Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 31 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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r / Jüdisches M 31. 1885. .s>cvau£flCi}cbi'ii von l)r. Rahmer in Magdeburg. Zur Wtthaltimg n. Kklehrung für -ie israelitische Jugend. ötemu)! 73,11,1 SUodjcuVlbicfjnilt Von vr, I. G 0 ld schm id t-Wciiburg. . 2 nm 11 e I > Forlskhunq.) — Vcrjöhnr. Oriliinal-Ronion von Ido Barbcr. (Fortscpunq.) — Jüdisch dcutsche RcdcnSa» ^JIUJUU. 3. Jöerjbftfl. — A llcrlci für dc» Fa m i licntisch: Kossuth und dcr Rabbiner. — Büder auS dem Milchen Po» Albe» Rasen bäum ln Gaffel- — Der Trobkops. — RiUhsel-Ausgoben und Räthsel-Lösiinge». Einc dunkle Erinnerung. Von Roth an Jüdisch-deutsche Redensarten. Von Lehrer ~. Familienleben. Genug! (;]um Wochciiabschnitt pnnXI.) t B'pnn ,-\b an iV. V. Moses 3,‘26.) Ge raufdict des Jordans geheiligte Fluth Als Kreuze dem heilige» Lande — Dort betet Mofes mit inniger Glnth Zu Gott an des Grenzstromes Rande: „D mildere -Herr, dein strenges Gericht In das Land der Verheißung z« zieh'» mir gewähr'!" Doch der -Herr die Bitte verweigernd spricht: „Ge ist geit.»g für Dich, nicht mehr!'!- Gs dehnt ein mächtiges Streben die Brust, Begierig haschst d» nach Vermöge», Du jagest »ach Ghren, du jagest »ach Lust, D» kämpfest wild und »erwegen. D mäßige dich, Hab »och endlich genug! — Doch steigt immer höher des -Gerzens Begehr, Nicht Horst d» die Stimme, nicht hörst du den Spruch: „Gs ist genug für Dich, nicht mehr!" — Doch einst kommt die Zeit und mächtig erschallt Die Stimm', die dich ruft aus dem Lebe», Die hört jeder einst, und in andrer Gestalt Grscheint dann das irdische Streben. Da wendet z» Gott fich empor das Gesicht, Der Abschied, er fällt, ach, jedem so schwer, Da hörst d» de» Ruf, wen» dein Auge bricht: ,,G« ist genug für Dich — nicht mehr!" O wohl dir, blickst Du in dieser Stund' Zurück auf ei» göttliches Leben! Das mildert die Schmerze» der Todeswnnd', Und beseliget kannst du entschweben! Wenn genug d« gethan, dem der dich erschuf, Wen» du vor Gott nicht erscheinest leer, Wen», gleich Moses, zum Ruhme dir tönet der Ruf: „Gs ist genug für Dich, nicht mehr!" vr. I. Goldschmidt-Weilburg. Eine dunkle Erinnerung. Von Nathan Samuely. (Fortsetzung) Langsamer schleppten sich unterdessen die letzten Wintertage hin. Esterka verfehlte keinen Tag, sich in der Schenke Moschko's cinzufinden, wo sie ihre Maaren den Güsten ausbot und mitunter auch von Herrn Piawski manchen Kreuzer löste. DaS rege Leben, das sich ihr dort erschloß, weckte in ihr bis jetzt ihr unbekannte Gedanken und Gefühle. Immer mehr begann das Leben der alten Welt ihr lästig und unerträglich zn werden, das der neuen immer verführerischer und verlockender. Im Verlaufe der Zeit machte sie auch die Bekanntschaft der Ausschenkerin, die ihr nicht genug von dem schönen, lustigen Leben zu erzählen wußte, welches mit den herannahenden Sommerlagen hier zu treffen sei, von dem Karten-, Schach- und Ballenspiele. „Ballenspielc!" mußte sie das Kind ans der alten Welt unterbrechen. „Lpielen denn bei Euch auch die großen, erwachsenen Leute, wie bei uns die kleinen Kinder mit Bällen und verschiedenen anderen Spielzeugen? Wie ist denn das möglich?" Allein sie sah cs bald. Die lustigen Tage waren im vollen Zuge. Wie ein schöner, bunter Traum zog es an ihr vorüber, das heitere lachende Leben. Sie, das Kind der alten Welt, aufcrzogcn in dem kleinen Dachstübchen bei dem großen Korbe und den summenden Gebeten ihrer Mutter hätte es kaum glauben mögen, daß außer jenem stillen, dumpfigen Leben noch ein anderes vorhanden sei, ein Leben voll freien Athmens, voll sonniger Luft. . . . Die Ereignisse drängten sich unterdessen immer näher. . . . An einem sehr heißen Mittag war es, als Esterka wie gewöhnlich mit ihrem großen Korbe in dem Schankhause erschien. Da stieß auf sie Herr Piawski, der ihr mit trunkener, schwerfälliger Zunge einige Liebeserklärungen lallte. Sie, an seine Geschwätzigkeit gewöhnt, ließ dieselbe theilnahm--' los über sich ergehen und schaute über ihn hinweg. Als er jedoch mit seinen plumpen, behaarten Fingern auf ihre Wangen zutapste, geschah es ihr, als kröche eine haarige Ratze über ihr Gesicht hin und voll inneren Ekels sprang sie der Thüre zu. Kaum jedoch, daß sie die Klinke in der Hand faßte, fühlte sic sich wie von einem wunderbaren Zauber gebannt — von einem Gesang nämlich, der aus dem Billardzimmer herüberdrang. Leise und langgezogen tönte cs, wie ein Ton, verloren in einer Wüste, dann weich wie eine Flöte, schmelzend wie ein Gebet. Plötzlich schwoll es zu Meeresbrausen an, brüllend, schäumend und durcheinanderstürzend. Aus diesem wunderbaren Gesänge klang etwas wie der Aufschrei eines Gefangenen, dem sein Peiniger nach vielen langen Jahren düster» Schmachtens eine enge Lücke in seinem Kerker öffnete, durch welche ein Stück sonnigen Himmels hineinlachte und ein voller, würziger Luststrom hineinquoll — und nun der Arme seinen Peiniger anflehen würde, daß er ihm wieder die Freiheit schenke, die sonnige, luftige Freiheit — leise anfangs, in Flehen fast ersterbend, dann hastig, stürmend, vordrängerd und anprallend, als würde er mit der ganzen Raserei seiner verwundeten Seele sich auf ihn stürzen und mit ihm uin seine Freiheit kämpfen, um die ihm gewaltsam entrissene Freiheit. . . . Der Text war von Göthe, die Musik von Mcndelssohn- Bartholdy und die Primadonna war es, die in dem Billardzimmer Probe hielt. Dar Kind aus der alten Welt stand wie verzaubert. Wohl begriff es kaum etwas von dem Zauber, der in dein Texte oder in der Musik lag, doch drang es ihm wie zischende Pfeile durch's Ohr in's volle, wogende Herz. Und als sie die letzte Strophe hörte, aus welcher oft und wiederholt das ihr einzig verständliche Wort „Leben' brausend und heulend, wie von einem Chor vcrivundetcr Seelen hervortönte, da wollte ihr fast das Herz platzen, so überströmend voll war es. Die letzten Töne waren lange schon verklungen, sie aber stand noch immer da, lauschend und mit offenen Augen