Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1885
- Issue
- 30 (1885)
- Date
- 1885-01-01
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 118 — ihm zu verdanken haben, daß er, der einzige Jude in der neuen Well wohnen und sein Ausschanksgeschüft betreiben dürfe. Er habe ihn, wie er erzählt, bei einer Gelegenheit einnial als dienstbeflissenes Individuum kennen gelernt, weshalb er ihm die Erlaubnitz erwirkt habe, hier wohnen und sein Geschäft betreiben zu dürfen — denn einen Moschko, fügt er daraus immer hinzu, muß doch jeder Edelmann haben und wir sind doch von altadeligcm Geblütc. Moschko weiß freilich ganz anders die Geschichte seines Hierwohnens zu erzählen. Nach dem großen Brande, erzählt dieser, als ihm sein Haus in der alten Welt und ein Theil seiner Habseligkciten ein Raub der Flammen wurden, begab er sich zum Wundermann in Z., um seinen heiligen Rath wegen Gründung einer neuen Existenz einzuholen. „Suche Deinen Lebensunterhalt in der neuen Welt," soll ihm dieser geantwortet haben. Auf seine Einwendung, daß ja in der neuen Welt kein einziger Jude wohnen dürfe, übergab ihm der heilige Mann ein Amulet mit den Worten: „Hänge Dir dieses um den Hals, thue aber auch Geld in Deine Hand, und wen» Du so vor die Beamten der Stadt trete» wirst, wird keiner von ihnen Dir widerstehe» können, wie einst Pharao dem MoscS nicht widerstehen konnte." Wirklich konnten ihm die Beamten nicht widerstehen, als er mit seiner vollen, vom Rabbi gesegneten Hand die ihrige berührte. Jedes Jahr zeigt er ihnen seit daamls diese unwiderstehliche Hand und so kommt es, daß er in der neuen Welt wohnen und ungestört sein Geschäft betreiben darf. — Das ganze Jahr jedoch, betheuert Moschko, ist der Erlös ein nur sehr spärlicher und würde er das Geschäft schon lange ausgcgebrn ha! en, wenn dass ll e nicht immer in den letzten Sovimeriuonai.;i eintu Aufsä,wang nehmen sollte. In der That ist dann ein sehr reges Leben bei ihm zu finden. Die Künstlergesellschaft, die um diese Zeit in dem Städtchen S. anwesend ist und in dem großen Billardzimmer der Schenke oft Proben abhält, versammelt um sich alle Kunstfreunde, die sich bei ihm gütlich thun. Herr Piawsli eröffnet in der Regel den Reigen, indem er einige recht zündende Blicke gegen das Herz der kleinen Kröluwka, der Brcttcrkönigin, abfcuert, die ihm diese, fast zu Tode getroffen, schmachtend wieder zurückgiebt. Ans dieses Signal hin laufen die glühenden und schmachtenden Liebesblicke wie echte Amorspfcile hin und her und cs giebt ein allgemeines Leben und Sich -regen. Auch Moschko lebt und regt sich. Die bunte Gesellschaft nämlich löst sich alsbald in lauter Liebespaare, in Schatz und Schätzchen, auf, welche die hellen Liebesgluthen mit Strömen Weins zu löschen suchen. Eine wahre Lust ist es, in solchen wichtigen Augenblicken Mojchko anzuschen. Beide Arme mit verschiedenen, mit Getränken gefüllten Flaschen und Gläsern beladen, tummelt er sich in der Schänke herum und cs klirrt und klingelt um ihn her, wie um einen Orchestermann. Welch ein wüstes Jauchzen dringt aus diesem Schanklocale in die neue Welt hinaus, welch eine Helle, ansgelassene Freude! Nichts desto weniger gilt Moschko in der alten Welt als ein frommer, gottesfürchtiger Jude, weil ihm ja der Rabbi seinen Segen gegeben und weil übrigens Niemand aus der alten Welt eine Ahnung davon hat, was bei ihm vorgeht. Wer wagt sich von dort zu ihm hin? Einige Küchenschönheiten höchstens, die von Zeit zu Zeit bei ihm ihre Einkäufe besorgen und die von den liebesbedürftigen Herren, die hier immer hausen, willkommen geheißen werden. Diese jedoch verrathen nie und nimmer die großen Geheimnisse, welche sich ihnen bei Moschko in der Schenke auslhun. Da geschah es eines häßlichen Wintertages, daß auch Esterka, fast möchte ich sagen vom Schneesturin, in die Schenke Moschko's hineingefegt wurde. An einem Freitag war cs. Esterka trug wie gewöhnlich den großen Korb voll Früchte auf den Marktplatz hinaus. Des schlechten Wetters wegen zeigte sich jedoch heute selten Jemand auf der Straße, so daß der Erlös nur spärlich in einzelnen Kupfermünzen einfloß. Zu Hause war unterdessen noch gar nichts für den heiligen, lieben Sabbath vorbereitet, nicht einmal die „Barches". Da flog ihr ein Gedanke durch den Kopf, doch inachte sie eine verneinende Kopfbewegung, als wollte sie diese» Gedanken wie eine häßliche Grille von sich abschütteln — allein es half ihr nicht, deiin diese wollte nicht mehr weichen. So bewegte sie sich von ihrer Stelle fort und lenkte ihre Schritte der Brücke zu. Bevor sie selber daran dachte, hatte sie diese überschritten und schon rückte das Schankhaus Moschko's mit dem großen, schreienden Schilde ihren Blicken entgegen. Vor der Thür hielt sie noch zögernd inne, doch war sie einmal schon da. Sic griff nach der Klinke und bevor sie sich'» versah, stand sic mit ihrem großen Korbe mitten im Schanklocal. Kaum, daß die Gäste sie gewahrten, waren sie alle um sie her und von allen Seiten riß man ihr die Waare aus den Händen. Gar lustig kollerten die Kupfer- und die Silbermünzen, die sie hier löste, in ihre Tasche. Sie mußte nur bedauern, daß sie nicht zwei solcher Körbe hergebracht, denn so munter ging cs ihr noch nie mit dem Erlöse.... Frohen Muthes lies sie zu ihrer Mutter und indem sie ihr erzählte, wie ihr der Gedanke kam, zu Moschko in die Schenke zu gehen und wie die dortigen Gäste ihr die Maaren um den dreifachen Preis abgetanst haben, ließ sie ihr aus vollen Händen die Kupfer- und Silberniünzen i» den Schooß rollen. Sie war heute den ganzen Tag so lustig und glaubte auch, Grund dafür zu haben, und doch konnte sie es nicht abwehren, daß von Zeit zu Zeit, besonders wenn sic allein mit ihren Gedanken war, sich ihr etwas wie Unmnth in's Herz schlich, etwas Nagendes und Quälendes. Sie grübelte vergebens über die Ursache nach. Sonntag jedoch und so alle anderen Tage der Woche konnte man sie mit ihrem großen Korbe über die Brücke zu Moschko in die Schenke gehen sehen. War es der ihr dort winkende Verdienst oder irgend eine andere Ursache? Sie wußte cs selber nicht. Was sie alles Wüste und Tolle dort gesehen, erzählte auch sie nicht den Leuten der alten Welt, weil sie ja überhaupt eine stille, in sich gekehrte Natur war, die über Alles mehr sann, als sprach. Nach und nach jedoch vollzog sich in ihrem innersten Wesen eine immer größere Veränderung. __ (Fortsetzung folgt.) Versöhnt! n Original-Roma» üou Jda Barber. (Fortsetzung., IX. Im Marieubad. Leo Braun gewann es über sich, selbst an seinen Bruder zu schreiben, um seine Einwilligung zu Jlka's Verbindung mit dem Manne ihrer Wahl zu erlangen. Er schrieb: „Lieber Bruder! Der Zeiten gedenkend, da wir noch ein Herz und eine Seele waren, Du kein Gehcimniß vor mir, ich keines vor Dir hatte, da Du, mein Bruder, den ich über Alles liebte, unbedingtes Vertrauen zu mir hattest, wage ich es heute, obschon Du ein großer Mann geworden, während ich ein Krämer geblieben, all die alten, trauten Erinnerungen unserer Jugend wach zu rufen, uin zu Deinem Herzen, mein Bruder, sprechen zu können. Ich spreche nicht für mich, will Dir nicht sagen, wie mich Deine Entfremdung in der langen Reihe der Jahre geschmerzt, ich spreche für Dein Kind, das sich in seiner Noth an uns gewendet. Jlka ist seit acht Tagen meines Hauses Gast. Sie klagt, daß Du sie dem Glauben ihrer Väter entfremden, einem ungeliebten Mann zum Weib geben willst. Um dem Zwang zu entrinnen, hat sie das Elternhaus verlassen. Ich bin weit davon entfernt, ihr Thun zu beschönigen, doch appellire ich an Dein Vaterherz, das ja sicher nur das eine Streben kennt, den Kindern ein echtes, wahres Glück sichern zu können. Verzeih' ihr ihren Fehl, wie Gott, der Allgütige, auch Dir einst verzechen wird, was Du in der Ueberellung gesündigt. Du bist reich, angesehen, hast es nicht uöthig, Dein Kind zu opfern; was