Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 33 (1885) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
33 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6492351-9586216-9585228--0421-9585229
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

f / M 33. Jüdisches 1885. /*// Hervnsgegebcn von Dr. Rahmer in Magdeburg. -4^ Jur Unttthultung u. Kelkhruug für -ie isruelitifche Jugend, Segen und Fluch. (Zinn Wochen Abschnitt Reeli.) Bon ~Dr. I. Go ld schmidt-Weitburg. — Eine dunkle Erinnerung. Bon Nathan Samuely. (gort[c|>uug.) — Versöhnt. Original-Roman von Iba Barber. (Fortsetzung.) — Jüdisch-deutsche Redenserten. Voll Lehrer I. Herzberg. — Allerlei für den Familientisch: Pompeji. — Bilder aus dem jüdischen Familienleben. Bon Albert Rosenbaum in Cassel. — Räthsel-Aufgaben und Räthsel-Lösungen. Segen «nd Fluch. (Zuin Wochen - Abschnitte Reell.) orn D3'3sb jm: '2)rr nm (v. B. M. 11,26.) n^pi ro-o Klaget nicht, daß so verschieden Ich die Gabe» ansgetheilet, Die bekümmert ihr hieniede» Kern vom Lebensglückc weilet. Ob ich reiche Gaben sende, Ob gering ist dein Vermögen: „Sich, ich leg' in deine Hände So de» Fluch als auch den Segen!" Sich, cs darbt im Neberslussc, Hier der Wicht in Höllcnqual, Nnd in seligem Gennsse Der Märtyrer schwelgt am Pfahl. Wie die äußere» Umstände Immer wechselnd sich bewegen: „Sieh, ich leg' i» deine Hände So de» Fluch als auch den Segen!" Ob Gewitter Dich »mbranscn, Ob dir lachet Lebenslust: Suche nicht dein Glück da draußen, Such' das Glück in deiner Brust. Du bist, wie es sich auch wende, Dem Geschicke überlegen; „Sich, ich leg' in Deine Hände So den Fluch als auch de» Segen!" Mensch, Du Herrscher hier auf Erden, Spotte des Geschickes Dräu'n: Glücklich kan» ein Jeder werden, Wer nur will, kan» glücklich sein. Nicht dcS Glückes Strahl dich blende, Zag' nicht vor des Unglücks Schlägen! „Sieh, ich leg' in deine Hände So de» Fluch als auch den Segen!" vr. I. Goldschmidt-Weilburg. Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung) Und wieder taucht ein neues Bild vor ihr auf. Sie sieht sich als Künstlerin. Die erste Stunde ihres öffentlichen Auftretens stellt sich ihr lebendig dar. — Ihre Pulse breuuen, das Herz hämmert ihr gegen die Brust. Ein Chaos von Gedanken, von tausend Gedanken und Gefühlen wogt in ihrem Innern und mitten in diesem Chaos taucht in ihr die Erinnerung auf: jetzt ist Freitag Abends! ... Der Vorhang schwingt sich während dessen langsam und feierlich in die Hohe — und da steht sie allein mitten auf der Buhne, ausgesetzt dem blendenden Lichte von tausend Gasflammen und tausend bewaffneten und unbewaffneten Augen. Und alle diese tausend Flanimcn und tausend Augen stechen, dringen wie blitzende Todcsgeschvffe auf sie ein. Sie wußte nicht warum, aber ihr erster Gedanke unter diesem Feuerregen von stechenden Augen und grellen Lichtern war — i^e Mutter. Sie sah sie auf einmal vor sich, die kleine. biedere Frau, wie sie mit stiller Andacht die Sabbatlichter anzündet. Ihre Füße wanken, sie glaubt sich einer Ohnmacht nahe. Plötzlich jedoch ertönt vom Zuschauerraume ein anhaltender Sturm, der sie wieder zu sich bringt. Zögern hilft nicht mehr, es braust, es tobt. So überläßt sie sich dem Zufalle und beginnt ans gut Glück ihre Partie zu singen. Zaghast anfangs, leise, zitternd, doch quillt es ihr immer voller, immer heller aus der Brust. Schmetternd glaubt sie ihre eigenen Töne vor und um sich fliegen zu sehen und sie selbst hebt cs wie auf Sturmesflügeln und trägt sie weit vom Zuschauerraume hinweg, weit und immer weiter. So war die Partie von ihr zu Ende gesungen. Und wieder erweckte sic ein neuer, unaufhaltsam brausender Sturm. Es war die vom lauschenden Publikum zurückgehaltene Begeisterung, die sich in einem donnernden Beifall Luft machte. — Sv war sie mit einem Schlage zum Idol, zum Abgott des Volkes geworden. Was waren das für Festlichkeiten, für Triumphe, die auf einander folgten! Sie sah ihren Namen in schwärmerischen Zeitungsartikeln, in Liedern und Huldigungsgedichten gefeiert. Eine Schaar von Anbetern krümmte sich zu ihren Füßen, ja Einem von ihnen stieg die Liebe so sinnverwirrend in den Kopf, daß er die Brände seines Herzens in den Donaufluthen abzukühlen suchte. Es waren Tage voll Siegestrunkenheit, voll berauschenden Weihrauchs. Alles kroch vor ihr im Staube. Grafen und Fürsten wetteiferten uni ihre Gunst, indeß sie stolz wie eine Königin über sie hinwegschaute und auf neue Eroberungen ausging. Es war für sie damals eine Zeit, in welcher ihr das Menschenherz blos Spielzeug war. . . . Was galt ihr damals das vergiftete Herz einer Mutter? Doch sollten bald auch ihr keine Bitternisse erspart werden. Ihr eigenes, stolzes, sich unüberwindlich glaubendes Herz gcrieth eines Tages in das Netz der Liebe, das sie für Andere ausgeworfen hatte, und blieb darin zappelnd hängen. Ein schöner, stolzer Jüngling war es, mit tiefblauen wunderbaren Augen und goldgelocktem Kopfhaare, an welchem das Herz der Feurigbrünetlen haften blieb. Nicht wie die Anderen kriechend, sondern stolz und mit vornehmer Zurückhaltung begegnete ihr der schöne, stolze Jüngling und diese eben ihr ungewohnte Art halte für das wildlaunige Mädchen den unwiderstehlichen Reiz der Neuheit. Je stolzer, je zurückhaltender er sich ihr näherte, um so glühender erwachte für ihn ihre Leidenschaft, um so fester klammerte sich ihr Herz an ihn. So gelang es ihm, das scheinbar unüberwindliche Herz zu bezwingen und unter seinem Banne festzuhalten. Sie fühlte sich aber auch unter diesem Banne so glücklich, allgemach sänftigte sich in ihr der Sturm der Leidenschaft, sie fand wieder die Harmonie in sich, die süße, verklärte Seelenruhe, die nur die echte Liebe gewähren kann. Auch fühlte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.