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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 33 (1885) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
33 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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- 180 — sie sich zu jener Zeit Mutter und genas bald einer Tochter, die womöglich ihr Glück noch mehr erhöhte. Allein nach alter Latte und altem Brauche verließ sie zur selben Zeit der adelige Geliebte und weder sie noch ihr Kind cxistirte für ihn mehr. Das schlug eine tiese Wunde in ihrem Herzen, die nicht mehr heilen und vernarben wollte und nur um so blutender und klaffender wurde, als einige Monate darauf ihr Kind verschied. Trauernd zog sie sich ins stille Privatleben zurück und mehr als ein Jahr mied sie die Ocffcnllichkeit, schien sie wie ein Meteor aus der glänzenden Lichtbahn verschwunden. . . . Der Hang zum geräuschvollen Leben fing am Ende sich wieder in ihr zu regen an und abermals tauchte sie aus ihrer stillen Zurückgezogenheit empor, den LebenSreigcn aufs neue beginnend. Wieder betrat sie die Bühne, feierte neue Triumphe und versenkte sich und ihren nagenden Schmerz in ein Meer von wilden, tollen Leidenschaften. Der Gram jedoch wuchs ihr nur um so breiter und tiefer ins Herz hinein, und so lärmend die Wellen der Lust sie auch umgaben, den inneren Sturm tonnten sic nicht betäuben. Mitte» in jener Zeit erwachte in ihr urplötzlich ein mächtiges, ihr ganzes inneres Leben beherrschendes Gefühl, das sich „Heimweh" nennt. Wie mit Glühruthen trieb es sie von Ort zu Ort, von Gesellschaft zu Gesellschaft, ohne Rast und Ruh. Sie war nunmehr eine wandernde Künstlerin, die jeden Tag eine andere Bühne aufsuchte. Wohin trieb, wohin drängte cs sie? Suchte sie die verlorene Spur ihrer Mutter? Ob sie nur noch lebt, die kleine, arme Frau? Wer weiß, ob sie noch in dem kleinen Städtchen P. in der „alten Welt" zu finden ist? Ob nicht die Unglückliche vor lauter Gram lange schon gestorben? Und sollte sie dieselbe wieder finden, was werde sie ihr sagen? Was und wie werde sie mit ihr zu sprechen anfangen? Wie wunderbar! Sic, die Künstlerin, die vor tausend Ohren sprach, mit tausend Zungen und zu lausend Herzen, war um die ersten paar Worte verlegen, welche sie zu einer alten, armen, ungebildeten Jüdin sprechen soll! Wird sie die alte Mutter vor ihre Augen lassen, sie anhörcn wollen, sie, die mißratheue Tochter, die Abtrünnige, die ihrem Glauben, ihr Volk, dessen tausendjährige Leidensgeschichte, alles, was ihrer Mutter so heilig war, wie ein unnützes Zeug von sich fortgeworfcn hat? Wer so die viclbewunderte Künstlerin mit ihren: stolzen, majestätischen Gange einherschreiten sah, hätte cs wohl nie glauben mögen, daß ihr Herz so zerrissen, so krank und wund sei! Wie ein Höllcngcist jagte sie unaufhaltsam immer weiter, als müßte sie vor ihrem eigenen Schatten fliehen. Wo sie erschien, flogen ihr Blumenkränze, flogen ihr die im Sturm eroberten Herzen entgegen, und doch litt cs sie nirgends, schien es ihr überall, als ob der Boden unter ihren Füßen brenne. Es oräugte und jagte sie unaufhaltsam immer iveiter. So geschah cs, daß sie eines Sommcrtages mit einer Künstlertruppe in ihrem Gcburtsstädtchen S. anlangte. (Fortsetzung folgt.» Versöhnt! Original-Roman von Jda Barber. X. Intriguen. Die Alte seufzte, blickte starr vor sich hin und sagte: „Schwester Maria, was ich Ihnen mitgctheilt, hat mich hernach gereut; erzählen wir Niemandem davon; meine arme Theresia bekomme ich doch nicht wieder und für ihre Kleinen muß ich so wie so sorgen; da giebt mir Niemand etwas wenn sie hungern, ihren —" „Wem gehören diese Kinder" unterbrach Jlka den Redefluß der Alten. „Gnädiges Fräulein," erwiderte die Alte ausweichend, „erlassen Sie mir davon zu sprechen, sie sind für mich das Bermächtniß einer einzigen Tochter, die ich sehr geliebt und deren einziger Fehler ihre übergroße Güte war!" „Man sagte mir," forschte Jlka streng, „daß Ihre Tochter ein Bcrhältniß mit Or. Sanders gehabt und daß er sie verlassen; ich glaube das einfach nicht, weil ich vr. Sanders als Ehrenmann kenne!" „Ehrenmann?" höhnte die Alte. Ist der ein Ehrenmann, der einem Mädchen die Ehe verspricht, ihr Jahrelang all ihre mühsam erworbenen Spargroschen abnimmt und der sic dann, nachdem er eine Stellung gewonnen, treulos verläßt und" — Thrünen erstickten die Stimme der Alten. „Lassen Sic mich gehen, gnädiges Fräulein," bat sie, „ich mag davon nicht sprechen; Hütte ich gemußt, daß Sie mich deshalb haben herrnfcn lassen, ich wäre nicht gekommen!" „Haben Sie Beweise für das, was Sie vorhin sagten?" forschte Jlka. „Briefe und Geschenke die Sanders meiner Tochter gesandt, sind noch in Menge da" engegncte Frau Holm. „Ich will L>ie reich belohnen, wenn Sie sic mir bringen" drängte Jlka. „Ich mag mich von jenen Sachen nicht trennen," eutgcgnetc die alte Frau; „meine Tochter hat sic heilig gehalten und oft gesagt, daß sie, wcnii sic nicht mehr ist, ihre Kinder legitimiren werden. ■— „Ich will ihnen ja nichts von all den Dingen, die Ihnen wichtig scheinen, behalten; lassen Sic mich nur Einblick in die Briefe nehmen! Sie selbst können zugegen sein, wenn ich sic lese mib sie gleich wieder mit sich hinfort ne.,mni!" Nach langem Zureden ivilligte die alte Frau endlich ein, die Briefe zu holen. Jlka war in hochgradiger Aufregung. Sie kannte seine Schrift; sic wollte Klarheit haben und diese sollte ihr werden. Fiberhaft erregt griff sie nach dem Packet Briefe, das Frau Holm, als sie bald hernach wieder eintrat, ihr darrcichtc. Ihre flammende Röthe wich einer Leichenblässc, da sie jetzt die Briefe durchsah. Ja, das war seine Schrift! Das Herz stand ihr still, als sie da las: „Gedulde Dich, einzig geliebtes Mädchen, bis ich noch diese Prüfung überstanden, Alles, was Du für mich gethan, will ich Dir tausendfach vergelten. Wenn es wahr, was Du mir schreibst, so verliere die Hoffnung nicht. Du bist cinstweilcn bei Deiner Mutter, bleibe bis ich ein eigen Heim habe; Deine Mutter wird Dir zur Seite stehen, sie ist eine brave Frau; vor der Welt verheimliche einstweilen unser Verhältniß. Ich bedaurc aufrichtig, daß Du deshalb in Angst und Sorge lebst. — Du kennst mich ja, habe Vertrauen und sei überzeugt, daß ich, sobald ich selbstständig bin und die leidige Unabhängigkeit von meiner Familie aushört, Dich in Deine Rechte einsetzen werde!" Ein anderer Brief lautet: „Theuerste Therese! Deine Vorwürfe sind mir zu gerecht! Du erwartest mich täglich und ich kann und darf nicht kommen. Mein Vater läßt alle meine Schritte überwachen; er hat von unserem Verhältniß erfahre^ und ist, wie Du weist, dagegen. Ich muß auf meiner Hut sein, um ihn nicht zu verbittern. — In 8 Tagen reisen die Eltern auf's Land; dann bin ich frei; dann ist es meiir Erstes zu Dir zu eilen, Dich in »reine Arme zu schließen, mir von^ Dir Verzeihung zu erbitttcn. Mit tausend Grüßen Dein Ellimar." Sie blätterte weiter und weiter. Ja die vergilbten Blätter redeten eine nur zu deutliche Sprache. — Ellimar hatte schlecht an dem Mädchen, das er glühend zu lieben vorgab, gehandelt. Sie halte ihm Ehre und Ruf geopfert, und er konnte, ohne sein Versprechen, sie zu ehelichen, einzulösen, daran denken, den Ehebund mit einer anderen cinzugehen.

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