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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 32 (1885) · p. Seite 126

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
32 (1885)
Date
1885-01-01
Page
Seite 126 (sequence 2)
Language
German
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— 126 — Es ist eine einfache, traurige Geschichte. — Ein jüdisches Mädchen aus der „alten Welt", von Natur mit einer wunderbaren Stimme begabt, wurde im Verlaufe von einigen Jahren eine Künstlerin, betrat in vielen großen Städten Europa's die Bretter, welche die Welt bedeuten und riß die Herzen im Sturme hi», Bei allem Ruhm jedoch, bei allen Huldigungen, die man ihr von allen Seiten entgegcnbrachtc, fand sie keine Ruhe, keine innere Harmonie in sich, fühlte sie eine» nagenden Wurm, der in ihrem Herzen nicht zu wühlen aufhörtc. Wohl berauschte sie sich eine Zeit lang mit dem Weihrauch, der ihr von allen Seiten gespendet wurde, doch fehlte es bald auch nicht an einer furchtbaren Ernüchterung und in solchen Augenblicken tauchten vor ihr wie aus einem Erscheinungsthal alte Erinnerungsbilder auf und zogen wie unheimliche, mahnende Schatten an ihr vorüber. Zuerst ihr Kindesalter. Noch ist sie ein kleines Kind, arm, unwissend und glücklich, umgeben von ihren Eltern, die ebenfalls arme, unwissende und glückliche Leute sind. Da fällt cs wie ein Blitzstrahl mitten in die stille Stätte des Friedens. Ihr Vater fällt als Opfer der Grausamkeit eines Grafen. Eine arme Wittwc zurückgeblieben, hängt sich ihre Mutter mit allen Fibern ihrer Seele an sic, ihr einziges Kind, liebte sie innig, heiß, leidenschaftlich, fast rasend, so daß es sic noch jetzt kalt überläuft, wenn sic an jene fast wahnsinnige Mutterliebe zurückdenkt. Mit derselben unheimlichen, wilden Leidenschaft aber, mit welcher ihre Mutter sic liebt, haßt sic nach dem Tode ihres Mannes Alle, die nicht ihrer Religion angchören — es ist ein wilder, fanatischer Haß, der immer breitere, tiefere Wurzeln in ihrem Herzen schlägt und den sie auch ihr wie eine Giftpflanze ins Herz zu legen und mit ihren Thränen sattsam zu tränken und groß zu ziehen sucht. Just zu dieser Zeit lodert es in ihrem kindlichen Herzen ans, ein brennendes Dürsten und Verlangen nach etwas Unbekanntem, ihr selbst unbewußten Ahnungsvollem. So schließ der erste Act ihres Lebens. Und wieder entrollt sich ein neues Bild vor ihren Augen. Sie ist beit Kinderjahren entwachsen, Das Unbekannte, Ahnungsvolle wird zu Hellem Bewußtsein, sie weiß, daß ihr Gott einen Schatz in die Kehle gelegt, eine übersprudelnde Gesangsquelle. Die Vorsehung jedoch wählt sich ihre eigenen Wege, durch welche sie den Menschen zum Ziele führt. Der Mann, den ihr Gott zum Lebenslenker bestimmt, der das Werk ihrer Ausbildung übernahm, ist kein Anderer als ein Christ, einer von den Bekenner» jener Religion, gegen welche ihre Mutter einen so unversöhnlichen Groll hatte. Der Direktor jener Schauspielcrgesellschaft ist es, dem ihre wunderbare Stimme auffiel und der es übernommen, sie auf seine Kosten zur Künstlerin heranzubilden. So entfloh sie eines Abends heimlich dem Hause ihrer Mutter. Das war damals für sie eine Zeit harter Bedrängniß, stürmischen Kampfes von Innen und Außen. Wie ejn Schatten hetzte ihr ihre Mutter von Stadt zu Stadt, von Ort zu Ort nach. Sehen wollte, durfte sie ihre Mutter nicht, mochte ihr Herz noch so sehr dabei bluten, denn es wäre um ihre ganze Zukunft geschehen. Zuerst brachte man sie nach Krakau, wo sie den ersten Elementarunterricht genoß, wo sie Schreiben und Lesen lernte. Schon umgab sie eine Schaar von Anbetern, die ihr Weihrauch streuten; doch was begriff davon ein Kind, das vor erst kurzer Zeit irgend einem Winkelchen der alten Welt entschlüpfte? Dazu schreckte sie jedesmal der Schatten ihrer Mutter auf, von dem sie sich überall verfolgt, überall umgeben sah. Später kam sie nach Camberg, wo der Unterricht ernster wurde, die Lehrgegenstände bedeutend Zunahmen, wo sie das Conservatorium besuchte. Später kam sie nach Prag, allwo sie eine Zeit lang im Nonnenkloster zubrachte. Ihre neuen Erlebnisse, der sich immer mehr erweiternde Gesichtskreis und die frohen Eindrücke, die sic in der letzten Zeit empfing, verdrängten nach und nach die farblosen, düsteren Bilder ihrer Jugend aus ihrem Herzen. Was konnte sie noch an ihre Religion fesseln, nachdem sie mit ihrer Vergangenheit ein für alle Mal gebrochen hatte, da eine neue, glänzende Welt sich immer mehr vor ihr auflhat? Sie kam sich wie eine Pflanze vor, die man mit den Wurzeln aus dem öden, trockenen Boden ihrer Heimath herausgcrissen und unter einen freundlichen, sonnigen Himmelsstrich verpflanzt. Fort also mit dem moderigen Uebcrrest alter Erinnerungen, fort mit dem alten Glauben! — So schließt der zweite Act ihres Lebens. _ -Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 13 Original-Roman von Id a Barber. lFortsetzung.) X. Intriguen. Endlich, endlich war die Reise überstanden. „Steigen wir aus," mahnte der Vater. Jlka versuchte, sich zu erheben; sie fiel wieder in die Kissen des Wagens zurück. „Ich kann nicht!" sagte sie tonlos; „es ist mir, als sei jede Kraft aus meinem Körper gcschivundcn. Der rathlose Mann blickte zum Coupsfenster hinaus. Dort stand bereits sein Diener, der ihn erwartete, da er seine Ankunft telegraphisch gemeldet. „Die gnädige Frau nicht hier?" fragte er zum Fenster hinaus. „Die gnädige Frau," erwiderte jener, „ist zur Frau Baronin Collcni gefahren, deren Tochter krank ist!" „Sollte sich um ihre eigene Tochter kümmern," brummte Alois Braun in den Bart, „'s wäre wahrlich heute nicht dahin gekommen, wenn sie —" Da jetzt der Diener näher trat, um beim Aussteigcn behlllflich zu sein, schwieg er. Jlka richtete sich mühsam auf und sich, wenngleich widerstrebend, auf den Arm ihres Vaters stützend, wankte sie bis zum Wagen und sank fast ohnmächtig in demselben zusammen. Vor dem Elternhause angelangt, brach sie in heftiges Schluchzen aus. — Ahnte sie, was ihr nach dem kurzen Glücksrausche, den sie durchlebt, bevorstand? Mit Hülfe von schnell herbeigcrufenen Dienerinnen ward die tief unglückliche Tochter des reichen Mannes in ihr Zimmer geführt. Der Vater kümmerte sich nicht weiter um sie, er hatte seine Pflicht gcthan und sie heimgeholt, die Mutter war nicht zugegen, keine theilnchmendc Seele, der die Arme ihr Leid hätte klagen, von der sie ein beruhigendes Wort Hütte erwarten dürfen. „Wo ist Claire?" fragte sie die Dienerin; „lassen Sie sie zu mir rufen!" „Man hat verboten, daß Claire mit dem gnädigen Fräulein zusammen komme!" entgcgncte die Dienerin. Jlka war es, als fühlte sie einen Stich durchs Herz gehen. Der Schwester hatte man sie wahrscheinlich als eine Verfehmte hingestellt, deren Umgang zu meiden sei, sonst wäre ja das gute, zutrauliche Kind ganz von selbst zu ihr gekommen. Eine Viertelstunde später hörte sie einen Wagen Vorfahren. „Die gnädige Frau!" sagte das Kammermädchen. Vergeblich wartete Jlka Stunde auf Stunde, daß die Mutter zu ihr komme oder sie rufen lasse. „Will man mich mit stiller Verachtung strafen?" fragte sie sich, „gerade jetzt mich allein lassen, wo ich des Trostes des mütterlichen Zuspruchs so bedürftig wäre?" Unwillkürlich gedachte sie der Tante Rosa und ihres innigen Einvernehmens mit der Cousine. Die beiden Frauen schienen ein Herz und eine Seele zu sein, nur für einander zu leben, eine der anderen Gedanken zu crrathen.

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