Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 34 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 134 ist eifersüchtig. Man sollte es nicht glauben, daß so ein altes Weib eifersüchtig sein könnte! Glaubt sic da wirklich, ich sei in sie verliebt und empfand es gar arg, daß ich ihre Tochter „schönes Mädel" genannt? Eifersüchtig! Cha, cha, cha, ein altes Weib eifersüchtig! Fort ist sie gelaufen, glaubt wohl dadurch meine Eifersucht zu errege», mich glauben zu machen, sie sei hingclaufcn, um mit minderen Liebschaften anzubandeln, cha, cha, cha!" Herr Piawski weiß Alles, doch hat er sich auch diesmal getäuscht und nur umsonst beunruhigt. Die arme Frau lief durchaus nicht, um Liebschaften anzubandeln. Wie eine verwundete Wölfin floh sie mit dem Giftpfeil im Herzen über die Brücke ihrer Wohnung zu. Hier angelangt, stellte sie sich vor das kleine, trübe Fensterchcn, dem einzigen im Zimmer, und starrte in die öde, kahle Gegend hinaus. Ven Zeit zu Zeit nur fielen einzelne, grausige Worte aus ihrem Munde: „Laß sie sterben, o Gott, damit nicht ich, ihre Mutter, sie ermorden müsse, mit diesen meinen Händen ermorden!" Die Nacht brach unterdessen heran und der Mond, der große, bleiche Mono, schaute unheimlich durch'S kleine Fenstcrchcn auf die arme, unglückliche Frau. Sie merkte, sie sah cs nicht, ihre Gedanken weilten in einer andern Welt. Längst gehörte, längst verschollene Worte, die einst ihre Tochter zu ihr sprach, fingen plötzlich an, in ihrer Seele voll und deutlich auszuklingen: „Leben, ich will leben! Das ist hier ein Leben ohne Lust und Sonne, ohne Fühlen und Empfinden!" Ihr ist es, als sähe sie noch jetzt ihre Tochter, wie sie so zu ihr jene geheimnißvollcn Worte spricht, mit glühenden Wangen und Augen — was waren das für Augen, wunderbare, große, feurige Augen! — Was verlangte, was wollte sie von ihr? Immer und immer dasselbe: „Ich will leben!" — Hat sie denn nicht gelebt? Und ich, habe ich in ihren damaligen Jahren anders gelebt? Ihr eigenes Leben zieht traumhaft durch ihre Seele... Sie ist ein Kind im Hause ihres Vaters des „Melamcd". Wie seinen Augapfel liebt er sie, der gute Vater, kargt sich den Bissen vom Munde ab, um sie „neben Leut" zu kleiden. So wächst sie immer größer heran, wird voll und schön und üppig. Da überrascht sie ihr Vater eines schönen TageS mit der Neuigkeit, er habe sie versprochen, sie sei bereits eine Braut. Wer, was ihr Bräutigam ist? was liegt daran? Ein Bräuligam ist er! — Alles was sie von ihm wußte, war, daß er kein „Lernjllngel", sondern ein „Weltlicher" sei. Ihretwegen hätte er auch ein „Lernjllngel" sein mögen. Welche züchtige, jüdische Tochter kümmert sich um ihren Bräutigam? So verstrich der Winter, im Frühjahr war Hochzeit. Viele Monate blieben Mann und Frau einander fremd, fanden sie nie das rechte Wort zu einander zu sprechen, ausgenommen etwa, daß er sie von Zeit zu Zeit fragte, ob das Essen schon fertig sei und sie ihm die Weisung gab: „Geh, wasch dich!" Dieses Leben jedoch erschien ihr durchaus nicht widerwärtig, weil sie sich ja nie davon einen andern Begriff gemacht hatte, nie sich dasselbe anders vorgestellt. Haben ja so auch ihre Eltern, Ahnen und Urahnen gelebt, still, ruhig, züchtig und Gott ergeben. Und dieses fromme, jüdische Leben, hieß ihre Tochter ein düsteres, ein dumpfiges, ein Leben, wie sie sagte, nicht nach dem Willen Gottes, ohne Fühlen und Empfinden, ohne Herz und Gefühl?! Und die Anderen, welchen sie jetzt angehörte, schrie es in ihrem Herzen, leben etwa die nach dem Willen Gottes? Und der Graf S. lebte auch er nach dein Willen Gottes, ein Leben, wie sie es nannte, von Herz und Gefühl? Mit diesen Worten drängte sich plötzlich ein schreckliches Erinnerungsbild vor ihrer Seele, das Bild vom Tode ihres Mannes .... (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! * Original-Roman von Jda Barber. XI. Die Umwandlung. Während die beiden edlen Seelen hier um den Berrätherpreis feilschten, lag Jlka obeii^ in ihren seidenen Kiffen, sich die Hände wund reibend vor schmerz und Gram. Hütte sie die Beweise nicht gehabt, nie würde sie glauben, daß Sanders einer so schändlichen Handlung fähig. Sie war entschlossen, sich von ihm zu trennen, doch fühlte sie, daß ihr Herz dabei brechen würde. — Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, erhob sie sich von ihrem Lager; sie wollte sich ankleidcn, versuchen, an die Luft zu gehen, wohl gar mit ihren Eltern verhandeln. Ein unnennbarer Schmerz durchzuckte ihre Brust; sollte sic der Mutter eingcstehen, was sie wußte, daß sie Sanders als einen Unwürdigen erkannt? Nein! Noch liebte sie ihn zu sehr, um gegen ihn sprechen zu können; sein Name sollte nicht genannt werden, aber versöhnen wollte sie sich mit den Eltern, ihr vereinsamtes Herz sehnte sich nach emer Aussprache, noch Trost in dem herben Leid. Da gerade, als sie einsah, daß sie doch zu schwach sei, um ohne Hülfe sich ankleiden zu können, trat Schwester Marie ein. „Wie," fragte diese erstaunt, „Sie wollen aufstehcn? In diesem Zustande?" „O, Schwester," jammerte das junge Mädchen, „helfen Sie mir, daß ich nicht der Verzweiflung anheim falle. Es ist mir, als sollte ich die Haut sprengen, die mich umgiebt, als sollte ich laut aufschreien, mich kasteien, mich peinigen, ja, dieses elende Leben, das mir Nichts mehr bieten kann, das mir eine Last ist, von mir werfen!" „Gicbt es denn keinen Vater in der Höh'," mahnte die Schwester, „der den Reuigen, Zerknirschten ausnimmt, ihn in seiner Liebe Armen gesunden läßt? Haben Sie Vertrauen zu unserm Gott," fuhr sie eindringlicher fort, „der Gott der Juden hat Ihnen nur Gram und Entsagung auferlegt, unser Gott ist der Gott der Liebe, der Versöhnung, er iveiß das wunde, getretene Herz neu zu beleben!" „Mir kann Niemand helfen," jammerte das junge Mädchen; „für mich giebt es keine Erlösung, keine Zukunft, keinen Trost." Jammernd und händeringend sank sie, nachdem sie sich ein wenig angekleidet, auf dem Kanapee müde zusammen. Helle Thränen flössen über die bleichen Wangen. „Weiß man," fragte sie nach geraumer Weile die Schwester Marie, „daß ich -- daß ich Sanders wegen das Elternhaus verließ?" „Ihre Elter» waren vorsorglich genug, zu Niemandem davon zu sprechen; es heißt, Sie wären zu Verwandten auf Besuch gefahren und würden i» einigen Wochen zurllckkehren!" erwiderte die Schwester. Jlka athmete erleichtert auf. Niemand wußte von ihrer Schwäche. Wenn sic der Eltern Verzeihung erlange» konnte — und daran zweifelte sie kaum — mußte dieser Unglückstraum vergessen werden. — Sie mußte sich zwingen, seiner nicht mehr zu gedenken, all' ihre stolzen Pläne auf echles Hcrzensglück zu quittiren. Ob dies ihr möglich sein würde? Fast hatte sie Mitleid mit sich selbst, und je länger sie nachdachte, je energischer sie die sich immer wieder hervordrängenden Thränen zurllckwies, desto mehr erschien es ihr, als ob sie ein Recht habe, den Mann, den sie glühend zu lieben glaubte, energisch zu hassen. Er hatte eine Komödie mit ihr gespielt, ihr Liebe geheuchelt, sie zu jenem unüberlegten Schritt, der ihre Ehre compromittiren konnte, veranlaßt. Sein Bild, das noch vor wenig Stunden in voller Glorie in ihrem Herzen thronte, erschien ihr von Wolken und Schatten umlagert; wo war der ideale Zug, der die Stirn verklärte, wo des Auges leuchtender Liebesblick? Sie meinte, als sie jetzt das Medaillon betrachtete, das er ihr f*