Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 31 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Kaum hatte der Diener geendigt, als auch schon Alois Braun wie ein Rasender bereinftürmte, toirect aus seine Tochter zueilte, ihr de» Brautschleier und den Myrthenkranz vom Kopse riß und sie mit sich hinausziehen wollte. „Vater, Vater!" bat die junge Frau, sich vor dem erzürnten Manne ans die Knie werfend, „verzeih, daß wir ohne Dein Wissen —" „Du bist eine ungeralhene Tochter!" unterbrach sie zornfunkelnd der erzürnte Mann: „Unehre nnd Schande bringst Du in mein Hems, alle meine Pläne durchkreuzest Du! Nicht werth bist Du. daß Dich die Sonne bescheint, wenn Du der gemeinsten Dirne gleich —" „Halt ein, Bruder." rief jetzt Leo Braun, dem schon längst die Zornesader aus der Stirn geschwollen war, „Deine Tochter stand unter meinem Schutz! Ellimar ist ein Ehrenmann, der. obgleich sie dem Vaterhause fern, obgleich sie jetzt sein angetrautes Weib, fei» Recht sie zu besitzen nicht eher geltend gemacht hätte, bis Du Deine Einwilligung gegeben! Noch heul wäre er allein abgereist." „So mag er reisen," unterbrach unwillig Alois Braun, „ich kenne ihn nicht, werde ihn nie arierkennen, habe mit meiner Tochter ganz andere Pläiie vor. als sie einem hergelaufenen Winkelschreiber zu geben, der —" „Mein Herr," nahm jetzt Dr. Sanders das Wort, „nähme ich nicht Rücksicht ans Ihre Tochter, die jetzt mein angetrautes Weib ist, bei Gott, Sie sollten mir Rede stehen! Jndeß will ich Ihrer gereizten Stimmung Rechnung tragen bitte Sie aber, sich zu mäßigen, mit mir zu verkehren, ohne mich zu beleidigen! Ihre Tochter —" „Meine Tochter," unterbrach unwillig Alois Braun, „geht Sie gar nichts an. Ich bin von guten Freunden rechtzeitig aus die Contödie, die man hier aussührte, aufmerksam gemacht worden; deshalb bin ich hier, hoffentlich noch zeitig genug, um von meiner Famile einen Makel fern zu halten, der sie entehrt hätte!" „Mein Name ist so rein wie der Ihrige," entgegnete stolz Dr. Sanders, „Ihre Tochter wird als die Frau eines geachteten Rechtsgelehrten —" „Sparen Sie sich jede Auseinandersetzung," schnitt ihm der erzürnte Vater kurz ab. „Meine Tochter ist seit Jahresfrist dem Grasen ZandoS bestimmt; sie ist heut noch ein Kind, das sein Glück von sich stößt, wird es mir aber in späteren Jahren danken, daß ich sie davor bewahrt, sich zu — verkauaillisiren!" „Bruder, wohin führt Dich Dein Hochmuth," konnte sich Leo Braun nicht enthalten auszurufen. Dein uuschuldsvolles Kind ivolltest Du wirklich jenem charakterlosen Wüstling opfern, beit seine Familie verstoßen, der —" „Ich habe Dich nicht um Deine Meinung gefragt," sagte verächtlich der in seinem Stolz beleidigte Mann. „Mir ist es eine Ehre, Graf Zandos in meine Familie eintreten zu sehen, das mag Dir genug sein!" Jlka saß weinend in einem Fauteuil und schien all der bitteren Worte, die da wie Pfeile hin und her flogen, nicht zu achten, als aber jetzt ihr Vater aus sie zutrat und sprach: „Du folgst mir augenblicklich!" da fühlte sie, als ob ihr Herz sich krampfhaft zusammenschnüre. „Vater! Ich beschwöre Dich," ries sie schluchzend, „laß mich bei Ellimar, gewähre —" „Ich kenne keinen Ellimar," unterbrach sie der erzürnte Mann. „Deine erste Pflicht ist es jetzt, in das Vaterhaus zurückzukehren. Wirst Du einwillioen, in acht Tagen vor aller Welt die Braut des Gras-.. Zandos zu sein, so sei Dir Dein Fehltritt verziehen, wenn nicht —" „Wie kann ich des Grasen Braut sein," unterbrach angsterfüllt die Tochter, „wenn ich Ellimar angetraut bin!" „Du glaubst doch nicht, daß ich dieses Puppenspiel für Ernst nehme?" unterbrach sie in hochgradiger Aufregung der Vater. „Bei mir gelten derartige Rarrenspossen nicht! Und wahrlich." setzte er, sich zu seinem Bruder wendend, „ich hätte erwartet, daß Du eine ungerathene Tochter, anstatt ihre sträfliche Neigung zu begünstigen, aus den Weg der Pflicht und des Gehorsams zuriicksührst!" „Schwager," sagte jetzt Frau Rosa vortretend, „Jlka wird 'mit Ihnen gehen, wenn Sie mir versprechen, sie nicht zwingen zu wollen, einem Andern anzugehören! Lernen Sie Ellimar kennen, gewähren Sie ihm Zutritt zu Ihrem Hause, ich bin sicher —" „Beste Schwägerin." unterbrach sie Alois Braun, „sparen Sie Ihre Worte. Man plagt sich nicht wie ich ein ganzes Leben lang, um keinen höheren Ehrgeiz zu kennen, als sein Kind an einen Mann ohne Rang und Stellung zu verheirathen. Ich liebe mein Kind, obgleich ich in ihren Augen vielleicht ein Rabenvater bin, mehr als Ihr, und gerade weil ich es liebe, will ich ihm Rang und Stellung sichern, denn ohne diese gilt man Nichts in der Welt!" „Du wirst ihn nicht eines Besseren belehren," sagte Leo Braun zu seiner Gattin; „er ist mit Blindheit geschlagen und wird erst sehend werden, wenn es zu spät ist und er sein und ihr Lebensglück vernichtet hat!" „Arme, arme Jlka," jammerte Leah, „was willst Du thun?" „Sag' Du es," bat Jlka den rathlos an ihrer Seite stehenden Mann, in dem die widersprechendsten Gefühle auf- und abwogten. „Folge Deinem Vater," sagte Ellimar nach einigem Zaudern. „Ich werde Gelegenheit haben, ihn zu überzeugen, daß ich würdig bin, in seine Familie einzutreten. Noch habe ich einflußreiche Freunde genug, die besser, als ich selbst für mich sprechen können! Der Minister selbst —" „Jlka, mach Dich fertig!" unterbrach ihn Alois Braun, „in einer halben Stunde müssen wir an der Bah» sein!" „Vater, Vater!" bat noch einmal in Thränen fast erstickend die Neuvermählte, „Du weißt nicht, was Du von mir forderst! Sei nicht grausam, denke, daß Du mir all mein Lebensglück nimmst, wenn Du —" „Wirst Du endlich aufhören, mich mit Deinen Jeremiaden zu quälen," ries wäthend der Vater; „ich will, daß Du auf der Stelle mitkommst, oder ich werde Deine Schande in allen Blättern bekannt machen. Dich —" „Jlka, folge Deinem Vater," bat Ellimar kreidebleich. „Du bist mein! Keine Macht der Welt kann Dich zwingen, einem Andern anzugehören! Ertrage die Tage der Prüfung mit Geduld!" Noch eine Umarmung, ein Kuß; — ihrer Sinne kaum mächtig, wankte die junge Frau, auf den Slrtn ihrer VaterS gestützt, hinaus, ohne den zurückbleibenden Verwandten auch nur ein Dankeswort zurufen zu kön.nen. Als sie aus ihrer Betäubung erwachte, befand sie sich bereits im Eisenbahnwagen. Dahin brauste der Zug durch die Gegenden, die ihr noch gestern so paradiesisch schön erschienen. Heut war es ihr, als ob sie mit grauem Nebel verschleiert wären; ihr Herz schien erstorben, ihr Blick umflort; — sie wußte kaum, wie sie nach dieser Zeit noch würde leben können. Der Vater saß ihr gegenüber, still, mürrisch, sie mit vorwurfsvollen, ja verächtlichen Blicken betrachtend. Was hatte sie von ihm zu hoffen? Wollte er sie wirklich zwingen, ihrer Liebe zu eicksagen? Ja, was noch grausamer, jenem Andern anzugehören, den nicht sein Vaterherz, sondern sein Ehrgeiz für sie bestimmt? Stunde aus Stunde verging, ohne daß eines ein Wort sprach. Jlka wies die ihr dargereichten Speisen zurück; vom Hochzeitsmahle hatte man sie hinweggerissen, von dem Manne ihrer Wahl getrennt, wie konnte itjr da, obschon sie vollständig erschöpft, ermattet und sicher der Stärkung bedürftig war, etwas munden? (Fortsetzung folgt.)