden Dir nach diesen kummervollen Lagen »och freudige kommen! Du bist jung, Dir steht die Zukunft offen. Wenn Du erst Deine Verirrung eingeschcn —" „O, Mutter, welch' eine Verirrung!" jammerte weinend das junge Mädchan. „Er, den ich wie einen Gott anbetete, ist meiner Liebe unwürdig, ist —" „Ist ein Dvn Juan, wie wir laugst wußten," unterbrach Frau Braun leichthin, „heut redet er Dir von Liebe, morgen einer Anderen, die vielleicht mehr Geld hat; ich freue mich nur, daß Du endlich zur Einsicht gekommen." „Du freust Dich?" unterbrach wehmuthsvolt das junge Mädchen. „O, wüßtest Du, Mutter, was diese Erkeuntniß mich kostet!" „Wir werden Dich zu zerstreuen suchen, Kind," begütigte die Mutter; „ein Reise dürfte Dtr, wenn Du Dich ein wenig mehr gekrüstigt hast, gut thun; Du wirst andere Menschen sehen, auf andere Gedanken kommen — vergessen lernen!" Und als die Tochter immer noch schwieg und starren Blicks traumverloren in's Blaue starrte, fuhr sie fort: „Glaube mir, mir, die ich die Welt kenne und ernste Beobachtungen angestcllt habe, es war zu Deinem Heil, daß Du diese Erfahrung machen mußtest. — Du wirst jetzt mit mehr Vertrauen und Gefügigkeit den Wünschen Deiner Eltern entgegen kommen, Deine Stellung in der Gesellschaft richtig erfassen und vor Allent jene tleinbllrgerlichen Ansichten und Verwaudtschaftsbeziehuugen fallen lassen, die für eine Tochter des Braun'schen Hauses nicht passen!" Jlka fand keine Worte der Erwiderung. Sollte sie der Mutter beipflichteu? Ach, es ward ihr so schwer, cinzugestehen, daß sie sich getäuscht, das; Sanders ihrer Liebe unwürdig war. „Sag' mir die Wahrheit, mein Kind," begann die Mutter wieder, „ist cs wirktich wahr, daß Di. Sanders Dir in den 3 Wochen, seitdem Du Marienbad verlassen, keine Zeile gesandt?" „Ich wähnte, Ihr hättet die Briefe in Empfang genommen," entgegnete Jlka besangen. „An uns ist keiner gelangt," erwiderte die Mutter; „sei versichert, wir hätten ihn Dir in Deiner Krankheit, als Du stets von ihm phantasirtest, schon zu Deiner Beruhigung gegeben!" „Unbegreiflich," sagte Jlka. „Ich hatte damals gedacht, daß er Himmel und Hölle in Bewegung setzen werde, um Euch für sich cinzunchmen!" „Da hast Du mal Dein Leben an einen Unwürdigen verschwendet!" sagte leichthin Frau Braun. „Nun," setzte sie tröstend hinzu, „wenn Du nur erst gesund bist, Du weißt, der Vater hat große Pläne mit Dir vor. Dein Schicksal wird sich glänzend erfüllen. Du wirft eine Grafenkrone tragen, geachtet und gefeiert werden, beneidet von —" „Beste Mutter," bat Jlka, „male mir eine Zukunft nicht glänzend aus, die für mich keinen Werth hat. Ich bin bis in's Herz hinein getroffen, werde nie mehr die Kraft finden, mich aufzuraffen, dem Leben Interesse abzugewinnen!" „Das sagst Du heut, Kind, und ich will Dir nicht widersprechen," entgegnete theilnehmend Frau Braun; „indeß kommt Zeit, kommt Rath! Du bist jung; mit Deinen Kräften wird Deine Lebenslust und Lebensfreude wieder erwachen. Warum auch wolltest Du einem Mann zu Liebe, der Deiner unwürdig war — wir wußten es ja längst — auf jedes LebenSglllck verzichten?" „Ich werde nie einen Anderen lieben können," entgegnete Jlka tonlos. „Was Ihr thörichten Mädchen doch immer gleich mit dem „lieben können" habt," erwiderte fast unwillig Frau Braun. „Als ob das Lebensglück in jenem kurzen Sinnesrausch besteht, der, kaum gedacht, entflieht! Ein verständiges Mädchen läßt sich nicht von seinen Gefühlen beherrschen; es wählt mit Bedacht, welcher von den sich darbietenden Freiern ihm die besten Chancen bietet, welcher die einflußreichsten Conuexioncn, die glänzendste Zukunft hat. Beim Manne spielen weder Schönheit noch Atter eine Rolle; die älteren Männer bieten jüngeren Frauen viel mehr Gewähr für echtes Lebensglück; sie verehren sie, beten sie an, haben keine Göttiuen neben ihnen, während —“ „Liebe Mutter," unterbrach Jlka, „brechen mir von diesem Thema ab. Ich werde weder einen alten, noch einen jungen wühlen, weder einen schönen, noch einen häßlichen; ich habe gekostet das irdische Glück," setzte sie kummervoll hinzu, „und hege kein Verlangen, ein zweites Mal meinen heiligsten Gefühlen Hohn sprechen zu lassen." Die Mutter entfernte sich, da sie sah, daß Jlka allein sein wollte. lFortictzmrg folgt.) Das Wunder des Jesajas. In der Bibel (2. Könige 20., 9—11) heißt es, Jesaja habe zum Zeichen seiner Sendung vor Hiskiah den Schatten des Zeigers einer Sonnenuhr um 10 „Stufen" (Gradas, Grade), zurückgchcn gemacht. Schon Nonius(geb.1491,gest.1577)gab eine Anweisung, wie mau diese wunderbare Erscheinung herbeisühren könne, doch war seine Ausdrucksweise und Schilderung zu unklar, als daß man danach den Versuch hätte wiederholen können. Hr. F lammarion hat nun im Observatorium zu Juvisy die Lösung dieser kleinen Aufgabe aus eine sehr einfache Weise gefunden. Er schreibt darüber: „Nehmen wir ein Brettchen mit aufrechtstehendcm Stifte. Stellen wir cs wagerccht nach den Himmelsrichtungen auf. Mittags wird der Schatten des Stifts nach Norden fallen. Nun neigen wir das Brettchen der südlich stehenden Sonne zu. Der Schatten des Stifts wird in dem Maße kürzer, ttt welchem die Neigung stärker wird, bis er völlig verschwindet. In dieser Lage weist der Stift gerade auf die Sonne hin. Setzen wir nun die Neigung noch weiter fort. Der Schatten des Stiftes, statt nach Norden zu salleu, wie er es vorhin gethan, wird nach Süden fallen. In dieser Stellung kann man alsdann das Rückivärtsgehen des Schattens beobachten. Mittags haben wir den Schatten nach Norden fallen sehen. Jetzt sieht man ihn sehr rasch nach links oder Osten wandern, bis er einen gewissen Winket erreicht hat. Daun geht er nicht weiter, sondern kehrt um und wandert rückwärts bis zum Sonnenuntergang. Man braucht also nur einmal die Sonnenuhr in die richtige geneigte Lage zu bringen, und man wird täglich das Wunder Jesais beobachten könne.». Auf der so gestellten Sonnenuhr zu Juvisy wandert der Schatten von Süden nach Osten bis um 2 Uhr 12 Minuten und bildet dann einen Winkel von 78° T mit dem Meridia.a Dann beginnt er rückwärts zu gehen. Um 2 Uhr SO ist er bei dem Punkte angelangt, wo er um 1 Uhr 30 stand, um 3 Uhr 10 deutet er auf 1 Uhr 15, um 4 Uhr auf 1 Uhr, um 5 Uhr 10 auf 12 Uhr 45 und um 6 Uhr auf 12 Uhr 37. Dann verschwindet der Sonnenschatten ans dem Bereiche des Zifferblattes. Im Ganzen beträgt der Rückgang des Schattens 11 ° 30', also mehr als die 10 °, von denen die Bibel spricht, vorausgesetzt, daß die alten Juden den Kreis ebenfalls in 360° eiutheilten. (Wir kommen hierauf nochmals zurück. Red.)

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