Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 33 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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r / — 181 — Jlka war empört. — Wie oft hatte er ihr gesagt, daß sie seine erste, seine einzige Liebe sei, dah er nie ein Mädchen zuvor auch nur der Beachtung gewürdigt und sie hatte ihm in ihrer Unschuld geglaubt, hatte seinetwegen das Elternhaus verlassen, seinetwegen auf Rang und Vermögen verzichten wollen, die Eltern gekränkt, nur vielleicht, nachdem er ihrer überdrüssig, gerade so wie jene unglückliche Theresia bei Seite geschoben zu werden. „Sehen Sie jetzt ein" nahm Schwester Maria, als sie die Leidende ganz zerknirscht sah, das Wort, „dah Ihr Herr Vater Sic vor großem Leid, vor bitterer Reue beschützte, als er sie heimführte, Ihne» in übergroßer Liebe, ohne Ihnen Vorwürfe zu machen, wieder die Pforten des Vaterhauses ansthat?" „Lassen Sic mich allein," bat Jlka in Thränen ausbrechend; „meine Sinne verwirren sich, ich sehe nicht klar, weih nicht, was ich thun, was denken soll, wenn ich an ihm, den ich für den Besten der Menschen hielt, verzweifeln soll!"— Schwester Maria nahm die zerstreut auf denr Bett liegenden Briefe zusammen und reichte sie der alten Frau, mit ihr das Zimmer der Kranken verlassend. Draußen sagte sic ihr: „Warten Sie, Frau Holm, ich führe Sie zu der gnädigen Frau, die Sie reich belohnen wird!" Sie öffnete, einen langen, mit Teppichen bedeckten Corridor entlang gehend, eine Thür, schlug die Portiörcn zurück und stand alsbald einer nn Chaise longue ruhenden, reich geschmückten Dame gegenüber, die sie mit den Worten anredcle: „Nun, liebe Schwester, tvie geht es unserem armen Kinde?" „Fräulein Jlka dürste bald ganz geheilt sein," sagte, die Augen niederschlagcnd, Schwester Maria. Der Geist des Herrn hat sic erleuchtet; sie selbst begehrte, als ich ihr von der armen Theresia Holm erzählte, die Briefe zu lesen, die Or. Sanders jener geschrieben. Frau Holm, die ich schon vorher instruirt hatte, das jedesmal am Rande befindliche Datum wegznschneiden, brachte sic; das Fräulein hätte sonst gar leicht gesehen, daß die Briese vor 15 Jahren geschrieben tvarcn, als der zum Doctor noch — „Ich danke Ihnen, liebe Frau Holm, unterbrach Frau Braun die Schwester, jetzt erst die bescheidene an der Thür stehende alte Frau erkennend; sie winkte sie zu sich heran, händigte ihr einige Goldstücke ein und versprach Weiler für sic sorgen zu wollen. „Ich habe meine Rolle ganz gut gespielt, gnädige Frau" sagte jene vcrschnitzt lächelnd, war nicht umsonst 5 Jahr Mitglied des Vaudeville-Theaters. — Meine Tochter hatte gar vielerlei solche Briefe; ich hob sie alle auf, denn da ich die Welt kenne, weiß ich sehr wohl, daß man oft Gebrauch von solchem alten Geschreibsel machen kann; war übrigens damals eine Dumtnheit von meiner Tochter sich niit dem jungen Bursche», er war ja kaum 16 Jahr alt, einzulassen. Solche Kinder haben ihren Verstand »och garnicht und wollen schon voll Liebe reden. „Können Sie mir die Briefe überlassen?" fragte Frau Braun. „Man weiß immer nicht, wozu sie noch einmal gut sind" kntgcgncte verneinend die alte Frau. „Ich trenne mich nicht gern von solchen Schriftstücken. „Sie können Ihnen ja aber von keinerlei Werth sein!" entgcgnete Frau Braun. „Hätte Schwester Maria hier nicht wie durch Zufall erfahren, daß wir vr. Sanders kennen, und es uns crivllnscht ist, über sein Vorleben Aufschlüsse zu haben, so würden ja die Papiere werthlos bei Ihnen im Kasten ruhen und Ihnen Nichts cingebracht haben. — „Vielleicht nicht heut, später aber sicher" sagte siegesgcwiß Frau Holm. „Wir haben unsere weitverzweigten Verbindungen und die hochehrwürdigen Herrn Patres, denen man beichtet und die in die Familien-Vcrhültntsse eingeweiht sind, wenden uns gerne manchen Verdienst zu, da auch sie nicht dabei leer ausgehen!" „Ich verstehe Sie nicht," sagte Frau Braun. „Schaun's Gnädige" nahm Frau Holm nach einigem Nachdenken das Wort, „da hat eine Stieftochter von mir beispielsweise ein Verhältniß mit einem Oberst gehabt. Er hat ihr eine schöne Wohnung gemiethct und sie ganz standesgemäß gehalten, ihr auch schöne Präsente gemacht. Die Frau Obersten hat davon Winö bekommen, sie ist bleich und elend geworden, hat ihrem Gatten auf Tritt und Schritt nachspionirt und als Alles Nichts half, ihren Seelsorger in's Vertrauen gezogen. Pater Leopold wußte bald Rath. Er hat da so ein Factotum, das mit allen Mädchen, die von Verehrern ausgehalten werden, gut Freund ist, und konnte die Obersten schon nach 8 Tagen auf die Spur führen. Man gab meiner .Stieftochter eine Abfindungssumme, sie solle, ohne dem Oberst anzugeben, wohin sic reise, die Stadt verlassen und jede Beziehung abbrechcn. Sie lebt seitdem in Szegedin, hat —" „Das ist ja ein ganz anderer Fall" unterbrach unwillig Frau Braun. „Ich sehe Sie legen Werth daraus für die Briefe, die ein Gymnasiast Ihrer Tochter geschrieben. Etwas zu erhalten; sagen Sie, wie viel Sie verlangen. „500 Gld." erwidert:, ohne sich zu bedenken, Frau Holm. „Das ist zu viel" eutgcgnete stirnrunzelud die reiche Frau. „Ich bin sicher" cntgegnete immer frecher werdend die Alte, Or Sanders kauft sie mir selbst um diesen Preis ab. wenn ich ihm die Abschnitte des Datums mit überreiche und ihm sage, daß er dem gnädigen Fräulein dadurch Klarheit geben kann, daß er, als er noch im Knabenalter war, jene Liaison — „So, also aus diesem Tone reden Sie" unterbrach sie unwillig Frau Braun, und sich an Schwester Maria wendend, sagte sie halblaut: „Ich fürchte, wir haben es da mit einer gefährlichen Person zu thun. Soll ich die Briefe erwerben? „Nicht nöthig" entgcgnete die Schwester. „Frl. Jlka hat in ihrer Aufregung aus den Zeitpunkt gar keinen Werth gelegt. Ich bin fest der Ansicht, sic bricht mit Sanders, ohne je Gelegenheit zu nehmen, mit ihm zu sprechen." „Liebe Frau" sagte jetzt hochmüthig Frau Braun, für die uns erwiesene Gefälligkeit habe ich Sie belohnt. Sorgen Sie nur dafür, daß Ihre Tochter, von der Sie gesagt, sie habe sich das Leben genommen, uns nicht mit Zudringlichkeiten behelligt; ich würde sie nicht kennen. Vornehm grüßend verließ sie das ■ Zimmer. „Hätte ich gemußt" sagte verdrießlich Frau Holm, daß diese stolze Jüdin mich derartig abfcrtigt, ich wäre um der lumpigen Paar Goldstücke nicht darauf eingegangen meine Tochter für todt auszugeben und die Briefe als Triumph gegen Sanders auszuspielcn." „Beruhigen Sie sich" entgcgnete die Schwester. „Wenn Herr Braun kommt, werden Sie auch von seiner Seite belohnt werden; die Frau ist kleinlich, geizig, er dagegen generös. Er hat mir selbst gesagt, daß cs ihm auf etliche Hunderte nicht ankommt, wenn ich Jlka's Vertrauen zu Sanders erschüttern kann." „Ja, die Hunderte und wohl noch mehr werden in Ihre Taschen gehen" cntgegnete Frau Holm. „Wir theilen redlich" beruhigte die fromme Schwester. „Sobald ich Geld erhalte, komme ich zu Ihnen!" _ (Fortsetzung folgt.) Jüdisch-deutsche Redensarten, erläutert und zuul Theil auf ihren Ursprung zuriickgcsilhrt von Lehrer I. Hcrzbcrg. 16. Das stnd Chalaumes mit Packwerk. In der biblischen Geschichte wird uns erzählt, daß, als Joseph in Folge der falschen Anklage der Frau Potiphar's '' im Gefängnisse saß, mit ihm zu gleicher Zeit daselbst zwei