Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 31 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 122 träumend, Aus dem anstoßenden Zimmer drangen die wirren, heiseren Rufe der Spieler und Zecher hervor, sie jedoch schien in einer anderen Welt, in einer Welt von wunderbaren Träumen verloren. Da krächzte cs hart in ihrer Nähe, „Cha, Cha, Cha! Wie verblüfft!... Kleine Joslowna*) hört gern Musik, . . Wenn Du erst mich höre» solltest, , , . Meiner Seel', ein schönes Mädel, zum Küssen schön , . , bin ja ganz verliebt , , , . Cha, cha, cha! ., Hart an ihr Gesicht drängte sich die rothc Nase des Herrn Piawski wie eine große, lohe Flamme heran. Das schreckte sie aus ihren Träumen aus, hastig griff sie nach der Klinke und verschwand , . , * * * „Was geht denn mit meinem Kinde vor?" fragte sich heute die arme Mutter, voll banger Ahnungen, wohl schon zum hundertsten Male, „Warum ließ sie heute ihr Abendmahl unberührt stehen? Warum sprach sie kein einziges Wvrt zu mir, sang nicht wie allimmer ihr schönes, lustiges Liedchen? Warum begab sie sich heute so früh zu Bette?" Sie glaubte, die liebende Mutter, ihre Tochter schlafe, und wagte kaum laut aufzuathmen, indcß jedoch lag sie nur so mir geschlossenen Augen und überließ sich ihren Gedanke», die wie ein Bienenschwarm ihr Haupt umschwirrten. Wie eine Binde, dachte Cstcrka, sci'S auf einmal von ihren Augen gefallen und Dinge, nie geahnt und nie gekannt, tauche» lichthell vor denselben auf. Mitten in ihre Gedanken hinein schien es ihr, töne noch immer jener wunderbare Gesang, aus welchem das Wort „Leben" jedesmal brausender und stürmischer hervorklingt, „Leben — bebten leise ihre Lippen nach. „Auch ich lebe, doch fühlte ich es? Ist cs Lebe» zu nennen, wenn man es nicht fühlt? Gestern, als ich jenen Gesang vernahm, wußte ich, daß ich lebe, weil ich es gefühlt, weil ich cs empfunden!" Ein kalter Schweiß durchrieselte alle ihre Glieder, Dieser Gedanke überraschte und erschreckte sic, er war ihr neu, fremd, unbekannt, schien ihr wie von Jemandem zugeflllstcrt zu sein, Jndeß spann und dehnte er sich wie ein Netz um ihr ganzes Herz. „Groß, schön, blühend ist das Leben," sprach es in ihr unaufhaltsam weirer, „tausend Stimmen in jenem wunderbaren Gesänge erzählen es mir, ach, wie möchte ich es kennen, jenes schöne, blühende Leben!" Wollte sie auch, das arme Kind aus der alten Welt, jetzt wieder in ihren alten Lcbenssumpf zurückkehren, sie vermochte es nicht mehr, weil ja der erste Frühlingssturm ihr Herz bereits aufgewühlt, aus demselben die ersten Blütheu bereits hervorgetrieben hat. Des nächsten Morgens, als Esterka mit etwas verstörtem Gesichte sich aus dem Bette erhob uud sich angckleidet hatte, näherte sich ihr ihre Mutter voll Besorgniß in den Mienen und fragte sie, um nur irgend eine» Lorwand zu haben, mit ihr zu sprechen, ob sie schon das Morgengebet verrichtet habe. „Noch nicht," erwiderte sie mit tonloser Stimme und schlug zugleich das Gebetbuch auf, in welches sie theilnahmslos hineinstarrte. Fremd schien es ihr, das heilige Buch, nicht mehr das, was es ehemals war, der Geist der Andacht, der daraus immer emporstieg, schien diesmal wie verbannt, „Was fehlt Dir, sag' Deiner Mutter, mein herzliebes Kind, was Dir fehlt?" fragte die arme, geängstigte Mutter, die Augen mit Thränen gefüllt, „Kopfweh, liebe Mutter, ich habe heftiges Kopfweh!" Ihre Stimme klang traurig, tief traurig,?Ut demselben Tage jedoch konnte man sie mit ihren» großen Korbe die Richtung in die neue Welt cinschlagcu sehen. Diesmal jedoch hielt sie vor dem großen Hause an und schaute sehnsuchtsvoll zu den Fenstern des großen Saales hinauf, wo die „Bühne" war. „Hier ist die Stätte," sprach sie träumerisch vor sich hin, „wo die Künstler auftreten, wo man täglich singen hören kann," *) Tochter des Joseph, im Jargon: Jossel, Noch waren diese Worte nicht zu Ende gesprochen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte; es war die Ausschenkerin, die vor ihr wie aus der Erde emporwuchs. Die Bühne, begann sie bald in ihrer geschwätzigen Weise ihr zu erzählen, werde erst in einigen Tagen in dem großen Saale fertig werden, jedoch schon heute werde man in dem großen Billardzimmer der Schenke zu spielen anfangen, wohin auch sic, Esterka, als Obstverkäuferi» Einlaß erhalten werde, — Und an demselben Abende auch, wie an alle» übrigen Abenden, erschien auch Esterka, die Obstverkäuferin, mit ihrem großen Korbe im Theater, hörte, lauschte und trank die süßen, flüssige» Töne mit gieriger, lechzender Seele, , , . < Fortsetzung folgt.) Versöhnt! 12 Lrigmal-Roman von Jda Barber. (Fortsetzung.) Wenn sie im Bellevue, in der Waldmühle, ihr Frü hstück genommen, schlendertcn sie selbander durch die saftig grünen Wälder, deren Ozonrcichthum Herz und Sinn belebte, — Wie ideal malten sie sich da die Zukunft aus! Alle Hindernisse versanken, klar wie die sie umgebende Höhenluft war Alles in ihrem Leben. — Gar manche Bank tief im Waldesschatten wußte von be» Schwüren ewiger Treue zu erzählen, die sie da miteinander ausgetauscht; die Stundcu vergingen ihnen wie Minuten und „ach, daß es doch immer so bliebe" war ihrer Herzen lebhaftester Wunsch, Das reine Scelenglllck, in dem sie das junge Paar, das hier seine Flitterwochen verlebte, schwelge» sahen, bestärkte sie in der Annahme, daß auch ihnen eine gleich glückliche Zukunft blühen werde. Die Existenzfrage war ganz außer Spiel gelassen. Jlka wußte, daß sie reich war, Ellimar, daß er genug verdiente, »nn einem Mädchen, daß ihm zu Liebe auf alle Freuden des großstüdtijchen Lebens, die ibr das Elternhaus bot, verzichtete, ein angenehmes Heim bieten zu können. Der Tag ihrer Bereinigung und damit auch der der Trennung nahte heran. In 'einem Privathause fand die Ceremonie statt, Or, Lehner selbst hielt die Traurede und war sichtlich so bewegt, daß er secundenlang intie halten mußte, um r uhig weiter sprechen zu können. In lebhaften Farben malte er dem jungen Paare, das da unter dem Trauhimmel vor ihm stand, das Glück aus, das ein echtes Familienleben zu gewähren im Stand sei, wenn religiöse Weihe das Haus heiligt, der Sinn für des Lebens edlere Güter die Herzen erfüllt. Da, als die Ringe gewechselt wurden und Jlka den ihrigen von Ellimar empfing, vernahm man von außen her lautes Stimmengewirr, Jlka erbebte; der Ring entfiel ihren Händen und war so bald nicht wieder zu finden. Die junge Frau meinte, eine Stimme erkannt zu haben, die ihr das Blut in den Adern erstarren machte; da indeß gar bald Alles still ward und die Ceremonie ihren ruhigen Fortgang nahm, meinte sie, daß nur ihre Aufregung sie die Stimme des Vaters hatte erkennen lassen, . . Die Feier war zu Ende: man beglückwünschte einander, man wollte sich gerade in den anstoßenden Salon, in dem eine Tafel ausgestellt war, begebe», als von außen wiederum laute Stimnien vernehmbar wurden. Jetzt hatte sich Jlka sicher nicht getäuscht, „Sie sind nicht im Kurhaus," hörte fie_ ihren Vater rufen, „ich verlange Einlaß! Ich weiß, daß mein Kind hier ist und zu einer schändlichen Comödie geniißbraucht wird!" . „ Leichenblaß kam einer der D'.ener herein, meldend^ daß ein Herr draußen sei, der schon vorher die Ceremonie stören l wollte; man habe ihn, da er furchtbar aufgeregt sei, nicht