Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 30 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Um dies zu verhüten, Bruder, schreibe ich Dir; folge meinem wohlgemeinten Rath! Laß eitle Standesvorurtheile, unlauteren Ehrgeiz und Dünkelwahn schwinden! Das wahre Glück besteht nicht in all jenen von der Welt erborgten Flittern, es ruht tief innen im Herzen und wo wir es fördern können, da ist es Menschenpflicht, dies zu thun. — Martere das Herz Deines Kindes nicht, indem Du lange zögerst, ehe Du Dritte Einwilligung giebst — Jlka leidet mehr, als Du glaubst. Wir würden uns ttuendlich freuen, wenn Du selbst kämest, sie wieder ins Baterhaus zurllckzusühren. Sei versichert, Bruder, daß Dir mein Herz noch wie ehedenr in treuer Liebe entgegenschlägt, die Bande der Natur verleugnen sich trotz jahrelanger Entfremdung nicht. Dein treuer Bruder Leo Äraun." In fieberhafter Aufregung warteten alle Familienmitglieder auf die Antwort. Jlka selbst versprach sich am wenigsten von der Einwirkung des Briefes; sie wußte, daß ihr Vater zu hochmüthig geworden, um die Mahnung des in seinen Augen sehr simplen Bruders zu beherzigen; erstaunt war sie aber doch, als am dritten Tage der Brief uneröfinet mit der von ihres Vaters Hand geschriebenen Randbemerkting „Nicht angenommen" zurückkam. Der Onkel ward leichenblaß; das hatte er nicht erwartet; die Tante, wie immer resolut, sagte sogleich: „Wohlan, Jlka, morgen reisen wir! Du sollst Deine Hosinung uicht umsonst auf uns gebaut habeu!" „Ja, reiset mit Gott!" sagte Leo Braun; „Lehner wird Euch zur Seite stehen, Ihr findet dort Freunde und Berather und am Tage der Ceremouie werde ich selbst dort sein, um an meiner armen Jlka Vaterstelle zu vertreten!" „Wie soll ich Dir Deine Güte danken, bester Onkel?" rief Jlka leidenschaftlich; Du bist so gut, so theilnehmeud, die Tante die edelste der Frauen, doch —" Zögernd hielt sie tnite, „doch sagt mir, darf ich des Vaters Haß auf Etich heraufbeschwören? Er wird es, selbst wenn er seine Einwilligung später giebt, Euch nie vergessen, daß Ihr ihn guasi zu derselben gezwungen!" „Fürchte Gott und scheue Niemand," sagte würdevoll Leo Braun, „ist der Wahlspruch meines Lebens, liebes Kind. Ich weiß, daß ich ein Gott wohlgefälliges Werk thue, indem ich Dich unserem Glauben erhalte; Du ivirst dereinst eine brave, jüdische Frau werden, Dem Haus in Ehren führen, Deinem Gott in Treue dienen, Deinem Gatten, Deinen Kindern in Liebe augehören, — kann es für mich ein beseligenderes Gefühl geben, als das Bewußtsein, Dir zu all dem vecholfen zu habeu, da ich doch weiß, daß Du andererseits unserem Glauben abtrünnig werden würdest, tiichts von echt jüdischem Familienglück und religiöser Weise empfändest, verloren gehen würdest mit all Deinen reichen Herzens- und Geistesaulageu, in der Welt des äußeren Scheins, der Effeethascherei und Oberflächlichkeit." „Bravo, lieber Onkel," ries Jlka init Wärme, „wie wahr sprichst Du! Wie kennst Du die Welt und Menschen. Sag mir nur, wo Du Dir diese Beobachtungsgabe angeeignet, wie^Du zu desem Erkennen des wahren Glücks gekommen „Mein Kind," sagte würdevoll Leo Braun, „glaube nicht, daß man in der großen Welt leben muß, um das Leben zu verstehen. Ihr Alle, die Ihr wie oer Schmetterling von Blume zu Blume, vou Genuß zu Genuß flattert, wißt nicht, was genießen heißt. Jenes stille, beseligende Gefühl der erfüllten Pflicht geht Euch verloren; Ihr glaubt glänzen zu müssen, mehr zu scheinen, als Ihr seid und darin liegt keine Glückseligkeit. Bin ich mit Gott und meinem Gewissen eins, so tausche ich mit keinem Krösus der Welt! Wünsche haben wir Alle, und so lange wir streben, irren wir und machen oft bittere Erfahrungen; das ist so Menschenloos, unabänderlich, feststehend, ewig; aber es giebt eine Art, sich dieses Menschenloos erträglich. ja angenehm zu machen: wer festen Anker in Gott geworfen, nach seinen Satzungen handelt, ihn stets vor Augen und im Herzen hat, glaube mir, Kind, der fühlt jedes Weh nur halb so schmerzlich, jede Freude doppelt!" „Mir sagt es eine bange Ahnung," entgegnete da» junge, andächtig zuhörende Mädchen, „daß ich nie ganz glücklich werden kann, wenigstens nicht in Deinem Sinne. Man hat uns nie gelehrt, das Gute um des Guten selbst willen zu üben; wie beim Vater Ehrgeiz die Triebfeder all seines Thun, so hat man uns Kinder auch angehalten" — „Ich weiß, was Du sagen willst," unterbrach sie der Onkel, „doch all das ändert sich beim Weibe, wenn es das Glück har, seine Zukunft einem charakterstarken, edeldenkendeu Manne zu einen. Du wirst, wenn Du Sanders Gattin bist, das Leben von einer anderen Seite auffassen; daß Du erkannt, was Dir fehlt, ist mir schon die Gewähr, daß Du an Dir arbeiten wirst, um jene sittliche Reife zu erlangen, die die Haupttugend jedes echten, namentlich aber des jüdischen Weibes ist!" Wer Jlka so im Verkehr mit den einfachen, gemüthvollen Leuten sah, erkannte das stolze, hochfahrende Mädchen, das ehedem nur für Tand und Putz Sinn hatte, nicht wieder. Eine Wandlung zum Guten war mit ihr vorgegangen, die namentlich Frau Rosa sichtlich erfreute. Mit Eifer traf sie denn auch alle Vorbereitungen zur Reise. „Ich werde dort zwei Töchter habeu," sagte sie, „und mich an beider Glück erfreuen!" „Und als man endlich nach langstlludiger Fahrt im dichtbesetzten Coups in Marienbad anlangte, da standen sie schon am Perron, beide glückstrahlend, der geliebten Mutter freundliche Willkommrufe sendend, sie dann, als sie dem Wagen entstiegen, herzend und küssend, so warm, so innig, wie eben nur seclensfrohe Menschen zu Herzen und zu lieben vermögen. „Seid Ihr glücklich, Kinder?" fragte, um doch nur etwas zu sagen, die Mutter. „Wie kannst Du fragen?" entgegnete die junge Frau. ,,Wa» fehlt uns, daß wir nicht Gott in jeder Stunde danken sollten, es so gut mit uns gemeint zu haben?" „Wer es doch auch so hätte!" sagte Jlka fast schwermuthsvoll, als sie den Wagen bestiegen. Leah konnte nicht müde werden, von all den schönen Tagen, die sie zcither mit ihrem geliebten Manne verlebt, zu erzählen, von der gehobenen Stimmung, in die sie das neue Glück und die herrliche Natur, in der sie sich bewegten, versetzten, von den lieben Menschen, mit denen sie verkehrten, und vr. Lehner, er, der sonst redegewandte — sprach heute gar nichts. Doch seine Augen sprachen deutlicher, als Worte, sie sagten, daß er jenes beseeligende Gefühl kenne, das der Ausfluß reinsten Glückes ist. Als man zu Hause angelangt war, nahm Frau Rosa den Schwiegersohn bei Seite, um mit ihm Jlka's wegen zu sprechen. „Der rituellen Trauung," sagte dieser, „stehen keinerlei Hindernisse im Wege; ich habe bereits mit einem mir befreundeten Rabbiner, der hier zur Kur anwesetid ist, gesprochen; sobald zehn Leute zusammen sind, die Chuppe ausgestellt ist, kann die Ceremonie vor sich gehen, erwogen will nur sein, ob Jlka damit etwas erreicht, da ja vor dem Gesetz die kirchliche Trauung ohne die bürgerliche keine Gültigkeit hat." — „Die bürgerliche wird erfolgen, wenn die religiöse vorangegangen," sagte Frau Rosa zuversichtlich. „Meinem Herrn Schwager ist eine Leetion nothwendig, damit ihm der