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Jüdisches Familienblatt · 1885-01-01 · 32 (1885) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1885
Issue
32 (1885)
Date
1885-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches M 32. 1883. HcrauSgcgcben von l)r. Rahmer in Magdeburg. Jur Zlntkrhaltung«. Mehrung für die israelltische Jugend, -- 4 t Moses Montefiorc. Von Richard Landau, Berlin. — Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung.) SHMli: Versöhnt. Original-Roman von Jdtt Barbcr. (Fortsetzung.) — Eine Erzählung aus dem Tanchuma. Von Ignatz Kaufmann. ' Tie Wirkung der „Tefilla". — Räthsel-Aufgabcn und Räthsel-Lösungen. Moses Montestore. Welch' Lchincrzcnsruf diirchdriugt ganz Israel! Es weint, — und mit il»n klagt die ganze Welt! — Der Tod eiitrist das köstlichste Juwel, Das je der Menschheit Diadem erhellt. Der Mann, der Helfer war in aller Noth, Der de» Bedruckten reichte seine Hand, Der milde» Drost de» Armen gab und Brot, Der Liebe gab »nd Liebe wieder fand — (fr ist nicht mehr! — Zu seinem Gott entschwebt, De» treulich er in seinem Herzen trug, Ist »n» der Greis, der hundert Jahr' gelebt, Dcfi Herz stets jngcndfrisch der Menschheit schlug! Und doch — er lebt! wird leben alle Zeit! Nimm dies als Drost, mein Volk! in Deinem Schmerz: „Wer sicht für das Panier der Menschlichkeit, Baut sich ei» Denkmal, dauernder als Erz'!" Berlin, den 30. Juli lass. Richard Landau. 6) Eine dunkle Erinnerung. Non Nathan Samnelh. (Fortsetzung) Inzwischen sah die arme Mutter in ihrem kleinen Dachstllbchen und envartete mit pochendem, flatterndem Herzen ihr einziges Kind. —Was geht mit ihr seit einiger Zeit vor? wühlte es in ihren, Innern. — Warum kommt sie jetzt so spät nach Hause? Sie ist ja gar nicht dieselbe Ester mehr, die sie früher war! — Ein Gedanke, scharf und schneidig, wie ein blankes Schwert, schnitt ihr plötzlich mitten durch's Herz. — Grosser, barmherziger Gott! schrie sie ängstlich auf. — Ist sie vielleicht nicht mehr das, was eine jüdische, züchtige Tochter sein soll? — Der Strumpf mit den Stricknadeln entglitt ihren zitternden Händen, mit einem leisen Geräusche zu Boden fallend. — Barmherziger Vater im Himmel! flehte sie leise in sich, laß keinen sündhaften Gedanken in meinem Kinde aufkomme», erhalte ihr das Herz rein und lauter. Bewahre sie, daß sie vom Pfade der Tugend nicht abirre, Du guter, gnadenreicher Gott, und wenn ein böser, sündhafter Hauch ihr das einst so reine, lautere Herz getrübt, so verscheuche ihn von dort und laß einen neuen Geist, einen Geist der Tugend und der Keuschheit, ihr ins Herz ziehen! Die Tage kamen und verschwanden und immer reißender nahmen die inneren Zerwürfnisse in Esterka zu, immer verwirrender und verstrickender. Die einstige Gutmüthigkeit ihres Wesens wich in ihr einem störrischen Geiste, der bei jeden, „och so geringfügigen Anlässe zum Ausbruche kam. In ihrem Tone lag jetzt immer eine Gereiztheit und Erbitterung, ja nicht selten fuhr sie ihre Mutter heftig an: „Das ist ein Leben hier," sagte sie, „tobt und dumpfig wie wie im Grabe. Warum hast Du mich das Leben nicht kosten lassen? Meinst Du, daß Gott Gefallen daran finde, daß wir ohne Gefühl und Empfinden, wie Todte mitten in diesem blühenden Leben herumgehcn? Nein, so will es nicht Gott!" Die arme Mutter meinte, als sie diese unverständlichen Worte von ihrer Tochter hörte, ihr Kind rede irre, und Alles, was sic darauf antwortete, war ein langer, blutiger Seufzer. — So sah sie, die arme Mutter, wie ihr einziges Kind sich ihr immer mehr entfremdete, wie sich etwas wie ein unsichtbarer Dämon zwischen ihr Herz und das ihres Kindes drängte, wie alle ihre einst so schönen Hoffnungen nach und nach erloschen und nur wenig fehlie, daß auch der letzte Schimmer weggeblascn werde. Dieses Wenige ließ auch nicht lauge auf sich warten. In der alte» Welt trug sich an einem jener Tage ein schreckliches Ereigniß zu. — Die einzige Tochter der Wittwe Sara, erzählten sich die hier überall zu Gruppen angesammelten Leute, die einzige Tochter der Wittwe Sara sei diese Nacht aus dem Hause ihrer Mutter verschwunden. — In derselben Nacht verließ auch die Künstlergesellschaft das Städtchen S. Auch die Wittwe Sara verließ Tags darauf ihr Dachstübchen und begab sich, wohl das erste Mal in ihrem Leben, in die „neue Welt", wo sie wie ein irrender Schatten sich überall herumtricb, in allen Häusern, in allen Ecken und Winkeln. Zwei Tage später verschwand auch sie aus dem Städtchen S. und viele Tage und viele Wochen und viele Monate verflossen, ohne daß man von ihr etwas hörte, so daß jede Lebensspur von ihr verloren schien. Da geschah es eines Tages, daß sie wieder in der „alten Welt" auftauchtc. Ein gebückte Greisin kehrte sie von einer langen Wanderung zurück, fahl und todcsbleich, als hätte die Erde sie, eine Leiche, ausgespiecn. Sie sprach wenig , fast nie, doch lag immer ein grausiges Lächeln wie versteinert auf ihren Lippen. Tagsüber arbeitete sie schwer und rastlos, die Nächte hingegen brachte sie theils in stillen Gebeten, theils beim kleinen Fensterchen ihres Dachstübchens zu, durch welches sie stundenlang in's Leere starrte. Jeden Tag erschien sie, wie einst ihre Tochter, bei Moschko in der Schenke, wo sie ihre Waare ausbot. Vor dem St. Anna-Kloster blieb sie in der Regel stehen und schaute zum Portale hinauf, über welchem ein Heiligenbild gemalt war. Dasselbe wiederholte sich im Sommer wie im Winter. Nur einen Tag im Jahre, nämlich an dem Jahrestage, an welchem ihre Tochter verschwunden war, zeigte sie sich weder in der neuen noch in der „alten Welt". In ihrem Dachstübchen schloß sie sich damals den ganzen Tag ein, zündete wie nach einem Todten ein Wachslicht an und brachte so den ganzen Tag in Beten und Fasten zu. So verflossen viele, viele Jahre.

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