Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 32 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 127 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nach einer schlaflos durchwachten Nacht, in der sie das ach von wie Vielen bereits gesungene Lied von den finsteren Mächten und dem unter Thränen gegessenen Brode sich vorsagte, dämmerte endlich der junge Tag. Sie bat, da sie in heftigem Fieber lag, den Arzt rufen zu lassen. Als derselbe eintrat, phantasirte Jtka bereits stark; bedenklich schüttelte der erfahrene Mann den Kops. Er verordnete Eisumschläge, gab eine beruhigende Mediein, kam nach Ablauf einer Stunde wieder und da er den Zustand keineswegs besser fand, forderte er die Zuziehung eines anderen Arztes. Man hielt nun Tag für Tag Coneilien, die ersten Professoren wurden zu denselben znsammenberufen, sie Alle wußten gar bald, daß hier ihre Kraft Nichts vermochte. Das junge, noch vor Kurzem blühend schöne Mädchen war aufgegeben. — RathtoS standen die Eltern an ihrem Lager; sie sahen, wie die Pulse flogen, hörten, wie die Tochter jammerte und ihr Schicksal anklagte, daß sie von dem Geliebten getrennt, und wenngleich das einfach menschliche Gefühl ihnen zehnmal znries: Gebt nach! Rettet Euer Kind! Bringt sie in normale Verhältnisse, daß sie wieder gesunde! — sie blieben bei ihrem Starrsinn, waren bereit, eher die Tochter, als ihre goldenen Zuknnstspläne zu opfern. — Jndeß die Jugendkraft siegte; eine Krisis trat einige Tage hernach unerwartet ein; der Puls wurde ruhiger, das Fieber ließ nach, das Phantasiren hörte auf, allmälig stellte sich auch ein gesunder Appetit wieder ein, Jlka war zwar noch wochenlang an das Bett gefesselt, unendlich schwach und hilflos, die Gefahr aber war geschwunden und sicherste Hoffnung, sie dem Leben zu erhalten, vorhanden. Eine fromme Schwester halte in dieser Zeit in ihrer Eigenschaft als Jlka's Krankenpflegerin einen wunderbaren Einfluß aus sie geübt. Da in den Tagen und Wochen, als Jlka unendlich schwach, jeder Einflüsterung zugänglich, fast gar keinen eigenen Willen, keine selbstständige Meinungsäußerung hatte, wußte Schwester Maria (der von der Oberin eine hohe Belohnung versprochen war, wenn sie das in sie gesetzte Vertrauen rechtfertige), ihren Ansichten geneigt zu machen. „Ihre Krankheit, meine Freundin," sagte sie ihr, „war ein Länterungsproeeß; Sie mußten ihn durchmachen, um nicht nur leiblich, sondern auch seelisch zu gesunden. — Da Ihre ganze Familie sich bereits unserem Glauben zugewendet, Ihr Vater als aufgeklärter, seine Zeit verstehender Manu mit den alten Traditionen gebrochen, dürften Sie, seine Tochter, ihnen nicht treu bleibe». — Sie sehen, der Gott der Liebe verzeiht Ihnen, hat Sie zu neuem Leben gesunden lassen, ein Wunder an Ihnen gethan; danken Sie ihm dieses neue Leben, indem Sie es seinem Dienste weihen, gleich den Ihrigen ihm in Liebedienen, sich offen zu seinerGemeinde bekennen!" Anfänglich hatte ^lka für derartige Einflüsterungen nur taube Ohren; indeß Schwester Maria wußte ihre Schwäche zu benutzen. Wieder und wieder und anscheinend absichtslos lenkte sie ihre Gespräche auf die Tröstungen, die die christliche Kirche deni gebrochenen Herzen bietet, auf all' die Freuden, die der geläuterten, gläubigen Seelen warten: aus all' die Seligkeit, die in der Kindesliebe, der erfüllten Pflicht, dem Gehorsam und der Unterordnung liegt. „Das Weib," wußte sie ihr klar zu machen, „hat keinen eigenen Willen; es muß sich fügen, gehorchen, dienen lernen; ihr, der Tochter eines so strebsamen, intelligenten Mannes, dem sich die höchsten Ehren und Auszeichnungen bieten, sei eine hohe und schöne Ausgabe geworden, die sie erfüllen müsse. Indem sie nach des Vaters Wunsch dem Grafen Zandos ihre Hand reiche, werde auch dem Vater der wohlverdiente Adel zu Theil und damit seines Lebens Wunsch erfüllt werden." „Um ihm den Adel zu ermöglichen, soll ich mich opfern?" fragte Jlka. „Sie werden beneidet werden," entgegnete ausweichend die Schwester, „von Allen, die Sie kennen. Welche Tochter kann mit Stolz auf eine gleiche Auszeichnung, die sie ihren Eltern ermöglicht, Hinweisen'? Graf Zandos hat einflußreiche Verbindungen, Protectionen,; was Ihrem Vater als Privatmann nicht erreichbar, erreicht er mit Leichtigkeit, wenn er für seinen Schwiegervater um Etwas bittet. Und," fuhr die schlaue Schwester beredter fort, „sind Sie allen Ernstes Ihrem Vater diese Genugthuung nicht schuldig, nachdem er Ihretwegen, Sie den bigotten Verwandten und deren Einfluß entrissen, Sie davor bewahrt, daß Sie jenem Manne Ihr Leben einen, der, ein echter Don Juan, Sie wie so viele Andere verlassen Hütte, nachdem er —" „Von wem reden Sie?" unterbrach das sonst theilnahmlos daliegende Mädchen. „Von Or. Sanders," entgegnete, der flammenden Rothe der Kranken nicht achtend, die Schwester, und fügte hinzu: „Wissen Sie etwa nicht, daß er hier bereits ein Mädchen, die sich seinetwegen das Leben genommen,." „Wagen Sie es nicht." unterbrach Jlka hoch auffahrend, „jenen Mann zu verlüumden, dessen Charakter über allem Zweifel erhaben!" „Ich verläumde nicht!" entgegnete ruhig Schwester Maria. „Ich kann Ihnen die Mutter jenes unglücklichen Mädchens, das er mit ihren zwei Kindern verlassen, ohne auch nur im Geringsten für ihren Unterhalt zu sorgen, vorführen. Die unglückliche Theresia Holm fand ihren Tod in den Finthen der Donau, ihre Kinder sind bei der alten Frau, die, als sie Or. Sanders bat, etwas für die Armen zu thun, von ihm die Treppe hinuntergeworfen wurde und, als sie ihn Tags darauf, da er mit seiner Courtisane, einer Theaterdame ausfuhr, ans offener Straße beleidigte, von ihm den Gerichten angezeigt wurde!" „Das ist eine Lüge! eine schamlose Lüge!" rief Jlka empört. „Einer solchen Handlung wäre ein Mann wie Sanders fähig? Bringen Sie mir jene Person! Mir wird sie es nicht ins Gesicht zu sagen wagen, oder wenn sie es wagt—" „Ereifern Sie sich nicht," unterbrach die Schwester begütigend. „Ich kenne jene Frau seit Jahren als eine ruhige, brave Person; ihre Tochter galt als Schönheit ersten Ranges; Or. Sanders war, als er sie kennen lernte, arm; — er versprach ihr die Ehe und nur darauf hin gestattete ihm Frau Holm Zutritt zu ihrem Hause." „So bringen Sie mir doch diese Frau!" ries Jlka erregt. „Noch heut will ich sie sprechen, um von ihr zu hören, was Wahrheit, was Dichtung an der Sache." „Sie wohnt nur einige Gassen von hier entfernt: wenn Sie einen Diener hinschicken, kann sie in einer halben Stunde hier sein!" entgegnete die Schwester. Der Diener wurde entsendet und kam bald hernach mit einer alten, ärmlich gekleideten Frau zurück. „Erzählen sie der Dame," sagte die Schwester, sie an der Hand hereinführend, „wahrheitsgemäß, was Sie von Dr. Sanders wissen!" Jlka horchte gespannt; sie blickte in die gramdurchfurchten Züge der alten Frau und sagte sich, daß diese Frau nicht gerade ausschaute, als ob sie einer Berläumdung fähig sei. __ (Fortsetzung folgt.) Eine Erzählung aus dem Tauchuma*). „Nicht die Theorie, sondern die Praxis ist die Hauptsache." Das lehrt die Erfahrung Rabbi Simeons. Einst bat er den Herrn um die Gnade, ihn seinen Platz im Paradiese sehen zu lassen, und siehe, da befand er sich neben einem Fleischer. Nachdenklich und erstaunt sprach er: Hab' *) Editio Buber Bd. I. p. 68.